Vintage und Retro-Stil In ist, was früher groß in Mode war


Osnabrück. Vintage- und Retro-Armbanduhren behaupten sich gegen die Smartwatches. Sie sind Teil des Lifestyle-Trends zu klassischen Designs, alten Dingen oder solchen, die aussehen, als wären sie ein paar Jahrzehnte alt.

Uhren führen uns tagtäglich Vergänglichkeit vor Augen. Paradoxerweise erweisen sich die Zeitmesser am Handgelenk selbst in Konkurrenz zur Smartphone-Anzeige und Smartwatch als zeitlos modern – und damit als Entschleuniger: Eckige, meist quadratisch angelegte Gehäuse mit Retro-Charakter, „sowohl hochwertige Chronografen als auch trendige Quarzuhren“, die an den Stil der 60er- und 70er-Jahre erinnerten, seien aktuell gefragt, gab beispielsweise der Bundesverband Schmuck + Uhren vor der diesjährigen Branchenmesse Inhorgenta im Frühjahr als Trend aus. Klassische Designs bieten Markenhersteller auch in diesem Jahr in Neuauflagen an – in allen Preisklassen. Ob mit oder ohne mechanisches Uhrwerk, Silber-, Gold- oder Lederarmband oder das ebenfalls wieder angesagte enge Metallgeflecht, das Milanaise-Armband: „Klare Optiken und flache Gehäuse sind weiter auf dem Vormarsch“, so der Herstellerverband weiter.

Alt ist wieder modisch

Die Rückbesinnung auf puristisches Design statt des digitalen Schnickschnacks einer Smartwatch kommt nicht von ungefähr: Längst imitieren die Hersteller einen Lifestyle-Trend, der als Subkultur mit Kleidung, Make-up und Accessoires begann, sich als Einrichtungsstil fortsetzte und sich heute auf alle möglichen Gebrauchsgegenstände anwenden lässt: Vintage. Alt ist wieder modisch. Entstanden bereits in den 1990er-Jahren in Großbritannien als eine Art Gegentrend zum wachsenden Einfluss des Internets auf den Alltag. Britpop-Bands wie Oasis lieferten den passenden Soundtrack mit musikalischen Anleihen bei den Sechzigern. Junge Leute stellten dazu ihren eigenen Modestil lieber in den Secondhandläden und auf Flohmärkten zusammen als aus dem Angebot großer Textilketten.

„Erinnerung an Qualität“

Petra Schreiber, Präsidentin Bundesverband Farbe Stil Image e.V. und Karriere- und Imageberaterin, sieht Vintage auch heute noch als einen Gegentrend zu der sich „immer schneller“ wandelnden Konsumwelt und eine „Erinnerung an Qualität und Nachhaltigkeit“. Denn: „Vieles wird heute nicht mehr so nachhaltig produziert wie früher“, meint sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Gegensatz zu den robusten, über Hunderte Jahre alten Holzmöbeln, „die heute noch stehen“, könne man so manch modernen „getackerten Schrank“ nach dem zweiten Umzug nicht mehr aufbauen. Menschen, die Vintage bevorzugten, „erinnern sich ein Stück weit an die Vergangenheit“ und haben eine Wertschätzung für das, „was einmal war“. So kaufen Vintage-Liebhaber oft Unikate und deren Geschichte, um die sie wissen, mit. So können exklusive Designer-Handtaschen oder historische Luxusuhren, beispielsweise eine Rolex des legendären Filmagenten James Bond, die bei Auktionen gehandelt werden, für Sammler auch Wertanlagen sein.

Legendärer Auftritt: Julia Roberts 2001 bei der Oscar-Verleihung in einem eleganten Valentino-Abendkleid aus der Kollektion 1992. Foto: imago/ZUMA Press

Vintage-Design ohne „Ablaufdatum“

„In einer Vintage-Uhr steckt Qualität drin, es sind ganz andere Uhrlaufwerke darin.“ Im Gegensatz zu den heutigen digitalen Uhren, die wie „Smartphone oder Computer“ ein „Ablaufdatum“ hätten, sagt Schreiber. Vintage-Uhren seien dagegen zeitlos. Es sei ein gewisses neues Traditionsbewusstsein, kombiniert mit dem Thema Nachhaltigkeit, meint die Stilberaterin, das die Käufer antreiben würde. Diese Sehnsucht nach Beständigkeit in einer vom schnellen technischen Fortschritt geprägten Zeit haben sich längst die Markenhersteller zu eigen gemacht – und so sehen plötzlich viele neue Dinge ganz schön alt aus.

Alte Schnitte erleben Revival in neuen Kollektionen

So erleben dank Vintage in der Mode im Retro-Stil Schnitte aus verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts ein Revival in neuen Kollektionen, beispielsweise geblümte Maxikleider aus den 70er-Jahren, ausgestellte A-Linie aus den 60er-Jahren, Petticoatkleider aus den 50er-Jahren oder Marlene-Dietrich-Hose aus den 30er-Jahren. Wenn neue Möbel oder Dekogegenstände künstlich auf alt getrimmt werden, würden damit auch Menschen angesprochen, schätzt Petra Schreiber, „die vielleicht nicht Dinge aus dem Secondhandladen kaufen wollen, weil es schon mal jemand angehabt oder gebraucht hat, und nicht jeder mag Flohmärkte, oder sie machen einfach eine Modeerscheinung mit.“


Was bedeutet Vintage?

Vintage kommt aus dem Englischen und bedeutet auch „altmodisch“ oder „klassisch“. In Großbritannien begann der Modetrend in den 1990er-Jahren. Ursprünglich wurde mit dem Begriff Vintage die Weinlese oder der Jahrgang eines – besonders erlesenen– Weines bezeichnet. Von letzterer Bedeutung leitet sich der Trend Vintage ab.

Vor allem in der Mode ist der Begriff als Stilbezeichnung heute gebräuchlich für Kleidungsstücke aus einer älteren Designer-Kollektion. In der Regel versteht man unter Vintage Kleidung, Schmuck, Accessoires, die aus den 30er- bis 80er- Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Sie findet man in Secondhandläden, auf Flohmärkten oder – beispielsweise bei historischen Luxusuhren oder -Handtaschen – auf Auktionen.

Vintage-Stil oder Retro-Stil bezeichnet Kleidungs-, Schmuckstücke oder Gegenstände, die gebraucht (auch „Used Look“ oder „Shabby Chic“ ) aussehen wie aus einer vergangenen Epoche, tatsächlich aber neu sind.

Der US-Schauspielerin Julia Roberts wird nachgesagt, dass sie half, den Modetrend zu befördern, als sie 2001 bei der Oscar-Verleihung in Hollywood ein Vintage-Abendkleid von Valentino aus seiner Kollektion aus dem Jahr 1992 trug. Dass Stars alte Designerkleider auf dem roten Teppich auftragen, war bis dahin unüblich. es

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN