Depression, Herzrasen, Panik Macht die Hormonspirale psychisch krank?

Macht die Hormonspirale psychisch krank? Untersuchungen von Wissenschaftlern aus Rotterdam legen diesen Verdacht nahe. Foto:colourbox.deMacht die Hormonspirale psychisch krank? Untersuchungen von Wissenschaftlern aus Rotterdam legen diesen Verdacht nahe. Foto:colourbox.de

Osnabrück. In den USA klagen rund 2.600 Anwenderinnen gegen den Bayer-Konzern, hierzulande prüft die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA), welcher Zusammenhang zwischen Hormonspiralen und psychischen Problemen besteht. Wie gefährlich ist das Verhütungsmittel wirklich?

Wenig Zeit? Am Ende des Textes finden Sie eine Zusammenfassung.

Rebekka H.* war bereits 38 Jahre alt, als ihre Tochter zur Welt kam. Da für sie klar war, dass es keinen weiteren Nachwuchs geben sollte, ließ sie sich eine Hormonspirale einsetzen. „Das erschien mir einfach am praktischsten“, sagt sie.

Fünf Jahre lang müsste sie sich keine Gedanken mehr über das Thema Verhütung machen, und während es bei der Kupferspirale häufig zu verstärkten Monatsblutungen kommt und ein Risiko für Entzündungen der Eileiter und des kleinen Beckens besteht, wird durch die Hormonspirale die Periode deutlich schwächer und weniger schmerzhaft, und auch für Entzündungen besteht ein geringeres Risiko.

Das Einsetzen erfolgte schließlich auch ohne Probleme – die kamen erst später. „Als Mutter mit Baby ist man natürlich oft müde und genervt, vielleicht sogar depressiv“, sagt Rebekka H. Aber ihr Kind wurde älter, entwickelte sich prächtig, schlief gut und fiel allgemein in die Kategorie „pflegeleicht“. „Dennoch leide ich die ganze Zeit an einer inneren Unruhe, selbst im Urlaub habe ich Probleme, zu Ruhe zu kommen“, sagt sie.

Depressionen, Panikattacken, Todesangst

Im Internet und in sozialen Netzwerken sind zahlreiche Seiten, Gruppen und Foren zu finden, in denen sich Frauen über Nebenwirkungen, die sie in Zusammenhang mit der Hormonspirale setzen, austauschen. Sie berichten von Depressionen, Schwindel, Herzrasen, Panikattacken bis hin zu Todesangst.

Das Magazin „Der Spiegel“ berichtet, dass Untersuchungen von Steven Kushner, Professor für neurobiologische Psychiatrie am Erasmus University Medical Center in Rotterdam, ergeben haben, dass „levonorgestrelhaltige Hormonspiralen nicht nur lokal in der Gebärmutter wirken“.

Frauen, die eine Hormonspirale trugen, hätten laut den Untersuchungen in Stresssituationen häufig besonders große Mengen des Stresshormons Kortisol ausgeschüttet. Sogar in den Haaren der Probandinnen, die eine Hormonspirale trugen, wurden laut dem Bericht auffällig hohe Kortisolwerte nachgewiesen.

2.600 Klagen in den USA

In den USA haben wegen der Hormonspirale Mirena im Jahr 2016 etwa 2.600 Anwenderinnen Klage gegen Bayer eingereicht. Das geht aus dem Geschäftsbericht des Konzerns hervor. „Die Klägerinnen behaupten unter anderem, dass Mirena™ fehlerhaft sei und Bayer die angeblichen Risiken gekannt habe oder hätte kennen müssen und die Anwenderinnen vor diesen Risiken nicht angemessen gewarnt habe. Mit weiteren Klagen ist zu rechnen“, heißt es in dem Geschäftsbericht, aus dem zudem hervorgeht, dass Bayer mit Hormonspiralen im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Umsatz gemacht hat.

Überprüfung durch die Europäische Arzneimittelagentur

Mittlerweile hat auch die europäischen Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency) ein sogenanntes „Signalüberprüfungsverfahren“ zu psychiatrischen Nebenwirkungen von Hormonspiralen eingeleitet. Eigentlich sollten in diesem Monat die Ergebnisse der Überprüfung veröffentlicht werden. Allerdings forderte der PRAC (Pharmacovigilance Risk Assessment Committee – Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz) im Juni weitere Informationen an, so dass ein Abschluss der Prüfung erst im Oktober erwartet wird.

Mehr als eine Milliarde Euro Umsatz hat der Pharmakonzern Bayer im vergangenen Jahr mit seinen Hormonspiralen gemacht. Foto: Bayer AG

Bayer betont, eng mit den Behörden zusammenzuarbeiten und „bei Bedarf die Produktinformationen zu aktualisieren“. Der Konzern weist allerdings darauf hin, dass bereits jetzt im Beipackzettel als häufige Nebenwirkungen (heißt: Eine bis zehn von hundert Anwenderinnen sind betroffen) „depressive Stimmung/Depression“ vermerkt sei.

Seit Jahren Kritik an der Hormonspirale

Dabei steht die Hormonspirale nicht zum ersten Mal in der Kritik. Eine britische Studie aus dem Jahr 2007 ergab, dass nur 48 Prozent der Anwenderinnen die Hormonspirale die vollen fünf Jahre lang behielten, während die übrigen Frauen sie wegen Nebenwirkungen vorzeitig entfernen ließen. Auch das Ärzteblatt warnte bereits 2009 vor psychiatrischen Nebenwirkungen und forderte dazu auf, alle beobachteten Nebenwirkungen und Verdachtsfälle der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zu melden.

Bundesverband der Frauenärzte befürwortet weiterhin Spirale

Trotz all dieser Bedenken – Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover, würde derzeit Frauen nicht davon abraten, sich eine Hormonspirale einsetzen zu lassen: „Hormonspiralen werden seit Jahrzehnten als zuverlässige Langzeit-Verhütungsmittel verwendet. Da die Hormondosis, die bei der Verwendung von Hormonspiralen in den Kreislauf gelangt, sehr viel niedriger ist als bei den Verhütungspillen, sind systemische Nebenwirkungen aller Erfahrung nach seltener und leichter als bei Pillen, die Levonorgestrel enthalten.“

Allerdings sei nicht auszuschließen, dass manche Frauen, deren Hormone sich im Ungleichgewicht befänden, mit Nebenwirkungen auf die Spiralen reagierten. „Darauf muss man achten, das steht auch im Beipackzettel, neben zahlreichen anderen Aspekten, auf die man bei der Einlage einer Spirale achten muss“, sagt Albring. „Für Frauen, die eine zuverlässige Verhütung von Schwangerschaften brauchen, und bei denen keine Kontraindikationen bestehen, bleiben die Hormonspiralen unter allen möglichen Varianten trotzdem eine bewährte Option.“

Für Rebekka H. ist die Spirale keine Option mehr. Auch den Bericht der EMA wird sie nicht abwarten. „Ich werde das Ding auf jeden Fall rausnehmen lassen“, sagt sie. Wie sie künftig verhüten will, weiß sie noch nicht. „Aber von Hormonen habe ich erst einmal genug.“

*Name auf Wunsch verändert. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

In Kürze: Die Hormonspirale steht wegen möglicher Nebenwirkungen in der Kritik. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA überprüft derzeit, ob die vom Pharmakonzern vertriebenen Spiralen psychische Probleme wie Depressionen, Panikattacken und Schlafstörungen auslösen können. In den USA haben bereits 2.600 Anwenderinnen gegen den Konzern wegen Nebenwirkungen Klage eingereicht.


Die Hormonspirale ist in Deutschland seit 1996 zugelassen. Sie besteht aus einem etwa drei Zentimeter langen T-förmigen Kunststoffkörper, der nach der Einlage in die Gebärmutter das künstliche Gelbkörperhormon Levonorgestrel abgibt. Der Wirkstoff wird konstant in sehr kleinen Mengen an den Körper abgegeben. Auch wenn oft angegeben wird, dass die Spirale lokal wirkt: Der Wirkstoff gelangt über den Blutkreislauf in den gesamten Körper. Neben sehr häufigen, in erster Linie körperlichen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Ausbleiben der Monatsblutung werden als häufige Nebenwirkungen Depression, Migräne, Nervosität, verringerter Geschlechtstrieb, Akne, Rückenschmerzen, Gewichtszunahme und übermäßiger Haarwuchs angeführt.

Die Kosten für eine Hormonspirale, die etwa fünf Jahre lang im Körper der Anwenderin bleibt, betragen etwa 280 bis 350 Euro. Marktführer in dem Bereich Hormonspirale ist der Pharmakonzern Bayer, der die Hormonspiralen Mirena, Jaydess und Kyleena (erst seit Mai auf dem Markt 2017) herstellt.

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