zuletzt aktualisiert vor

Matthias Horx über Szenarien Trendforscher: So lieben wir in der Zukunft

Von Elke Schröder


Osnabrück. Wie werden wir in Zukunft lieben? Trendforscher Matthias Horx plädiert bei der Gestaltung von Beziehungen im Interview mit unserer Redaktion für eine „neue Ehrlichkeitskultur“. In neuen Buch „Future Love“ entwickelt er drei Zukunftsszenerien zu Liebe, Sex und Familie.

Herr Horx, Sie stellen derzeit vier Partnertrends fest, darunter „Friending“ – alte Freunde werden zu Partnern – sowie die Rückkehr der Vernunftehe. Woher kommt dieser Hang zur nüchtern-pragmatischen Partnerwahl?

Das sind vier kleinere Trendphänomene in diesem großen Liebesdschungel, den ich in meinem Buch im Zusammenhang zu beschreiben versuche. Mein Buch handelt ja von den generellen Paradoxien des modernen Liebesuniversums, und dazu gehört die permanente Überlastung, der Über-Anspruch an die romantische Liebe: Viele Menschen, wenn nicht die Mehrheit glauben, dass ein Partner im Leben alle Bedürfnisse, die wir an die Liebe haben – und das sind vielfältige wie tiefes Verstehen, endloses erotisches Begehren, Lebensbegleitung, ständige Intimität – dauerhaft erfüllen kann. Gegen diese Unmöglichkeit existieren viele kleine Gegentrends, die eine neue Art Liebes-Pragmatismus darstellen. „Friending“ ist einer davon: Man schläft mit guten Freunden, ohne daraus das ganz große Liebesglück machen zu wollen.

Zwei weitere Gegentrends sind: „Superfast Choice“, eine Art Speeddating, wo man sich zunächst anschweigt, sowie das „Achtsam Verlieben“, man testet sich bewusst eine Weile im Spannungsfeld von Nähe- und Distanz aus. Wie erklären Sie diese künstlich hergestellte Romantik?

Wir erleben so etwas wie eine Spaltung der Liebeskultur – einerseits wird im Reich der Liebe alles oberflächlicher, andererseits tiefer und anspruchsvoller. Mein Buch versucht, diese beiden Seiten auszuloten und auch aus der Vergangenheit zu erklären. Das Buch ist der Versuch einer Evolutionsgeschichte der Liebe von der Urzeit über unsere moderne Kultur bis in die Zukunft hinein. Und da gibt in Zukunft eben nicht nur eine Antwort, ein Standardmodell der Liebe, sondern viele verschiedene Wege, mit dem Liebesdilemma umzugehen. Wir haben natürlich immer das Bedürfnis, dass es eine gesellschaftliche Norm der Liebe geben sollte, nach der sich alle richten, so wie es die Kleinfamilie in den 50er- und 60er-Jahren gab. Aber das wird in Zukunft so nicht mehr wiederkommen. Menschen werden auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen ihr Liebesbedürfnis und ihre Familienstrukturen leben. Der erste Satz von Tolstois Roman „Anna Karenina“ lautet: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ In der heutigen Individualkultur gilt das Gegenteil: „Alle glücklichen Familien und Liebesbeziehungen brauchen einen ganz und gar eigenen Weg, um glücklich werden und bleiben zu können.“

Sie entwickeln drei Liebesszenarien, die sich alle in Zukunft durchsetzen, neben der technisch perfektionierten virtuellen Liebe…

…wo wir dann Roboter und Avatare lieben. Das ist der radikalste Trend. In der Tat, es wird Menschen geben, die vereinsamt sind und deshalb Liebes-Roboter brauchen. In Japan findet man heute schon eine ganze Kultur, in der sich die Menschen voneinander abwenden und elektronischen Liebes-Simulationen zuwenden. Aber ich glaube nicht, dass das auf Dauer generell unsere Liebes-Zukunft bestimmt. Letztendlich wäre das eine ungeheure soziale Deklassierung, wenn jemand auf einer Party mit seinem neusten Liebes-Roboter auftaucht – „Er kann sich eben keine Echte leisten….“ Aber natürlich spielt das Internet, spielen Simulationstechniken, demnächst eine große Rolle. Virtual-Reality-Brillen werden erst mal ganz stark für Pornografie eingesetzt werden, und wir wissen, dass der Über-Gebrauch von Pornografie irgendwann die sexuellen Fähigkeiten zerstört. Deshalb gibt es in den USA heute schon eine massive No-Porn-Bewegung.

Zweites Szenario ist die „Liquid Love“. Demnach gehört „Multi-Liebe“ dazu: Für jedes Bedürfnis hat man einen anderen Partner, aber nicht mit jedem eine sexuelle Beziehung.

Eine der zentralen Themen, die das Buch behandelt, ist die Frage, ob wir zur Polygamie fähig sind und unser heutiges monogamisches Liebes-System nur vorübergehend ist. Das Ergebnis meiner Studien über die evolutionären Wurzeln der Liebe lautet: Wir sind eher monogam. In Zukunft werden wir zwar noch mehr „seriell monogam“, also im Laufe unseres Lebens noch mehr Beziehungen hintereinander haben. Polygamie im Sinne des heutigen Polyamorie-Konzeptes, dass wir mehrere Liebespartner nebeneinander haben, wird jedoch eine Seltenheit bleiben. Das ist von der Evolution und von der Konstruktion unserer Gefühle her sehr schwierig. Was sich aber ausbreiten kann, ist das, was ich „Multi-Amorie“ nenne. Immer mehr Menschen verteilen verschiedene Aspekte der Liebe auf mehrere Personen. Wir haben sehr intensive Freundschaften, sexuelle Beziehungen ohne Zusammenleben, und vielleicht einen „Reproduktionspartner“. Da man nicht mit jedem alles hat, kann man leichter lernen, mit der Eifersucht umzugehen. Das wäre eine Möglichkeit, dieses furchtbare Dilemma zu lösen, in dem wir alles intensiv von einem Partner verlangen – und zwar lebenslang.

Was macht Sie da so zuversichtlich?

Man spürt einfach, wie sich die Bindungs-Strukturen langsam lockern: In Frankreich hat man vor fünf Jahren die „Ehe light“ eingeführt. Das ist eine Ehe ohne die tiefen Verbindlichkeiten der Ökonomie, des Erbrechts etc. Sie war ursprünglich gedacht als Partnerschaft für Homosexuelle. Erstaunlicherweise gehen nun 65 bis 70 Prozent der erstheiratenden Heterosexuellen die „Ehe light“ ein. Daran sieht man, dass es ein Bedürfnis nach neuen Verträgen der Liebe gibt. Im Liquid-Love-Szenario versuche ich, eine Partnerschaftswelt zu entwerfen, in der wir ehrlich damit umgehen, dass wir vielleicht die lebenslange Liebe gar nicht aushalten können. Wenn eine Gesellschaft zur Liebesvernunft käme, dann würde sie Lebensabschnitts-Partnerschaften bewusster und vielfältiger gestalten.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „Liebes-Deals“. Also Liebesverträge, in denen alles, auch die Kinderfrage, geregelt und nach einer gewissen Zeit neu verhandelt wird.

Eheverträge gibt es ja heute schon. Aber sie sollen meistens Verbindlichkeiten verhindert und im Falle eine Scheidung den Mann vor Vermögensverlust schützen. Das ist natürlich ausbeuterisch und unklug. Aber könnte man nicht auch Vereinbarungen treffen, was man voneinander erhofft und sich gemeinsam vornimmt? Also Partner-Verträge im Positiven? In der Partnerschaft verhandelt man ja eigentlich immer miteinander etwas aus, aber oft ist man dabei nicht ehrlich, und dann geht das schrecklich schief. Mein Szenario nimmt also eine „neue Ehrlichkeitskultur“ in der Liebe an.

Wahrlich paradox, die Liebe planen zu wollen, aber dennoch im romantischen Sinne auf die große Überraschung der Verliebtheit zu hoffen…

Die Liebe selbst ist ja ein Paradox. Es ist auch nicht so, dass der Hass das Gegenteil von Liebe ist. Das ist die Gleichgültigkeit. Wenn wir den Hass verstehen wollen, der sich heute als dumpfes Verachtungs-Geschrei im Internet ausbreitet, oder als Terrorismus und bösartiger Populismus, dann müssen wir feststellen, dass es dabei immer um eine Enttäuschung der Liebe geht. Menschen, die sich überhaupt nicht gewollt, gesehen, geliebt fühlen, werden irgendwann wütend und fangen an zu hassen. Hass ist eigentlich auch ein intensives Bindungsgefühl.

Ihr drittes Szenario ist die koevolutionäre Liebe.

Das ist mein präferiertes Szenario. Die Liebe, in der wir lernen, uns durch den anderen immer wieder neu zu erfinden, zu verändern und zu reifen. Das ist ein altes Ideal, was eine gewisse bestechende Logik hat: Wenn man auf der einen Seite Romantiker ist und auf der anderen Seite merkt, die Evolution hat die Liebe aus Reproduktionsgründen erfunden, damit wir ungefähr vier Jahre treu zusammenbleiben, damit das Kind aus dem Gröbsten raus ist – dann müssen wir lernen, diesen Verliebtheits-Zyklus zu verlängern. Wir müssen uns als liebendes Paar immer neu erfinden. Wie aber macht man das? Die Paare, die das schaffen, schaffen das, weil jeder der beiden Partner eine eigenständige Entwicklung nimmt. Man „evolutioniert“ sich, indem man reifer und weiser wird, und man hilft dem Partner, dabei sich selbst weiterzuentwickeln. Die Erkenntnisse der Partner-Psychologie zeigen, dass scharfer Sex nur dann über lange Zeit zwischen zwei Menschen funktionieren kann, wenn man sich immer wieder neu, gleichsam als Fremde begegnet. Und das geht, wenn man sich selbst verändert! Dann trifft man immer wieder auf eine neue Person!

Das heißt aber auch, die Liebe wird in einer gleichberechtigten Beziehung nicht mehr gegen die Selbstverwirklichung ausgespielt.

Das wäre der Punkt, dass die Selbstverwirklichung Teil der Liebe ist. Die Liebe ist sozusagen dazu da, dass man sich selbst entdecken und differenzieren kann. Dadurch entsteht immer mehr Freiheit. Das ist in gewisser Weise das alte Emanzipationsideal, dass es in den 70er-Jahren schon gab – Sartre und Beauvoir – nur konnte man es damals noch selten authentisch leben, weil die Frauen auch noch in einer viel schwächeren sozialen Rolle waren. Um koevolutionäre Liebe zu lernen, müssen wir mehr über uns selbst wissen. Selbstliebe ist dabei ein ganz wichtiger Punkt. Man kann den anderen nicht lieben, wenn man sich selbst nicht liebt. Beziehungen scheitern oft daran, dass Menschen ein schwaches Selbstwertgefühl haben, und unbewusst den Partner für die eigene Schwäche verantwortlich machen. Dann zieht man sich gegenseitig in den Sumpf. In der koevolutionären Partnerschaft schafft man es, diese Spirale nach oben umzudrehen. Man „wächst aneinander“. Dazu gehören auch Krisen und ihre Bewältigung.

Was meinen Sie damit, es kämen mit Sicherheit neue Formen der Höflichkeit?

Ein wichtiges Element, um Romantik halten zu können, ist ein tiefer Respekt vor dem anderen. Deshalb brauchen wir wieder aristokratischere Liebesformen. Respekt heißt auch, dass man den Anderen nicht andauernd mit seinen eigenen Gefühlen und Unerlöstheiten überwältigt. Das man in gewisser Weise die Fassung wahrt. Die höfische Liebe hatte auch die Fähigkeit zur Distanz, also zur Bewunderung aus der Ferne. Liebesbeziehungen, in denen man eine gewisse Distanz zueinander wahrt, können sehr liebevoll sein. Wir wissen, dass die Erotik auch dadurch stirbt, dass man zu viel zusammen ist. „Vertrautheit bringt Verachtung hervor – und Kinder“, formulierte einmal Mark Twain. Diese Form der höfischen – und höflichen – Distanz, in der man den anderen besser idealisieren kann, wird, glaube ich, eine Renaissance erleben. Dem spüre ich in einem Szenario nach, in dem wir uns nicht mehr andauernd langweilige „Schatz ich komm gleich zum Essen“-SMS schicken, sondern wieder handgeschriebene Briefe mit viel Tiefe und echter Tinte.


Matthias Horx: „Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie.“ DVA, 19,99 Euro. Das Buch ist ab Montag, 26. Juni 2017, im Handel erhältlich.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN