Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Mit Kindern stressfrei verreisen: So geht‘s

Von Daniel Benedict

Vater, Mutter, Kind: die Elternkolumne. Illustration: Lilith BenedictVater, Mutter, Kind: die Elternkolumne. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Mit Kindern in den Urlaub fahren. Wie das ohne Stress über die Bühne geht, weiß unser Elternkolumnist.

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnisten Corinna Berghahn sich mit den Impfgegnern angelegt und ihren Kollegen gefragt: „Haben Deine Kinder schon Ferienortwünsche?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

mit dem Urlaub ist es bei uns wie mit dem Leben überhaupt: Die kühnen Vorstellungen, die überlebensgroßen Erwartungen kommen alle aus der Literatur. Logisch! Verreisen tun wir nur sehr selten, Axel Schefflers dramatisches Strandabenteuer von Pip und Posy dagegen lesen wir täglich mindestens achtmal. Wie ein richtiger Urlaub zu laufen hat, wissen meine Jungen aus diesem Klassiker. Es steht alles drin. Ausgenommen die Anreise, die Scheffler leider auslässt. Eine fatale Lücke, denn der dominante Urlaubswunsch meiner Kinder bezieht sich gerade darauf, wenn auch ex negativo: Sie wollen auf keinen Fall mit dem Auto hin. Sobald wir fahren, schreien sie durch bis zur Ferienwohnung. Anfangs haben wir sehr darunter gelitten. Mittlerweile kennen wir Eltern, bei denen es andersrum ist: Deren Kinder hören nur im Auto mit dem Schreien auf. Das ist natürlich viel unpraktischer. Ein Vergleich, der mich ungemein tröstet.

Damit unsere Kinder überhaupt einsteigen, muss ihnen ein attraktives, scheinbar leicht erreichbares Ziel vor Augen stehen. Genau deshalb hatten wir „Pip und Posy“ vor dem letzten Urlaub überhaupt gekauft. Der Text ist knapp, aber je näher der Abreisetag rückt, desto wortreicher ergänzen wir ihn: Oh, guck mal! So ein toller Kescher! Muscheln! Boote! Hast du den Schnorchel gesehen? – So etwa. (Die Sonnenmilch-Flasche, die Posy am Anfang leider aus ihrem Rucksack fischt, geben wir immer als Trinkpäckchen aus. Kinder einzucremen erzeugt ähnlich krisenhafte Situationen wie das Autofahren. Und Pip und Posy sind als dicht behaarte Nager ja auch ohne Lichtschutzfaktor 50 ausreichend auf das Sonnenbad vorbereitet.)

Das Lektüreprojekt ist voll eingeschlagen, trotz kleiner Abweichungen: Einen Schnorchel haben wir aus Geiz zum Beispiel gar nicht gekauft. Die Kinder haben das genauso akzeptiert wie die Abwesenheit sprechender Hundekinder in Bademode. Wie jede gute Novelle lässt auch Schefflers Buch die Handlung in einer unerhörten Begebenheit kippen: Eine Silbermöwe raubt Tom, dem schicken Hundekind, seine Eistüte direkt aus der Pfote. Exakt dasselbe ist uns mit einer Brötchentüte passiert, aus der ich einen in Zuckerguss ertrinkenden Hanseatenkeks angeln wollte – den dann eine Möwe nach halbherziger Verfolgung hämisch keckernd verzehrte. (Möge sie an Diabetes sterben.)

Mein großes Kind spricht oft davon, wenn wir im Buch die entscheidende Seite aufschlagen: Merk dir das, sagt es dann dem kleinen Bruder: Genau so ist es! Falls in meiner Familie je Interesse am Unterschied von Kunst und Erfahrung bestand, ist es damit ein für allemal erloschen. Deshalb freue ich mich auch so auf die Potter- und Hobbit-Phase. Im Kino hat mir das nie viel bedeutet. Heute sehe ich Orks und Hauselfen mit anderen Augen. Weil ich weiß: Das alles gibt es wirklich. Es ist real.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Müsst Ihr schon Schulbücher kaufen?

Das Buch zur Kolumne gibt es jetzt auch:

Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist erhältlich in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung, online unter noz.de/shop sowie telefonisch unter 05 41/310-10 44 (Mo.–Fr. 9–16 Uhr).


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kenne das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer einen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die andere ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine fast zwei und vier Jahre alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

0 Kommentare