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Trend im Vorgarten Steine verdrängen Pflanzen: Unmut über Kiesgärten

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Osnabrück. Ein Trend vor allem in Neubaugebieten sorgt für Unmut: Steine verdrängen Pflanzen im Vorgarten. Gartenfachleute und Naturschützer schlagen Alarm und sprechen sich für blühende, naturnah gestaltete Flächen aus.

Kiesgärten gelten für die meisten Besitzer als zeitgemäß, modern und pflegeleicht. Das geht aus einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hervor. „Gestalterische Unorte“ lautet dagegen das vernichtende Urteil von Karla Krieger von der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur, wenn Vorgärten mit überwiegend Splitt und Schotter bedeckt werden. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Stadt und Grün“ ging die Denkmalpflegerin noch weiter: Ein solcher „Kiesgarten“ sei keine Frage des individuellen Geschmacks, sondern eine „aktive Verunstaltung des öffentlichen Raums“.

Pflegeleicht: Irrglaube?

Der Trend zum Splitt- und Schotterbelag sei vorwiegend in Neubaugebieten zu verzeichnen, immer mehr aber auch bei Vorgärten, die überarbeitet würden, sagt Wolfgang Groß, Referent für Landschaft und Umwelt beim Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Aufkommen dieses Gartentyps in Deutschland vor ein paar Jahren sei auch ein wenig der Begeisterung für Do-it-yourself geschuldet, meint Groß. Gartenbesitzer könnten heute im Bau- oder Gartenmarkt einfach einen „Vlies von der Stange“ sowie ein paar Säcke Kies kaufen und gleich loslegen. Bei der bepflanzten Variante müsste man sich vorher „in Bücher vertiefen“ oder einen Fachmann rufen, um zu klären, „welche Stauden passen zu meinem Haus, meinem Garten, zu meinem Boden.“

Alternative: Stauden- oder Gehölzpflanzung

Dauerhafte Pflegeleichtigkeit als Hauptmotiv für den Kiesgarten gaben 80 Prozent der befragten Besitzer in der GfK-Studie an – davon überwiegend Männer, Frauen nannten häufiger ästhetische Gründe. Doch das sei ein Irrglaube, meint Groß: „Pflegeleichtigkeit mag zu Beginn stimmen, aber auf ein paar Jahre betrachtet, sicherlich nicht.“ Er möchte nicht wissen, wie die Schottergärten in fünf Jahren aussehen, „wenn sich Laub absetzt oder das Unkraut durch die untergesetzten Vliese langsam durchwächst – und dann sind sie schwerer zu pflegen“, denn es sei unmöglich, „zwischen dem Schotter irgendwas zu jäten“. Seine pflegeleichte Alternative: „Eine gute Stauden- oder Gehölzpflanzung, die an den Standort, an den Boden angepasst ist und dem Besitzer gefällt. Da gibt es mehr Möglichkeiten als bei Schotter.“

Initiative gestartet: „Rettet den Vorgarten“

Skeptisch sieht Wolfgang Groß auch die Frage der Entsorgung von „riesigen Bergen von verschmutzten Steinen“, wenn der Kiesgarten in ein paar Jahren doch umgestaltet werden soll: „Will ich dagegen eine Rasenfläche oder ein Rosen- in ein Rhododendronbeet umwandeln, dann rode ich die Pflanzen und kompostiere sie.“

Dem Phänomen Schottergärten begegnet der BGL seit Beginn des Jahres mit der Initiative „Rettet den Vorgarten“, die auf Überzeugung für blühende Gärten und deren „positiven Nutzensaspekten“ durch Information setzt.

In ihrem Auftrag lieferte die GfK-Studie nun im Mai Zahlen: 84 Prozent der deutschen Vorgärten sind demnach überwiegend bepflanzt, 15 Prozent überwiegend versiegelt, „das heißt, gepflastert oder mit Kies und Schotter bedeckt.“ Das seien 15 Prozent zu viel, meint Groß.

Klimawandel im Blick

„Wir appellieren, die Wirkungen für die Umwelt und das Klima zu bedenken: Ein schön bepflanzter Garten wirkt ganz anders, da bleiben die Leute eher stehen“, meint Groß. Hier sei auch der Jahresverlauf an den Pflanzen zu beobachten. Schotter dagegen sei „grau und irgendwann zugestaubt. Wenn Pollenflug ist, wird er leicht gelblich, also optisch nicht so schön.“

„Farbige Steine im Garten sind eine tolle Sache, haben aber nichts mit einem naturnahen Garten zu tun“, sagt Ulrich Thüre, Pressesprecher Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen. Er unterscheidet – wie Wolfgang Groß – ganz klar zwischen dem vielfältig bepflanzten „echten Steingarten“, der eine Besonderheit sei, und „bewussten Steinwüsten“. Letztere ohne Hecken und Grünpflanzen sind längst auch aus Sicht der Naturschützer in der Kritik, weil sie keinen Lebensraum mehr für Vögel und Blüten suchende Insekten bieten: „Schottergärten wirken sich aufs Kleinklima aus“, sagt Thüre. Und Wolfgang Groß vom BGL meint: „Wir beschweren uns über den Rückgang der Bienen, dass die Obstbäume und die Erdbeerfelder nicht mehr bestäubt werden, doch im Schotter finden die Bienen keine Nahrung.“

„Verliebtheit ins Grün“

Darüber hinaus warnen die Naturschützer: Gärten, die mit Steinen verfüllt werden, heizen sich im Sommer auf, speichern die Hitze und strahlen sie wieder ab: „Das befördert Klimaveränderung in der Stadt, da notwendige Kaltluftschneisen durch diese Versiegelungen wegfallen“, so der Nabu Niedersachsen weiter. „Wir müssen uns für den Klimawandel wappnen“, betont auch Wolfgang Groß. Sechs bis acht Grad, je nachdem, wie eng die Bebauung sei, könne der Temperaturunterschied zwischen Kiesgarten und einem Schattenplatz auf einer Wiese unter einem Baum oder Staudenbeet betragen.

Ein Wunsch sei, dass die Politik in Städten und Gemeinden, wo es möglich ist, stärker mit Vorgaben eingreift, meint Groß. Vor allem aber wünscht er sich statt Verschotterung der Vorgärten noch „mehr Verliebtheit ins Grün“ bei den Besitzern hierzulande ähnlich wie bei britischen Hobbygärtnern.


Tipps für eine naturnahe Gestaltung von Gärten gibt die Nabu-Broschüre ‚Gartenlust – für mehr Natur im Garten“. Sie ist gegen Einsendung von zehn Briefmarken zu 70 Cent erhältlich: NABU Niedersachsen, Stichwort ‚Gartenlust‘, Alleestr. 36, 30167 Hannover.

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