Wie wir uns nicht mehr vor Insekten ekeln Münsteraner Professor: „Insektenburger sind bald ganz normal“


Osnabrück. Dem einen läuft ein Schauer über den Rücken, wenn er ein krabbelndes Insekt sieht, der andere schreit, wenn eine Spinne an der Wand hochläuft – kurz: Viele Deutsche ekeln sich vor Insekten. Doch in Zukunft werden wir uns von ihnen ernähren müssen. Wann sie auf unserem Speiseplan stehen werden und wie wir es schaffen, unseren Ekel zu überwinden, erklärt Guido Ritter, Professor für Produktentwicklung, Lebensmittelsensorik und -recht an der FH Münster, der sich mit der Ernährung der Zukunft beschäftigt.

Herr Ritter, warum ekeln sich die meisten Deutschen oder Europäer vor Insekten?

Dass wir uns vor Insekten ekeln und sie ablehnen, ist ein erlerntes Verhalten. Insekten sind bei uns stark mit Unreinheit verbunden. Wir haben das Gefühl, dass sie gar nicht verdaulich oder nahrhaft sein können, auch wegen ihres Aussehens. Eigentlich ist das ein bisschen ambivalent, wenn wir an Garnelen oder Hummer denken. Doch bei diesen Tieren haben wir ein ganz anderes Empfinden.

Gibt es eine Möglichkeit, diese erlernte Einstellung zu verändern?

Ja. Umlernen ist angesagt. Das braucht zwar eine gewisse Zeit, ist aber möglich.

Und nötig?

Was aussieht wie ganz normale Burger sind Brötchen mit einem Patty aus Insekten – entwickelt vom Osnabrücker Start-up Bugfoundation. Foto: Michael Gründel

Genau. Im Moment leben wir noch im Überflussmodus. Alles ist immer und zu jeder Zeit verfügbar. Doch wenn 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben und alle gut essen wollen, werden wir uns das so nicht mehr leisten können. Die Steigerung der Zucht von Rindern, Schweinen und Hühnern wird dann nicht mehr ohne ökologische Katastrophen möglich sein. Auch aus ethischen Gründen müssen wir uns neue Quellen tierischen Eiweißes erschließen. Die Zucht und Verarbeitung von Insekten ist viel effizienter als beispielsweise die von Rindern. Wir bekommen fünf Mal mehr tierisches Protein aus Insekten als aus Rindern.

Also wird bald gar kein Fleisch mehr auf dem Teller landen?

In Deutschland werden wir uns nicht ausschließlich von Insekten ernähren, aber sie werden in Zukunft einen Anteil daran haben, dass wir uns ausgewogen und ausreichend ernähren können.

Wie schaffen wir es, dass wir uns nicht mehr vor Insekten ekeln?

Umlernen kann durch positive Erfahrungen passieren. Das geht nur, wenn man sich traut, etwas Neues zu probieren – und man dabei merkt, dass das ganz lecker schmeckt. Doch diese Hürde muss man erst mal nehmen. Allerdings hat Genussfähigkeit generell auch etwas zu tun mit Mut, Risiko und Grenzerfahrung. Wir sehen das ja mit anderen Sachen: Sushi zum Beispiel fanden wir vor einiger Zeit noch eklig. Heute gibt es das in jedem Supermarkt.

Die Vorstellung, dass da ein paar Maden und Käfer auf dem Teller liegen, ist trotzdem noch nicht wahnsinnig appetitlich…

Das lässt sich umgehen, wenn man die Insekten so präsentiert, dass man sie nicht gleich erkennt. Schokolade mit Maden zum Beispiel funktioniert hervorragend. Jeder kennt Schokolade und mag sie. Also probiert man sie auch eher, wenn man weiß, dass da noch etwas drin ist. Und dann merkt man, dass es crunchy ist, ein bisschen so wie Cornflakes. Und auf einmal ist das gar nicht mehr so spektakulär. Innovation in der Ernährung darf nicht zu spektakulär sein, sonst ist die Akzeptanz zu gering. Übrigens handhaben wir schon jetzt andere Produkte genauso: Wenn man ein ganzes Spanferkel auf den Tisch stellt, sind viele auch nicht so begeistert. Da wollen wir ausblenden, was wir mit dem Tier verbinden.

Wie schmecken Insekten denn überhaupt?

Wenn man sie röstet, entstehen wie bei Fleisch und Fisch Röstaromen, da geht es in die nussigen Noten. Das macht sehr viel Spaß im Geschmack. Es entsteht eine Menge Aroma. Deshalb schmecken geröstete Kaffee- und Kakaobohnen auch besser als die unbehandelten Bohnen. Es können aber auch fruchtige Geschmacksnoten entstehen. Das hängt von der Art ab, was alles wie verarbeitet wird. Was ich bisher probiert habe, war nicht eklig.

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Wie häufig essen Sie Insekten?

Im Moment etwa einmal im Monat. Wenn ich was probieren kann, dann tue ich das auch. Aber in Europa sind Insekten noch nicht so häufig verfügbar. Das hat rechtliche Gründe, wird sich aber in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Ab dem 1. Januar 2018 tritt eine neue Verordnung in Kraft, die klar regelt, wie in der EU einheitlich mit Insekten umzugehen ist und wie wir geprüfte, gut gezüchtete und hygienisch einwandfreie Ware bekommen.

Verglichen mit anderen Ländern: Wie weit ist Deutschland?

In der EU sind Holland, Belgien und Frankreich am weitesten, was Möglichkeiten der Züchtung angeht. Da gehen Forschung und Politik Hand in Hand. Lebensmittelrechtlich ist die Schweiz am weitesten, im dortigen Lebensmittelgesetz sind bereits drei Arten zugelassen. In Deutschland werden die Forschung und die lebensmittelrechtlichen Möglichkeiten noch nicht so forciert, wie es in Frankreich und den Niederlanden der Fall ist.

Was würden Sie vorziehen: ein saftiges Steak oder einen Insekten-Burger? Ein Stück Nuss-Schokolade oder Schokolade mit Maden?

Schokolade mit Maden finde ich vom Gefühl im Mund her spannend, bei der Nuss-Schokolade ist die Textur noch mal anders. Ich würde das eine nicht dem anderen vorziehen, sondern beides gleichwertig in die Ernährung einbauen. In den nächsten fünf, sechs Jahren wird ein Madenburger nicht mehr so spektakulär sein. Wir müssen weg vom Dschungelteller-Image, damit wir Insekten als etwas Vertrautes in unsere Ernährung einbauen können. Wenn der Ötzi leckere Maden gefunden hat, hat er sie auch gegessen.

Das RTL-Dschungelcamp hilft mit seinen Ekel-Menüs wahrscheinlich nicht dabei, uns Insekten schmackhafter zu machen?

Dadurch wird das Essen von Insekten noch stärker zu einer Mutprobe gemacht. Aber im Dschungelcamp werden meistens auch Gerichte serviert, die selbst in den Ländern, wo die Insekten herkommen, absolute Raritäten sind. Auch in Deutschland isst nicht jeder täglich Schweinemagen oder Kutteln. Es gibt eben regionale Spezialitäten und wir müssen neu lernen, Tiere ganz zu essen – und nicht nur die Lende vom Rind.

Was glauben Sie: Wann werden wir Insekten als Lebensmittel ganz normal finden?

2018 werden mehr Produkte auf den Markt kommen, weil dann eine rechtliche Sicherheit da ist. Und in den nächsten fünf Jahren wird es ganz normal sein, dass im Supermarkt der Insektenburger neben denen mit Schweine- oder Rindfleisch steht. Es ist hilfreich, wenn das Produkt einen geschmacklichen Anker hat, den wir kennen, wie zum Beispiel auch bei Fleischersatzprodukten. Für Vegetarier gibt es Produkte, die aussehen wie Wurst oder Schnitzel. Die sind zum Teil fürchterlich, aber helfen dabei, sich nach jahrzehntelanger Gewohnheit mit etwas Neuem anzufreunden.

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Wie gesund sind Insekten denn überhaupt?

Sie sind in diesem Aspekt vergleichbar mit anderen tierischen Proteinen. Doch es kommt nicht auf die Menge des Eiweiß‘, sondern auf die Qualität an. Tests haben gezeigt, dass es da bei einer Reihe von Insekten ganz gut aussieht. Deshalb nehmen schon jetzt mehr als 2,5 Millionen Menschen Insekten in ihre tägliche Ernährung auf.

Angenommen, in irgendeiner Zuchtstation werden Millionen von Insekten gezüchtet – und plötzlich gelangen sie in die freie Natur…

Wir müssen darauf achten, dass wir keine Arten nach Europa holen, die hier nicht heimisch sind und bei denen es problematisch wäre, wenn sie ausbüxen würden. Bislang wird sehr stark auf Mehlwürmer, Heuschrecken und Grillen gesetzt. Aber das ist zu kurz gegriffen. Es gibt auch Ansätze, heimische Bienendrohnenlarven oder Seidenspinnerpuppen in Bioqualität zu züchten. Wir müssen schauen, wie wir die Insekten halten, damit wir nicht aus einer Massentierhaltung in die nächste kommen. Ein anderes Thema ist das Töten der Insekten. Derzeit geschieht das über das Einfrieren. All diese Überlegungen müssen von der Forschung begleitet werden und in die Gesellschaft einfließen. Die Entwicklungen dürfen nicht hinter verschlossenen Türen geschehen. Es gibt auch Startup-Unternehmen, die sich mit der Insektenzucht zuhause beschäftigen. Wenn die Nähe zum Produkt da ist, könnte auch die Akzeptanz in der Gesellschaft schneller steigen. (Lesen Sie auch: Spinnen fressen mehr Insekten als Menschen Fleisch)

Darüber nachzudenken, wie man Insekten angemessen tötet, klingt zugegebenermaßen merkwürdig. Krabbelt zuhause eine Spinne rum, greifen viele einfach zum Staubsauger…

Auch das liegt daran, dass unsere Einstellung zu Insekten stark mit Ekel und Unreinheit verknüpft ist. Aber auch sie gehören zur Natur. Dementsprechend müssen wir den Blickwinkel, mit dem wir Insekten begegnen, unbedingt überdenken.


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