Bittsteller im Hotelfoyer Erfand genervter US-Präsident Lobbyisten?

Hotellobby oder schon Parlament? So soll es in der Lobby des Willard-Hotels in Washington um 1870 ausgesehen haben. Foto: imago/ZUMA PressHotellobby oder schon Parlament? So soll es in der Lobby des Willard-Hotels in Washington um 1870 ausgesehen haben. Foto: imago/ZUMA Press

Osnabrück. Wer brachte den Begriff des Lobbyisten einst auf? Leitet er sich von der Wandelhalle im britischen Unterhaus ab oder war es das Werk eines US-Präsidenten, der in der Lobby des Willard-Hotels in Washington Entspannung suchte?

Eine Eingangshalle kann ein hochpolitischer Ort sein. Das wissen wir, weil wir damit in der Regel den Einsatzort von Lobbyisten im Parlament verbinden. Doch seit wann ist es üblich, diese Interessenvertreter von Verbänden und Organisationen so zu nennen? Und wer hat die Bezeichnung erfunden?

Vergebliche Suche nach Entspannung

Angeblich soll es das Werk eines genervten amerikanischen Präsidenten gewesen sein, der sich nach ein wenig Ruhe vom politischen Betrieb im Weißen Haus sehnte: Ulysses S. Grant (1869–1877), der 18. Präsident der Vereinigten Staaten, suchte demnach häufig in der Lobby des Willard-Hotels an der Pennsylvania Avenue in Washington bei einem Glas Brandy und einer Zigarre Entspannung nach einem langen Tag. Dabei sei er jedoch so oft von aufdringlichen Bittstellern und Antragstellern belästigt worden, dass er sie als Lobbyisten bezeichnete.

Kein Hinweis in der „Washington Post“

Diese historische Anekdote habe die PR-Direktorin des Willard-Hotels im Jahr 2006 erzählt, berichtet der amerikanische Radiosender NPR. Der fragte damals bei Jesse Sheidlower, einem Autor des Oxford English Dictionary, noch einmal genau nach: Sheidlowers Angaben zufolge gab es die Bezeichnung aber bereits vor der Amtsübernahme von Grant 1869 in den späten 1840er-Jahren. Zwar habe man damals von Lobbyisten überwiegend in Washington gesprochen, eine Verbindung mit dem Willard-Hotel in diesem Zusammenhang schließt der Lexikograf jedoch aus. Man habe beispielsweise auch keine Hinweise darauf in den Berichten der „Washington Post“ aus dem 19. Jahrhundert gefunden.

Lobbyisten seit 1961 im Rechtsschreibduden

So führt auch Sheidlower die Bedeutung des Worts Lobby (englisch für Vorhalle) in einem politischen Kontext vor allem auf die Wandelhalle im britischen Unterhaus zurück, wo Bürger Kontakt mit Abgeordneten aufnahmen, um ihre Anliegen vorzutragen. Es wird aber auch ebenso auf die Lobby des US-amerikanischen Kongresses bezogen.

Die Grant-Anekdote findet sich auf der Webseite des Willard-Hotels. Allerdings lautet heute die Formulierung, der US-Präsident habe den Begriff populär gemacht – im angloamerikanischen Sprachraum. Denn fest steht: Im deutschen Rechtschreibduden stand das Wort Lobby erstmals 1929 – Lobbyisten tauchten dort erst 1961 auf.


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