Genomchirurgie Neue Debatte um den Embryonenschutz

Crispr-Cas9 verursacht Faszination unter Wissenschaftlern. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren zur Veränderung von Erbgut bei Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Foto: imago/Science Photo LibraryCrispr-Cas9 verursacht Faszination unter Wissenschaftlern. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren zur Veränderung von Erbgut bei Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Foto: imago/Science Photo Library

Berlin. Mit der Forderung nach Öffnung des Embryonenschutzes haben Forscher der Leopoldina eine alte Debatte wieder angestoßen. Fortschritte in der Genomchirurgie sehen sie als Anlass für neue Gesetze. Ihr Plädoyer erntet aber auch Widerspruch.

Crispr-Cas9 - ein kryptischer Begriff verursacht Faszination unter Wissenschaftlern. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren zur Veränderung von Erbgut bei Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Präzise kann die Gen-Schere Erbgut verändern, Teile kopieren oder herauslöschen wie in einem Textdokument. Die Neuentdeckung wirke „wie ein Gespenst“, urteilte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Das Verfahren weckt Hoffnungen auf Therapien schwerer Krankheiten, ruft aber auch eine Fülle ethischer Bedenken hervor. Deutsche Wissenschaftler fordern, die bislang streng verbotene Forschung an Embryonen für Verfahren der Genomchirurgie zu ermöglichen. Und auch beim Gentechnik-Gesetz wirft Crispr-Cas9 Fragen auf.

Brisante Forderung

Ende März veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaftler Leopoldina eine Stellungnahme, mit der sie eine breite Diskussion über den künftigen Umgang mit der Genomchirurgie anstoßen möchte. Die brisanteste Forderung darin ist die nach einer Öffnung des Embryonenschutzgesetzes. Die elf Autoren unterschiedlicher Disziplinen sprechen sich dafür aus, die Grundlagenforschung an sogenannten verwaisten Embryonen zu erlauben, die bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben und dafür nicht mehr verwendet werden. Damit rühren sie an einem heiklen Thema. Das 1990 verabschiedete Embryonenschutzgesetz mit seinem klaren Verbot solcher Forschung wurde seitdem nicht angetastet.

„Der Kampf gegen Leiden ist mit der christlichen Ethik verbunden“

Inzwischen hätten sich aber durch die Genomchirurgie neue medizinische und biologische Möglichkeiten ergeben, sagt der evangelische Theologe Klaus Tanner, einer der elf Autoren. Während die Kirchen im Sinne des Lebensschutzes das strenge Embryonenschutzgesetz befürworten, bemüht Tanner auch theologische Argumente für eine Öffnung. Die neuen Möglichkeiten zu nutzen, sei auch eine christliche Pflicht. „Der Kampf gegen Leiden ist mit der christlichen Ethik verbunden“, sagte Tanner.

„Massive verfassungsrechtliche Probleme“

Der Umgang mit bei In-vitro-Fertilisationen übrig geblieben Embryonen hat vor längerer Zeit auch den Ethikrat beschäftigt. Unter Berufung auf das Netzwerk Embryonenspende, das „Adoptionen“ überzähliger Embryonen vermittelt, geht der Ethikrat davon aus, dass bis 2012 etwa 5000 dieser Kleinstlebewesen in Zentren lagerten. Dazu kamen rund 28500 sogenannte Vorkernstadien, bei denen Ei- und Samenzelle noch nicht zum Embryo verschmolzen, nach dem Auftauen aber dazu in der Lage sind. Aktuelle Zahlen hat das Netzwerk nicht.

Um die Verwendung der überschüssigen Embryonen in der Forschung ging es dem Ethikrat aber nicht. Der Jurist Steffen Augsberg, seit vergangenem Jahr Mitglied in dem Expertengremium, sieht die Forderung der Leopoldina-Forscher daher auch skeptisch. „Wir haben es hier mit massiven verfassungsrechtlichen Problemen zu tun“, sagt er. Momentan hätten Embryonen einen sehr weitreichenden Schutz, „egal ob im Mutterleib oder in der Petri-Schale“. „Daraus folgen unmittelbare rechtspolitische Stoppsignale“, betont der Gießener Professor. Es gebe nicht die Freiheit, sich jetzt einfach für eine liberalere Regelung zu entscheiden.

Herausforderung für die Politik

Die Stellungnahme der Leopoldina kritisierte er als „bewusst unterkomplex“. „Die Forschung an Embryonen ist ein viel zu wichtiges und komplexes Thema, als dass man es auf zehn ausgesprochen großzügig formatierten Seiten sinnvoll bearbeiten kann.“ Dennoch sieht er durch Verfahren wie Crispr-Cas9 die Politik herausgefordert – allerdings zuerst im Bereich Landwirtschaft und Tierzucht. Derzeit werde darüber gestritten, was ein genveränderter Organismus im Sinne des Gentechnikgesetzes ist, erklärt Augsberg. Genomchirurgie verändert Organismen in einer Weise, dass am Ende anders als bei anderen Verfahren der Unterschied zwischen künstlicher oder natürlicher Gen-Veränderung nicht erkennbar ist. Damit sei offen, ob man das restriktive Gentechnik-Gesetz auf das Verfahren erstreckt oder einen mit Crispr-Cas9 veränderten Organismus wie das Ergebnis eines herkömmlichen Zuchtverfahrens betrachtet. Das müsse politisch entschieden werden, sagt Augsberg.

Von Eingriffen ins Embryonenschutzgesetz rät er aber ab, auch weil derzeit im Prinzip weltweit Einigkeit darüber bestehe, dass Cripr-Cas9 nicht für Eingriffe in die menschliche Keimbahn genutzt werden sollte. „Die ersten Versuche in China, bei denen es um HIV-Resistenzen geht, sind noch sehr primitiv“, erklärte Augsberg: „Wir sind praktisch weit von einer Anwendungsfähigkeit entfernt.“


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