Immer mehr Interventionsprogramme Können onlinebasierte Programme bei Depressionen helfen?

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In Deutschland werden immer mehr internetbasierte Interventionsprogramme für Menschen mit Depressionen oder Angststörungen angeboten. Foto: Colourbox.deIn Deutschland werden immer mehr internetbasierte Interventionsprogramme für Menschen mit Depressionen oder Angststörungen angeboten. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Kann ein psychotherapeutischer Onlinekurs Menschen mit Depressionen oder Angststörungen helfen? Während diese Kurse in anderen Ländern schon länger angeboten werden, kommen auch bei uns immer mehr auf den Markt. Experten raten aber davon ab, sich ausschließlich auf diese Kurse zu verlassen.

Drei bis fünf Monate warten Betroffene in Deutschland im Schnitt auf einen Psychotherapieplatz. „Das ist zu lang für jemanden, der akut an Depressionen erkrankt ist“, sagt Iris Hauth, Past Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Doch für Betroffene, die unter anderem unter Depressionen, Angststörungen oder Psychosen leiden, gibt es Hoffnung auf eine schnellere Behandlung: Seit einiger Zeit werden in Deutschland sogenannte internetbasierte Interventionen angeboten. „Sie dienen der Prävention, der Therapie und unterstützen die Wiedereingliederung in den Beruf und können zum Teil auch als einzige therapeutische Maßnahme angewandt werden“, sagt Hauth, die auch Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Jospeh Krankenhauses in Berlin-Weißensee ist.

Viele wirksame Programme

In Ländern wie den Niederlanden, den USA oder Skandinavien würden solche internetbasierte Angebote bereits seit Längerem genutzt. Auch in Deutschland kämen derzeit immer mehr auf den Markt. „Es gibt viele gut untersuchte Programme, die Wirkung zeigen.“ In den meisten Fällen seien diese Kurse verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. So auch „MoodGYM“. Dabei handelt es sich um ein internetbasiertes, interaktives Trainingsprogramm zur Prävention und Behandlungsbegleitung, das von australischen Wissenschaftlern entwickelt worden ist und ohne die direkte Einbindung von Therapeuten auskommt. Die AOK ließ „MoodGYM“ vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Universität Leipzig ins Deutsche übersetzten. Seit 2016 steht es kostenfrei zur Verfügung.

Wie funktioniert „Moodgym“?

„MoodGYM“ besteht aus fünf Modulen, die den Nutzern Hilfe zur Selbsthilfe sowie nützliche Tipps für einen besseren Umgang mit psychischen Belastungen geben können. Der Nutzer lernt zunächst, was seine Krankheit ist und wo sie herkommt. „MoodGYM“ vermittelt zudem Entspannungstechniken und lehrt, dysfunktionale Gedanken in gesunde Bahnen zu lenken.

Studie belegt Wirkung

Steffi Riedel-Heller, Direktorin des ISAP, führte die erste Studie zur Wirksamkeit von „MoodGYM“ im deutschen Raum durch. Sie wollte herausfinden, ob sich der Verlauf von leicht- bis mittelgradiger Depressivität und Lebensqualität bei Personen unterscheidet, je nachdem, ob sie nur in hausärztlicher Behandlung waren oder zusätzlich noch das „MoodGYM“-Programm absolvierten. Bei Letzteren stellte sie „eine signifikant deutlichere Reduktion der depressiven Symptomatik und psychischen Belastung sowie eine verbesserte Lebensqualität“ fest. Damit habe sie zwar im Vorfeld gerechnet, von der Deutlichkeit des Ergebnisses sei sie aber überrascht worden. Neben Effekten, die sich in den ersten Wochen der Nutzung zeigten, habe sie auch einen Langzeiteffekt nachweisen können. „Dass es solche Programme gibt, ist eine wichtige Entwicklung.“

Gute Ergänzung

„‚MoodGYM‘ eignet sich sehr gut als Ergänzung im Behandlungs-Setting beim Hausarzt, um Patienten etwas an die Hand geben zu können. Gerade in ländlichen Regionen, wo die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz länger sind, ist es gut, um diese zu überbrücken“, sagt Riedel-Heller. Mit „MoodGYM“ könnten auch Menschen zu einer Therapie motiviert werden, die wegen der Angst vor Stigmatisierung noch keine machen möchten.

Nicht ohne Begleitung

Sowohl Riedel-Heller als auch Hauth sind sich einig, dass internetbasierte Interventionen nie nur das einzige Mittel sein sollten. „Gerade bei Menschen mit Depressionen ist persönlicher Kontakt wichtig. Deshalb erscheint mir die Einbettung solcher Angebote in Behandlungssettings, wie zum Beispiel beim Hausarzt, besonders erstrebenswert“, sagt Riedel-Heller. Laut Hauth hätten zwar ausländische sowie inländische Erfahrungen gezeigt, dass diese internetbasierten Angebote auch anstelle einer face-to-face Therapie eingesetzt werden könnten. In Deutschland sieht sie deren Einsatz aber eher in der Überbrückung der Wartezeiten und zur Intensivierung einer Therapie. Und: Bevor jemand eine internetbasierte Intervention beginnt, sollte ein Haus- oder -Facharzt eine Diagnose stellen und auch für die weitere Behandlung zur Verfügung stehen.

Qualitätsprüfung gefordert

Neben „MoodGYM“ gibt es zahlreiche weitere Online-Angebote. An einer Qualitätsprüfung mangele es aber noch. „Wir stehen noch am Anfang. Es gibt noch keine staatliche Prüfstelle“, sagt Hauth. Einige Krankenkassen böten bereits Internettherapien an. Gefördert werden die Programme aber noch nicht. Ginge es nach Hauth, sollten sie in die Regelversorgung aufgenommen werden.

„Selfapy“ zur Wartezeit-Überbrückung

Ins Programm der Kassen aufgenommen zu werden, darum kämpft derzeit auch das Team von „Selfapy“, einem Onlineprogramm für Menschen mit Depressionen, Burnout und Angststörungen, das Therapiemethoden vermittelt. Im Gegensatz zu „MoodGYM“ ist „Selfapy“ nicht kostenlos. Ziel sei es, mit dem Programm die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken und dazu zu nutzen, dass sich die Symptome nicht verschlechtern, erklärt Katrin Bermbach, die Psychologie studiert und eine der Gründerinnen von „Selfapy“ ist. Ein Kurs zur Bekämpfung von Stress ist vor Kurzem von fast 80 Prozent der Krankenkassen anerkannt worden.

Wie funktioniert „Selfapy“?

Bei dem Programm, das sich an depressive Menschen richtet, lernen die Patienten zunächst, was eine Depression ist, was sie entstehen und aufrechterhalten lässt. In weiteren Modulen soll der Nutzer unter anderem lernen, eine Tagesstruktur aufzubauen und sich mit seinen negativen Gedanken beschäftigen. Einmal pro Woche gibt es zudem die Möglichkeit, am Telefon oder im Chat mit einem Psychologen zu sprechen. Mit diesem erstellt man zum Abschluss des Programms einen Rückfallkoffer, den man zur Hand nehmen kann, wenn eine depressive Phase kommt.

Studie mit Uniklinikum

Eine Wirksamkeitsstudie in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) habe ergeben, dass „Selfapy“ die Symptome einer Depression signifikant senken kann. „Es ist viel eigene Mitarbeit gefragt. Die Patienten merken dabei, dass sie selbst etwas schaffen können“, sagt Bermbach. Seit 2016 wird das Programm angeboten, mehr als tausend Betroffene hätten es bereits genutzt. Am häufigsten ist bislang der Kurs gegen Depressionen gebucht worden. Laut dem Robert-Koch-Institut sind acht Prozent der Deutschen depressiv.


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