zuletzt aktualisiert vor

Neurowissenschaften Was passiert im Kopf beim Fremdschämen?


Osnabrück/Leipzig. Ob Lachen oder Wut: Gefühle sind ansteckend, sagt Neurowissenschaftlerin und Science-Slammerin Franca Parianen, die in Leipzig das soziale Gehirn erforscht.

Kommt ein Kollege mit schlechter Laune zur Arbeit, lässt sie ungebremst an allen anderen aus, dauert es meist nicht lange, bis die gute Stimmung des gesamten Teams ebenfalls am Boden ist. Lachkrämpfe können ebenfalls ansteckend, in unpassenden Situationen jedoch peinlich sein. Beides wirkt ziemlich gedankenlos. Ist es aber nicht.

Was denkt sich also unser Gehirn nur dabei? „Das hat zum Teil mit den Spiegelneuronen zu tun, aber auch mit vielen anderen Mechanismen“, erklärt Franca Parianen, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig arbeitet, im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Entdeckung der Spiegelneuronen in den Neunzigerjahren, die eine wichtige Rolle dabei spielen sollen, dass wir Mitgefühl entwickeln können, habe einerseits einen großen Anstoß zum Thema soziales Gehirn geben: Denn die Forscher hätten erkannt, dass bei der Beobachtung einer Handlung eines anderen sich diese teilweise auf dem Motorcortex des Beobachters widerspiegelt: „Also: Wir sehen, dass jemand den Arm hebt, und wir haben ebenfalls ein Gefühl von dieser Armbewegung.“

Und plötzlich auch traurig

Doch die 1989 in Osnabrück geborene Wissenschaftlerin schränkt ein: „Heute wissen wir, Spiegelneuronen helfen uns zwar beim sozialen Denken. Es ist jedoch nicht klar, ob wir das nicht auch ohne sie können.“ Es sei ebenfalls nicht klar, bis zu welchem Grad sie dabei helfen. Und warum sind Gefühle ansteckend? „Zu einem gewissen Ausmaß passiert etwas Ähnliches wie beim Spiegeln der Armbewegung auch mit Emotionen: Ich sehe einen Gesichtsausdruck, und dann reflektiert dieser Ausdruck in meinem eigenen Gehirn: Mundwinkel nach unten. In diesem Fall sind ähnliche Neuronen aktiv wie die, wenn ich selber die Mundwinkel nach unten ziehe.“ Was im motorischen Cortex passiere, habe Einfluss auf unsere eigenen Gefühle. Deshalb sei es auch möglich, dass man beim „Nachfühlen des Gesichtsausdrucks eines anderen“ manchmal bemerken könne, dass man nun ebenfalls traurig ist. Das sogenannte Fremdschämen, wenn wir also eine Person in einer peinlichen Situation sehen, sei auch eine Art Gefühlsansteckung. „Wir sehen, dass es ihr peinlich sein sollte und fühlen uns selbst peinlich berührt. Das ist nicht viel anders, als wenn wir uns von trauriger Stimmung anstecken lassen.“

Für unsere eigene Gruppe schämen wir uns mehr

Das Interessante daran sei aber, so die Science-Slammerin, dass wir uns stärker für unsere eigene Gruppe schämten als für diejenigen, die wir nicht persönlich kennen. Denn in der Regel tendierten wir eher dazu, die eigenen Leute zu bevorzugen, wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten. Wenn man aber jemanden aus dem eigenen Team sieht, „der sich gerade total blamiert, empfinden wir das als viel, viel schlimmer als bei jemandem von außen“. Dass das Einfühlen in Menschen, die einem ähnlich sind, leichter fällt, das sei zum Teil an den Bereichen des Gehirns erkennbar, die der Mensch nutze, um andere zu verstehen: „Je näher mir jemand steht, desto eher nutze ich, wenn ich an ihn denke, die Teile meines Gehirns, mit denen ich auch über mich selbst nachdenke“, sagt Parianen und fügt hinzu: „Bei Freunden kann ich mich auch in komplexes Leiden hineinversetzen, weil ich dann meine eigenen Gefühle abrufe, anders als bei Fremden. Wenn mir jemand fremd ist, gehe ich abstrakter heran. Die Frage ‚Was würde denn ein Trump-Wähler fühlen, wenn er die und die Rede sieht?‘, könnte ich also beispielsweise schwer beantworten, ich konstruiere mir ein Bild. Bei der Frage ‚Wie geht es meinem Freund?‘, frage ich mich dagegen, wie ich mich fühlen würde.“

„Wir müssen unser Gehirn besser verstehen“

Parianen, die jetzt ihr erstes Sachbuch vorlegt, in dem sie unterhaltsam und informativ den Stand der Neurowissenschaft rund um die Fragen des sozialen Zusammenlebens darlegt, ist sich sicher: „Wenn wir uns, unsere Gefühle und unsere Mitmenschen besser verstehen lernen wollen, müssen wir unser Gehirn besser verstehen.“ Denn unsere Gefühle koordiniere vor allem unser Gehirn, so Parianen, immer mit dabei seien aber „gesammelte Erfahrungen, Moralvorstellungen und Erinnerungen.“ (Weiterlesen: Was passiert im Gehirn? Forscher suchen den besten Weg zum Deutschlernen)


Buchtipp: Franca Parianen: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ Rowohlt Verlag Polaris, 352 Seiten, 14,99 Euro. Ab 24. März 2017 im Handel. Franca Parianen, Jahrgang 1989, arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in der Arbeitsgruppe soziale Neurowissenschaften. Seit 2014 ist sie als Science-Slammerin aktiv u. a. auf medizinischen Kongressen, in Theatern und Messen.

0 Kommentare