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Von Profisängern lernen Schal oder Schokolade: Was ist gut für die Singstimme?


Osnabrück/Freiburg. Schokolade essen oder Cola trinken vor einer Gesangsprobe oder einem Konzertauftritt? Stimmärzte raten davon eher ab. Jedoch gibt es selbst unter Profisängern Ausnahmen, sagt Professor Bernhard Richter, Leiter des Freiburger Instituts für Musikermedizin, im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Professor Richter, ist es richtig, dass Schokolade oder andere Milchprodukte für Sänger vor den Gesangsproben oder einem Konzertauftritt tabu sind, weil sie die Stimme belegen, rau klingen lassen oder zum Husten anregen können?

Das stimmt und stimmt nicht. Grundsätzlich können bestimmte Lebensmittel, wie beispielsweise die Schokolade, einesteils mehr zu einer Verschleimung im Halsbereich führen, anderenteils zu einer übermäßigen Magensäureproduktion anregen, die saures Aufstoßen zur Folge hat. Beides ist für die Stimme nicht gut. Es gibt aber keine Regel ohne Ausnahme: Es gibt durchaus professionelle Sänger, die vor dem Auftritt ein Glas Milch oder ein Glas Cola oder Ähnliches trinken. Also alles, was man normalerweise als Stimmarzt gar nicht empfehlen würde.

Was raten Sie also?

Man sollte vor dem Singen nichts zu sich nehmen, dessen Wirkung man nicht kennt. Das heißt, wenn man mit bestimmten Flüssigkeiten oder Nahrungsmitteln gute Erfahrungen gemacht hat und weiß, dass sie einem guttun, dann kann man sie durchaus zu sich nehmen. Natürlich kann ich als Stimmarzt nicht sagen: „Essen Sie vorher bitte Schokolade, und trinken Sie Milch.“ Denn in den meisten Fällen wird das nicht funktionieren, aber im individuellen Fall kann das passieren – und es gibt nichts, was verboten ist.

Trifft das auch für Alkohol und Zigaretten zu?

Die allermeisten Sänger meiden Alkohol vor dem Auftritt. Wir wissen aber von Opernsänger Enrico Caruso, dass er durchaus nicht viel, aber regelmäßig Alkohol vor dem Auftritt getrunken hat. Von Dietrich Fischer-Dieskau war bekannt, dass er sogar während des Auftritts, sofern es das Programm zuließ, die Bühne verließ und rauchte. Jeder Sänger würde da die Hände über den Kopf schlagen und jeder Stimmarzt sagen: „Das ist das Schlimmste, was man tun kann.“ Es geht aber immer darum, was dem Sänger individuell eine Stabilität im psychischen und physiologischen Sektor verleiht, die ihn dabei unterstützt, seine Leistung optimal abzurufen.

Sänger, die vor dem Konzert zu Schokolade greifen, um einen Energieschub zu bekommen, spülen diese Mund und Rachen mit Wasser nach?

Nicht unbedingt, denn sie versprechen sich davon etwas Bekanntes, dass irgendwas passiert, das ihnen angenehm ist. Das ist auch das Geheimnis eines Talismans: Wenn jemand ein Ritual hat, dann beruhigt ihn das. Es kann sehr verschieden und manchmal paradox sein, was Menschen als Ritual gut finden – trotzdem kann das funktionieren.

Was tut der Singstimme allgemein vor dem Auftritt gut? Kräuterbonbons?

Kräuterbonbons sollen dazu führen, dass die Befeuchtung im Mund- und Rachenraum besser ist, indem der Speichelfluss angeregt wird. Wenn ich aber zu wenig trinke, noch dazu aufgeregt bin, nützt das beste Kräuterbonbon nichts. Also: Wichtiger als Kräuterbonbons ist die ausreichende Trinkmenge, beispielsweise ein bis zwei Wassergläser vor Proben oder Auftritten und in den Pausen.

Hilft es, die Stimme zu schonen und am Tag des Konzerts zu schweigen?

Es gibt manche Sänger, hauptsächlich im klassischen Sektor, für die die Stimmproduktion im Bereich des Singens relativ gut funktioniert, aber beim Sprechen nicht so gut. Deren Sprechstimme ist deutlich schlechter als die Singstimme, was sie beim Sprechen eher ermüdet. Bekanntestes Beispiel ist Christa Ludwig, die darüber in ihrer Autobiografie geschrieben hat. Sie kommunizierte tagelang vor ihren Konzerten nur noch mit Zetteln mit ihrer Familie. Sie hatte relativ stark rezidivierende Kehlkopfprobleme, insbesondere mit Blutungen auf den Stimmlippen. Das heißt, sie hatte natürlich auch immer Angst davor. Das ist der psychologische Faktor, denn wenn ich mehrfach etwas gehabt habe, versuche ich alles zu vermeiden, was eventuell wieder eintreten könnte.

Wie sieht es mit dem Tragen eines Schals um den Hals aus?

Natürlich ist es so, dass sich Sänger vor Erkältungskrankheiten schützen sollten. Wenn es draußen kalt ist und windet, ist der Schal immer eine gute Angelegenheit. Aber im Hochsommer einen Seidenschal zu tragen ist dann eher ritualisiert. Das muss man genau unterscheiden.

Wie wird die Stimme nach wochenlanger Heiserkeit wieder fit?

Heiserkeit ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Es kann sehr viele Ursachen haben, beispielsweise Überlastung – und dann sollte man die Überlastung stoppen. Nach einer normalen Belastung, beispielsweise ein durchgefeiertes Wochenende mit entsprechenden alkoholischen Getränken, lauter Musik und Gebrüll – oder auch ein Chorwochenende –, erholt sich die Stimme meist von alleine innerhalb von drei bis vier Tagen. Wenn die Heiserkeit länger als zwei bis drei Wochen auf ungeklärte Weise anhält, dann muss man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen – unabhängig von der Ursache.

Wenn ein Laiensänger nach einem Chorwochenende heiser ist, was hat er falsch gemacht?

Dann hat er sich meistens nicht gut genug vorbereitet. Beim Chorsingen hört man sich auch nicht so gut, wie allein im stillen Kämmerlein. Das heißt, dass man sich umschauen sollte, ob man seine Stimme nicht besser schult, Gesangsunterricht nimmt oder sich auf die Situation besser einstellt, beispielsweise durch Stimmbildung oder Gesangsunterricht. Häufig ist es so, dass Laiensänger, die sonst wenig singen, an einem Chorwochenende es in erster Linie mit einer höheren zeitlichen Anforderung zu tun haben, gar nicht mit Lautstärke. Es hilft eine kluge Probenplanung mit Pausen vom Chorleiter. Professionelle Sänger können mehrere Stunden am Tag singen und proben. Grundsätzlich ist der Mensch als Spezies in der Lage, stundenlang zu sprechen und zu singen, ohne heiser zu werden. Das können kleine Kinder ja auch: Ein Säugling kann drei Stunden am Tag schreien und wird nicht heiser. Der Mensch ist also dazu in der Lage, jedoch ist es eine Frage des Trainings.


Bernhard Richter, Jahrgang 1962, ist Professor für Musikermedizin mit Schwerpunkt künstlerische Stimmbildung und leitet das Freiburger Institut für Musikermedizin. Er ist HNO-Arzt und Phoniater (Stimmarzt). Zudem hat er in Freiburg ein Gesangsstudium absolviert. 2014 veröffentlichte er das Buch „Die Stimme“ (Henschel Verlag 2014). Richter ist u.a. Mitglied in der Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V.

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