Gene können uns dick machen Ist Übergewicht angeboren?

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Kinder von übergewichtigen Müttern werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls dick. Eltern können zwar gegensteuern, aber dazu ist viel Disziplin erforderlich. Foto: dpaKinder von übergewichtigen Müttern werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls dick. Eltern können zwar gegensteuern, aber dazu ist viel Disziplin erforderlich. Foto: dpa

Osnabrück. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig, ein Viertel sogar krankhaft fettleibig. Andere halten diese Menschen oft für maßlos und faul, doch auch die Gene haben großen Einfluss.

„Mindestens 50 Prozent der Ausprägung unseres Körpergewichts ist durch genetische Faktoren bedingt“, sagte Anke Hinney, Professorin an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik in Essen. Sie leitet die Forschungsabteilung Molekulargenetik und ist Mitglied der Deutschen Adipositasgesellschaft. Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen im Erbgut festgelegten Genvarianten, die zu Übergewicht führen können und sogenannten epigenetischen Veränderungen, die durch Umweltfaktoren beeinflusst werden können.

Ausfall eines Gens kann bis zu 60 Kilo schwerer machen

Forscherin Anke Hinney sucht seit etwa 20 Jahren nach Genvarianten, die das Gewicht beeinflussen. „Bereits vor einigen Jahrzehnten wurde die Hypothese aufgestellt, dass Genvarianten, die starkes Übergewicht begünstigen, einst unser Überleben gesichert haben“, sagt Hinney. Ob es wirklich so einfach ist, sei bisher nicht geklärt, doch die Annahme klinge zumindest logisch. Mittlerweile wissen die Forscher jedoch, dass es nur etwa eine Handvoll Gene gibt, deren Ausfall zu extremem Übergewicht, der sogenannten Adipositas, führt. Sie können einen Menschen etwa 40 bis 60 Kilogramm schwerer machen. Ein Beispiel dafür ist das Leptin-Gen, das 1994 entdeckt wurde. Zunächst nahmen die Wissenschaftler an, dass allen adipösen Menschen das Genprodukt fehlt, das für die Bildung und richtige Funktion des als Sättigungshormon bekannten Botenstoffs Leptin zuständig ist. „Die Pharma-Industrie hat sich schon gefreut, dass stark übergewichtigen Menschen nur noch der Botenstoff Leptin zugeführt werden muss und dann würden sie abnehmen. Doch so einfach war es nicht“, sagt Anke Hinney. Später stellte sich heraus, dass nur sehr wenige adipöse Menschen kein Leptin produzieren können.

Erfolge von Radikalkuren wie bei „The Biggest Loser“ oft nicht langfristig

Durch neue Forschungsmethoden wie den genomweiten Assoziationsstudien sind in den vergangenen Jahren Millionen verschiedene Genvarianten untersucht worden. Dabei wurden bisher 97 weitere gefunden, die ebenfalls das Körpergewicht beeinflussen. „Sie haben aber viel geringere Effekte. Die stärkste Risikovariante macht einen Menschen nur etwa 1,5 Kilogramm schwerer“, so Hinney. Habe jemand allerdings gleich mehrere dieser 97 Varianten, könne das Gewicht auch entsprechend höher sein. Insgesamt, so schätzt die Wissenschaftlerin, gebe es vermutlich mehrere hundert Genvarianten, die unser Gewicht beeinflussen. „Es ist also nicht nur schlecht angepasstes Verhalten, wenn jemand adipös ist, sondern auch die genetische Bedingtheit.“ Bei der heutigen Ernährungsweise sei es mit entsprechender Veranlagung sehr schwierig, ein normales Körpergewicht zu halten. Von TV-Shows wie „The Biggest Loser“ , in der Schwergewichtige durch ein extremes Sportprogramm und eine strenge Diät in kurzer Zeit viel abnehmen, hält Anke Hinney allerdings nicht viel. Eine Studie aus den USA habe vielmehr gezeigt, dass solche Radikalkuren häufig zu einem stark verlangsamten Stoffwechsel führten. „Wenn der Körper denkt, dass er verhungert, sammelt er jede Kalorie“, so Hinney. Deshalb sei das Risiko sehr hoch, dass die Kilos schnell wieder zurückkommen.

Im Mutterleib auf „dick“ programmiert

Während Gene sich im Laufe eines Menschenlebens kaum oder gar nicht verändern, kann der Lebensstil direkte Auswirkungen darauf haben, wie die Gene abgelesen werden . Die Ursache dafür liegt in sogenannten epigenetischen Veränderungen. Als Beispiel dafür nennt Professor Martin Wabitsch die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib: „Es gibt Anlagen bei Kindern, die nicht vererbt, aber trotzdem durch die Programmierung während der Schwangerschaft angeboren sind“, sagt der Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Ulm. Das bedeutet, dass Kinder von Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft stark übergewichtig sind, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe ihres Lebens ebenfalls übergewichtig werden. „Wir wissen, dass bei adipösen Müttern schon früh in der Schwangerschaft der Stoffwechsel so umgeschaltet wird, dass der Fötus sehr viel Energie abbekommt. Er wird sozusagen gemästet“, so der Mediziner. Dadurch werde der Stoffwechsel dieser Kinder auf eine hohe Energiezufuhr eingestellt. „Das bekommt man später nur sehr schwer in den Griff“, sagt Wabitsch.

Normalgewicht nur mit lebenslanger Disziplin zu erreichen

Der Mediziner betont allerdings, dass es trotz ungünstiger genetischer Ausstattung möglich sei, zu einem Normalgewicht zu kommen – allerdings sei dafür ein Leben lang sehr viel Disziplin erforderlich. „Menschen mit einer Adipositas-Anlage haben eine Aufgabe mitbekommen, die schlanke Menschen nicht haben. Sie müssen sich viel bewusster ernähren, auf viele moderne Nahrungsmittel verzichten und einen sehr aktiven Lebensstil einhalten, um nicht zuzunehmen“, sagt der Mediziner. Fettleibige Eltern bräuchten seiner Ansicht nach ganz spezielle Aufklärung und Schulungsprogramme, damit ihre Kinder nicht auch adipös werden . „Das ist nicht mit einem kurzen Beratungsgespräch getan, indem Eltern gesagt wird, dass sie Sport machen und auf zuckerhaltige Getränke sowie Fertiggerichte verzichten sollen“, erklärt er. Diese Familien müssten vielmehr an die Hand genommen werden, um zu lernen, dass sie einen besonderen Lebensstil für ihre Kinder aufrechterhalten müssen, der sich von dem anderer Kinder und Familien wesentlich unterscheidet – auch psychologische Betreuung sei daher wichtig. „Kinderärzte sehen und wissen das, können aber nicht viel machen, weil es keine solchen speziellen präventiven Schulungsangebote gibt“, sagt Martin Wabitsch.


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