Geld für Forscherträume Esa-Minister verhandeln über Raumfahrt-Programme

Von dpa

Satelliten der europäischen Raumfahrtagentur ESA bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse ILA 2016. Foto: dpaSatelliten der europäischen Raumfahrtagentur ESA bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse ILA 2016. Foto: dpa

Paris/Luzern. Finanzierungs-Wünsche von 11 Milliarden Euro: Europas Raumfahrer werben bei der Politik um Geld für ihre Missionen. Es geht unter anderem um die Zukunft der ISS, das Prestigeprojekt ExoMars und ein Weltraumteleskop.

Wenn Entdeckergeist auf Budgetgrenzen trifft, ist eine gewisse Reibung garantiert. Zumal wenn 22 Mitgliedsländer am Tisch sitzen wie im Ministerrat von Europas Raumfahrtagentur Esa, der sich in dieser Woche (1./2. Dezember) in Luzern trifft. „Sie gehen mit einigem Optimismus dorthin. Dann macht das Treffen Sie immer pessimistischer. Und bevor das Treffen endet, gibt es dann eine Lösung“, erzählt Esa-Chef Jan Wörner im Vorfeld.

Es geht um viel Geld: 11 Milliarden Euro sollen Europas Raumfahrtprogramme in den kommenden Jahren kosten. So jedenfalls Wörners Vorschlag. Darin enthalten ist unter anderem die künftige Nutzung der Internationalen Raumstation ISS, die Finanzierung für den europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guyana, das geplante Weltraumteleskop Cheops, eine Raumsonde zur Erforschung der Sonne und die Suche nach einem „Staubsauger“ für Weltraumschrott.

Prestigeprojekt mit Dämpfer

Eine wichtige Entscheidung fällt auch für das Prestigeprojekt ExoMars . Dort hat die Euphorie vor wenigen Wochen mit dem Absturz einer europäisch-russischen Sonde einen Dämpfer erhalten. Nach der Bruchlandung von „Schiaparelli“ verrotten nun 600 Kilogramm Weltraumschrott im roten Marssand.

Frankreichs Raumfahrtchef Jean-Yves Le Gall zieht bei dem Thema die Stirn in Falten. „Bei ExoMars ist es normal, dass Fragen aufkommen, weil es Mehrkosten geben wird“, sagt er. Die ursprünglich für 2018 geplante zweite Phase mit einem Marsrover wurde auf 2020 verschoben – deshalb fehlt ein dreistelliger Millionenbetrag.

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Gute Nachrichten kann Europas Raumfahrt vor der Ministerkonferenz daher gut gebrauchen. Da kommt ein Europäer auf der ISS gerade recht. Fröhlich winkt der Franzose Thomas Pesquet bei einer Videokonferenz wenige Tage nach seiner Ankunft in der Schwerelosigkeit in die Kamera. „Ich hoffe, Kinder zu inspirieren“, sagt er und erzählt von seinen ersten Eindrücken während ein aufblasbarer Globus um ihn herumschwirrt. Pesquet ist ein Star in Frankreich, ähnlich wie 2014 Alexander Gerst in Deutschland.

Französisch-deutsche Zusammenarbeit

Vor Pesquets Start vom russischen Kosmodrom Baikonur ist Le Gall, Chef der französischen Weltraumbehörde CNES, guter Dinge. „Frankreich ist mit Deutschland der wichtigste Partner der Esa“, sagt er über die Kräfteverhältnisse in Europa. „Etwa die Hälfte unseres Budgets fließt in die Esa, die Agentur wird zu rund 20 Prozent von Frankreich finanziert“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Mit mehr als 850 Millionen Euro ist Deutschland der größte Beitragszahler der Esa, gefolgt von Frankreich mit mehr als 800 Millionen Euro.

„In der europäischen Raumfahrt läuft es derzeit gut, weil es in den deutsch-französischen Beziehungen gut läuft“, ergänzt der Funktionär. Szene-Kenner teilen diese Einschätzung. Ein milliardenschwerer Zwist um die Zukunft des Raketenprogramms Ariane ist 2014 beigelegt worden.

ISS zentrales Thema

Gut so, meinen Experten, denn es gebe viel zu tun. Als zentrales Thema bei der Konferenz in Luzern gilt die ISS. Die Hauptgeldgeber Russland und USA haben ihr Engagement bis 2024 zugesagt, nun ist die Esa am Zug - zunächst etwa 800 Millionen Euro hat Wörner dafür angemeldet. Auch für die Zeit nach 2024 muss ein Konzept her. Grundsätzlich infrage steht die ISS-Beteiligung wohl nicht: Er sehe dort kein besonderes Risiko, sagte Wörner.

Es gebe aber andere Programme, für die sein Herz schlage und wo die Unterstützung nicht sehr breit sei – zum Beispiel die Entwicklung eines wiederverwendbaren Raumfahrzeugs etwa für die Forschung in Schwerelosigkeit („Space Rider“). Er hoffe, nach dem Treffen verkünden zu können, „dass unsere Träume wahr geworden sind“.

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Generell sehen viele die Zukunft der Raumfahrt in einer Partnerschaft mit privaten Firmen. CNES-Chef Le Gall gibt sich offen – aber mit Einschränkung: „Man darf in Europa nicht glauben, dass die Wirtschaft die Raumfahrt komplett finanzieren wird, denn die Raumfahrt braucht starke öffentliche Haushalte.“


Der Chef der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, Jan Wörner, möchte von den Mitgliedstaaten Zusagen über insgesamt 11 Milliarden Euro. Die Zahl ist allerdings schwierig zu interpretieren, weil die Programme unterschiedlich lang laufen – manche nur bis 2021, andere bis 2025. Ein Überblick über ausgewählte Esa-Programme:

Erkundung: 1,6 Milliarden Euro bis 2021

Hierunter fällt etwa die Suche nach Leben auf dem Mars mit der europäisch-russischen Mission ExoMars, aber auch die Zukunft der ISS. Für die Raumstation allein sind etwa 800 Millionen Euro angedacht.

Forschung und Entwicklung: 3,9 Milliarden Euro bis 2021

Der Kernbereich der Esa. Hierunter fällt etwa das Weltraumteleskop Cheops, das 2018 ins All starten soll, oder die Raumsonde Solar Orbiter, die Sonnenwinde messen soll.

Telekommunikation: 1,2 Milliarden Euro bis 2024

Satellitenkommunikation gewinnt für die Wirtschaft immer größere Bedeutung. Die Esa hilft etwa bei der Entwicklung neuer Satelliten-Technik.

Trägerraketen: 1,7 Milliarden Euro bis 2023

Hier geht es um Europas Zugang ins All: Die Esa unterstützt den Betrieb der Ariane 5. Außerdem muss der Betrieb des Weltraumbahnhofs in Französich-Guyana finanziert werden.

Weltraum-Verkehrsmanagement: 400 Millionen Euro bis 2022

Weltraumschrott ist ein Problem für die Raumfahrt - die Esa will nach Lösungen suchen. Außerdem will die Raumfahrtagentur an Techniken forschen, um einen drohenden Asteroiden-Anschlag abzuwenden.

Was in der Projektliste fehlt: Ein Dorf auf dem Mond

Es ist wohl der aufsehenerregendste Vorstoß seit dem Amtsantritt von Esa-Chef Jan Wörner. Er wirbt dafür, langfristig als Nachfolger der ISS ein „Moon Village“ zu schaffen – eine permanente Basis auf dem Erdtrabanten, in der verschiedene Raumfahrtakteure von staatlichen Agenturen bis hin zu Privatunternehmen mit ihren Projekten zusammenarbeiten. Deshalb taucht die Idee auch nicht im Esa-Budget auf - das Dorf ist schlichtweg nicht als klassisches Programm gedacht. (dpa)