Fake-News Gefahr für die Demokratie Experte: Falschmeldungen zielen auf Ängste der Menschen ab

Von Waltraud Messmann

Andre Wolf ist Sprecher des Vereins gegen Internetmissbrauch Mimikama. Foto: Barbara WirlAndre Wolf ist Sprecher des Vereins gegen Internetmissbrauch Mimikama. Foto: Barbara Wirl

Osnabrück. Der in Österreich ansässige Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch Mimikama spürt seit 2011 Falschmeldungen im Internet auf. Nach Angaben des Pressesprechers des Vereins Andre Wolf haben politisch motivierte Fake-News im deutschsprachigen Raum bereits ein hohes Level erreicht. Falschmeldungen seien eine Gefahr für die Demokratie.

Wie haben sich Fake-News bei uns entwickelt?

Die eher harmlosen Hoaxe sind im Schatten der politisch motivierten Diskussion verschwunden. Meinungen, gefühlte Meinungen und eine recht große Hassdebatte bestimmen das Bild in den sozialen Netzwerken. Im deutschsprachigen Raum stehen dabei finanzielle Interessen meist im Hintergrund.

Teilen Sie die Befürchtungen, dass Fake-News die Bundestagswahl beeinflussen könnten?

Das Internet, speziell die sozialen Netzwerke, sind für viele Menschen zum primären Marktplatz für Informationen geworden. Mehr sogar: jeder einzelne Teilnehmer kann selber zum Vermarkter von Informationen werden und somit die Diskussion beeinflussen. Dabei spielen dann auch Falschmeldungen eine Rolle, die sogar in anonymer Form vertrieben werden können. Ja, eine Beeinflussung findet daher natürlich statt. Falschmeldungen sind immer eine Gefahr für eine Demokratie. Inhalte können verzerrt und Meinungen manipuliert werden.

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Rechnen Sie mit einem Anstieg politisch motivierter Fake-News vor den Bundestagswahlen?

Wir sind im deutschsprachigen Bereich bereits auf einem recht hohen Level an Falschmeldungen angekommen. Das Problem ist letztendlich nicht die Menge, sondern die gefühlte Glaubwürdigkeit und der Umgang der Leser mit eben solchen Meldungen. Wie sehr können Leser bewerten, ob es sich bei einer Information um eine konstruierte Angabe handelt oder um einen seriösen Artikel?. Dahingehend sollte auch der Schwerpunkt gehen: sinnvolles Erfassen von Informationen, vernünftiges Verarbeiten und gerne auch einen Atemzug Pause, in der eine Information mit ein wenig ABstand bewertet werden kann.

Soweit sie der politischen Beeinflussung dienen: Aus welcher Ecke kommen Fake-News ?

Eine politische Einordnung von Falschmeldungen unterliegt auch in gewissem Sinne immer dem Zeitgeist: Fake-News bedienen sich eher der vorherrschenden Angstschwerpunkte. Insofern kommen sie immer genau dort an, wo Befürchtungen vorherrschen. Wenn Ängste bedient werden, wirkt eine Meldung glaubhaft. Neben den monetären Aspekten, dass eine große Leserschaft eben derzeit diese Ängste teilt, wirkt bei ideologisch angetriebenen Falschmeldungen ein demagogischer Hintergrund mit. Je größer der Nährboden, desto stärker wirken gezielt verfälschte Informationen.

Welches Ausmaß kann das annehmen?

Dafür gebe ich ein Beispiel: Vor wenigen Wochen war noch die Angst vor den sogenannten „Horrorclowns“ allgegenwärtig. Sie wurde größtenteils durch Fake-News angetrieben, vornehmlich über Pseudonachrichten der Webseite „24aktuelles.com“. Dort haben wir weit über 400 Falschmeldungen bezüglich Horrorclowns gelesen, die quer durch die sozialen Netzwerke verteilt wurden. Anhand dieser eher unpolitischen Thematik wird deutlich, welche Möglichkeiten Fake-News haben.

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Was halten Sie von dem Vorstoß von Bundesjustizminister Heiko Maas für einen „Algorithmen-Tüv“ und die Forderung, dass Facebook, Google und Co ihre Algorithmen offenlegen müssten?

Grundsätzlich kann ein wenig mehr Transparenz in diesen Punkten nicht schaden, denn in der Tat weiß niemand, wie Facebook welche Inhalte wertet und gegebenenfalls sogar ungewollt kontraproduktiv fördert. Gleiches gilt natürlich auch für andere Netzwerke und auch Suchmaschinen, denn am Ende müssen wir als Nutzer uns bewusst sein, dass wir alle dem Filterblaseneffekt unterliegen. Der ist und dieser nicht nur in sozialen Netzwerken zu finden, sondern auch in Suchmaschinen.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Nutzerschutz und Nutzerförderung. Es darf nicht geschehen, dass einzelne Personen im Netz dem Hass oder Drohungen unterliegen. Geltende Gesetze müssen geachtet und auch im Netz stärker durchgesetzt werden. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn die Netzwerke zu einem Ort der positiven und konstruktiven Diskussion werden, an der jeder Teilhaben kann.

In Zusammenhang mit dem US-Wahlkampf hat der Fall Veles Schlagzeilen gemacht. Gibt es ähnliche Aktionen auch im deutschsprachigen Raum ?

Hier haben wir es mit den klassischen Fake-News zu tun, die selten bis kaum im deutschsprachigen Raum auftreten. Diese Webseiten hatten auch recht wenig Interesse an Politik, sondern es ging ihnen primär um Geld durch Werbeeinnahmen. Es geht um Werbeplätze, Views und Klickzahlen. Auch wir wissen schon lange: der Fake, die Falschmeldung bindet wesentlich mehr Leser. Eine Falschmeldung ist dramatischer, interessanter emotionaler. Fake-News sind Brot und Spiele.

Woran kann man sie erkennen?

Diese Art von Fake-News bedient sich einer Art der verdrehten Realität, ohne jedoch lustig zu sein. Sie zielen auf die leichtgläubigen Leser, welche keine Quellen kontrollieren und die Nachrichten plump teilen. Oftmals werden lediglich Überschriften reflektiert, die der eigenen Meinung entsprechen. Hier kommt der Begriff „postfaktisch“ sehr nah.

Und wie sehen die typischen Fakenews im deutschsprachigen Raum aus ?

Wir kennen viel eher die Webseiten, welche Teilaspekte einer Geschichte dramatisieren und unter diesem Schwerpunkt neu verkaufen, bis hin zu bewusst hetzerischen Webseiten und Blogs, die mit Kernwahrheiten arbeiten und den Rest eines Inhaltes so drehen, dass ein völlig neues Bild entsteht.


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