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Ursache und Therapie Unverträglichkeiten können depressiv machen

Ob Obst, Milchprodukte oder Getreide – die Bandbreite der Lebensmittel, die Menschen nicht vertragen können, ist groß. Allerdings ist manche Unverträglichkeit auch eingebildet. Foto: dpaOb Obst, Milchprodukte oder Getreide – die Bandbreite der Lebensmittel, die Menschen nicht vertragen können, ist groß. Allerdings ist manche Unverträglichkeit auch eingebildet. Foto: dpa

Bremen. Bis zu 8 Prozent der Bundesbürger leiden unter einer Lebensmittelallergie. Ein Überblick über fünf häufige Unverträglichkeiten, ihre Ursachen und ihre Therapie.

„Wehe, ihr habt da Glutamat drin. Dann gibt es Ärger.“ Man merkt, wie der Kellner zusammenzuckt. Denn wenn es um Glutamat geht, den wohl bekanntesten aller Lebensmittelzusatzstoffe, versteht Sabine Beyer keinen Spaß. Die 28-jährige Buchhändlerin ist davon überzeugt: „Ich spüre sofort, wenn das Zeug im Essen ist. Erst gibt es Hautprickeln, und dann kommen Schwindel und Kopfschmerzen.“ Wie man überhaupt ihrer Meinung beim heutigen Essen immer vorsichtiger sein müsse. „Denn Lebensmittelallergien haben ja in den letzten Jahren deutlich zugenommen.“

Sabine steht mit ihrer Meinung nicht allein. 20 bis 25 Prozent der Bundesbürger glauben, ein oder mehrere Lebensmittel nicht zu vertragen. Die Hersteller verdienen mehr denn je mit „frei-von-Lebensmitteln“, wie etwa laktosefreie Milch oder glutenfreies Brot. Oft werden sie von Kunden konsumiert, die auch ohne sie klar kämen. Doch das ändere, wie die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Annette Sabersky erklärt, nichts daran, „dass Allergien und Unverträglichkeiten auf Nahrungsmittel für bis zu acht Prozent der Bevölkerung ein reales medizinisches Problem sind“. Fünf Lebensmittelunverträglichkeiten im Überblick:

Fructose: Vom Durchfall zur Depression

Im Zeitalter industrieller Nahrungsmittel findet man Fruchtzucker (Fructose) mittlerweile nicht nur in Obst, sondern auch in Säften, Limonaden, Smoothies und Lebensmitteln, die mit Zucker-Sirup aus Maisstärke gesüßt werden. Der Verdauungsapparat des Menschen wird dadurch schnell überfordert, sodass größere Fructose-Anteile unverdaut in den Dickdarm gelangen, was zu Blähungen und Durchfall führen kann. Bei jedem dritten Kind und jedem fünften Erwachsenen reichen dazu schon 25 Gramm des Zuckers, was ungefähr zwei Gläsern Apfelsaft entspricht: Sie leiden unter so genannter Fructosemalabsorption. Sie kann sogar zu Depressionen führen, weil sie den Darm so schwächt, dass er weniger Baumaterial zur Herstellung des „Gute-Laune-Hormons“ Serotonin liefern kann.

In der Therapie setzt man heute auf ein Drei-Stufen-Konzept. Mit einer bis zu vierwöchigen Karenzphase am Anfang, in der kleine, fructosearme Mahlzeiten mit geringem Ballaststoffanteil auf dem Speiseplan stehen, um den Verdauungstrakt zu entlasten. Danach wird acht Wochen lang ausgetestet, wie viel Fructose der Patient verträgt, und am Ende soll der Patient wieder seinen Frieden mit dem Fruchtzucker gefunden haben.

Milchzucker: Joghurt und Quark gehen oft noch

Bis zu sieben Prozent der Kinder leiden unter einer Allergie gegen Milcheiweiß, doch diese Quote sinkt dann im Erwachsenenalter auf ein Prozent. Weitaus mehr verbreitet ist mit 15 bis 20 Prozent die Unverträglichkeit gegenüber dem Milchzucker Laktose. Die Betroffenen haben keine Allergie, doch ihnen fehlt ein wichtiges Verdauungsenzym. Die Folgen sind Blähungen und Durchfall oder auch Kopfschmerzen und Hautausschläge.

Ein Test beim Arzt kann Gewissheit über eine Laktoseintoleranz geben. „Ist dies der Fall, wird den Betroffenen geraten, Trinkmilch zu meiden“, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Sabersky. „Doch sie erfahren auch, dass sie Joghurt, Kefir und Quark sowie versuchsweise Hartkäse probieren dürfen.“ Denn in ihnen werde der Problem-Zucker beim Reifen größtenteils abgebaut. Bei der Milcheiweißallergie ist das anders: Hier muss man auch fermentierte Molkereiprodukte meiden.

Gluten: Der Feind sitzt woanders

Vier von 1000 Menschen leiden an der angeborenen Darmerkrankung Zöliakie. Sie können Weizen, Roggen und andere Getreidesorten nicht vertragen, die das Klebereiweiß Gluten enthalten. Sie müssen diese Lebensmittel lebenslang meiden. Die glutenfreien Nahrungsmittel erzielen jedoch ihre mehr als 60 Millionen Euro Jahresumsatz durch eine Millionenkundschaft, die glaubt, an Weizensensitivität zu leiden.

Die tatsächliche Betroffenen-Quote liegt, wie Detlef Schuppan von der Universität Mainz betont, bei bis zu fünf Prozent der Bevölkerung. Wobei sie eigentlich auf Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) reagieren, die über die Aktivierung der Immunabwehr zu Darmbeschwerden sowie Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen führen können. In Internetforen und Büchern wird oft behauptet, dass vor allem der moderne Hochleistungsweizen hohe ATI-Werte aufweist. Dem kann jedoch Biochemiker Schuppan nicht zustimmen: „Es gibt auch traditionelle Dinkelsorten mit hohen Werten.“

Glutamat: Hunger statt Hautausschlag

Glutamat steht seit den späten 1960ern im Verdacht, zum so genannten China-Restaurant-Syndrom zu führen, mit Beschwerden wie Mundtrockenheit, Hautauschlag, Kopfweh, Schnupfen und Schwindel. Viele Experten vermuten jedoch eher einen Nozebo-Effekt: In Studien bekamen Testpersonen mit vermeidlicher Unverträglichkeit bereits Symptome, wenn sie nur glaubten, glutamathaltige Mahlzeiten verzehrt zu haben. Weniger eingebildet ist jedoch die Anregung des Appetits. „Studien zeigen, dass der Hunger nach einer glutamathaltigen Mahlzeit schneller wieder zurückkehrt“, warnt Sabersky. Die Lebensmittelhersteller haben auf die Glutamat-Kritik reagiert und den Geschmacksverstärker aus vielen Produkten entfernt. Dafür kommt jetzt Hefe-Extrakt zum Einsatz – und der enthält teilweise ebenfalls große Mengen Glutamat.

Erdnuss: Oft steckt Soja dahinter

Sie kann sogar einen lebensbedrohlichen Schock auslösen: Etwa sieben Prozent der Kinder hierzulande leiden laut Ansicht der medizinischen Fachverbände unter einer Erdnussallergie. Doch diese Zahl ist wohl zu hoch gegriffen. Denn die Diagnose erfolgt in der Regel über den Prick-Test, bei dem das potenzielle Allergen in Kontakt mit der angeritzten Haut gebracht wird. Und der ist, wie man am Sydney Children’s Hospital herausgefunden hat, bei der Erdnuss nur wenig aussagekräftig. „Es gibt eine große Anzahl Kinder, die wegen eines falschen Allergie-Tests niemals Erdnüsse gegessen haben – oder noch schlimmer, die ihr ganzes Leben welche gegessen haben und dann plötzlich keine mehr essen dürfen“, beklagt Studienleiter Brynn Wainstein. Letzte Sicherheit über die Allergie könne nur ein Provokationstest liefern, bei dem der Patient sich allmählich steigernde Erdnussportionen einnehmen muss.

Ursächliche Therapien gibt es noch nicht, entsprechende Impfungen stecken noch in der Testphase. Aber Eltern können, wie Wissenschaftler des King’s College in London entdeckten, einiges tun, um ihr Kind vorbeugend zu schützen. Nämlich Soja meiden, weil es die Empfindlichkeit für Erdnusseiweiße erhöht. Und stattdessen das Kind und sein Immunsystem frühzeitig – im Alter von acht bis 14 Monaten – an die eigentlich zu den Hülsenfrüchten gehörende Nuss gewöhnen. Denn während die Erdnussallergie in der „Soja-Hochburg“ USA besonders häufig auftritt, gibt es sie in Ländern mit hohem Erdnusskonsum, wie etwa in Indien, Indonesien und Israel, fast gar nicht.


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