„Viele Männer verwesen unbemerkt“ Tote und Messies: Tatortreinigerin erzählt von Arbeitsalltag

Von Claudia Scholz


Osnabrück. Die Münsteraner Tatortreinigerin Antje Große-Entrup kümmert sich mit ihrem Team seit 16 Jahren um Messiewohnungen und Tatorte. Das ehemalige Model spricht im Interview über meterhohen Dreck, einsam sterbende Männer, Vorurteile und Angst vor dem Tod.

Frau Große-Entrup, wie kamen Sie auf die Idee, Tatortreinigerin zu werden?

2000 sah ich einen Bericht über eine Firma in Amerika, die sich mit „Crime Scene Clean“, also Tatortreinigung, selbstständig gemacht hatte. Die Tochter des Gründers war im eigenen Haus umgebracht worden und er suchte eine Reinigungsfirma, fand aber keine und gründete aus der Not heraus seine eigene. Auch ich suchte in den 90ern jemanden, der eine Wohnung nach einem Todesfall reinigen sollte. Ich rief bei Bestattern und Gebäudereinigungsfirmen an, schrieb an Gewerbeämter, wälzte Telefonbücher durch. Keiner konnte mir helfen. Vorher hatte sich noch niemand in Deutschland professionell mit dem Thema auseinandergesetzt.

Sie haben früher als Model in London gearbeitet. Und dann Tatortreinigerin? Eine ungewöhnliche Kehrtwende.

Ich habe keine Berührungsängste. Schon als Kind habe ich tote Menschen gesehen. Mit sieben sah ich meine erste Leiche, die schon verwesend im Nachbarshaus lag. Später fand ich meine verstorbene Uroma. Mein Vater starb sehr früh. Ich wuchs auf mit der Vorstellung, dass der Tod zum Leben dazugehört. Er war für mich nichts Schlimmes. Meine Mutter und meinen Stiefvater habe ich auch mit in den Tod begleitet.

Welche Art von Tod begegnet Ihnen heute häufig?

Oft sind wir in Wohnungen von Toten, die lange unbemerkt verwesen. Wir haben Fälle in Großstädten, aber auch auf dem Land. Im Sommer reichen schon 24 bis 48 Stunden, bis der Körper in einen fortgeschrittenen Verwesungszustand eintritt. Nur zwei Prozent aller Fälle sind Tatortdelikte . Wir haben viele Hammermorde, mit der Axt relativ selten. Manche Leute bauen sich Guillotinen, um sich umzubringen. 85 Prozent aller Fälle sind Männer, egal ob Selbstmörder, Messie oder vergessener Toter. Viele Männer verwesen unbemerkt. Männer haben meist ganz andere soziale Bindungen als Frauen.

Konnten Sie bisher aus jeder Wohnung eine wiedervermietbare Wohnung machen?

Es gab schwere Fälle, aber keine unlösbaren.

Was macht mehr Arbeit? Messiewohnungen, Verwesung oder der Tatort eines Axtmords?

Der Arbeitsaufwand ist ganz unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab: Fußbodenbeschaffenheit, Stärke der Verschmutzung und Verwesung, eventuelle Schädlinge. Manchmal sind Fäkalien über Jahre hinweg eingetrocknet. Manchmal ist ein verwesender Fuß unterm Bett eingeklemmt. Wir hatten vor Kurzem eine Wohnung mit 95 Quadratmetern, deren Boden komplett mit einer anderthalb Zentimeter dicken Fäkalienschicht zugedeckt war. Die wenigsten Leute können sich vorstellen, welcher Arbeitsaufwand dahintersteckt. Man kann das nicht einfach mit dem Wischer aufwischen, das muss gelöst, eingeweicht, aufgenommen werden. Danach folgen mehrere Reinigungen.

Zuletzt putzten sie mehrere Messiewohnungen in Osnabrück. Was lassen Messies so alles zurück?

Messie hat nicht immer mit Müll und Dreck zu tun. Es gibt zwar Menschen, die Müll sammeln, Berge von Alkoholflaschen oder Lebensmittelreste , andere jedoch leiden unter Kaufzwang und horten Berge neuer Kleidung, wieder andere stapeln nur Pizzakartons oder leere Tetrapacks. Zuletzt säuberten wir eine Wohnung, in der sich leere Kaffeeverpackungen 1,80 Meter hoch stapelten.

Was war der schlimmste Fall von Animal Hoarding, den Sie bisher erlebt haben?

Animal Hoarding kommt nur sehr selten vor. Oft werden unnormal viele Katzen, Vögel und Hunde gehalten, deren Dreck sich ansammelt. Eine Frau hatte mal über gut zehn Jahre Straßentauben zu sich in die Wohnung gelassen.

Ist Ihnen der Gestank von Blut, Schimmel und Co. nicht manchmal zu schlimm?

Ekel empfinde ich nicht, aber mein Körper reagiert auf gewisse Gerüche mit Würgereiz. Gegen den Geruch von Fäkalien muss ich daher eine spezielle Atemschutzmaske aufsetzen. Aber ansonsten stört mich nichts, auch nicht der Leichengeruch. Im Gegenteil: dadurch, dass ich alles sehr intensiv rieche, merke ich auch, wann eine Wohnung wirklich wieder clean riecht. Meine feine Nase kommt mir in meinem Job sehr zugute. Ich kann mit der Nase sogar erkennen, ob ein Verstorbener Drogen oder Medikamente genommen hat, die Verwesung riecht ganz anders.

Kennen Sie die Serie „Der Tatortreiniger“?

Habe ich mir noch nie angeguckt, weil das eine Komödie ist.

Können Sie bei so was nicht lachen?

Viele Menschen glauben, dass das, was sie da sehen, der Realität entspricht. Und dann machen sich vielleicht noch Leute als Tatortreiniger selbstständig, weil sie denken, dass der Job so witzig ist.

Und Tatort oder Krimis?

Dazu habe ich gar keine Zeit.

Haben Sie bestimmte Rituale? Musik oder die Zigarette davor?

Nein, gar nicht. Zigarette würde ich auch nicht empfehlen, da man nachher mit einer Atemschutzmaske arbeitet. Das ist sehr anstrengend, weil sie damit ein Mehrfaches Ihres Lungenvolumens aufbringen müssen. Wenn Sie vorher eine Zigarette rauchen, müssten Sie spätestens nach 15 Minuten die Arbeit unterbrechen.

Bewerben sich viele Leute bei Ihnen?

Täglich bekomme ich zwölf bis 15 E-Mails von Interessenten, Frauen wie Männern, die ein Praktikum machen wollen. Wir selektieren stark. Ich brauche vor allem Leute, die ehrlich und körperlich sehr fit sind. Auch 60-jährige Damen bewerben sich, die viele Jahre in der Altenpflege gearbeitet haben und sagen, dass sie Gerüche abkönnen und sich gut vorstellen könnten, bei mir zu arbeiten. Sie verstehen aber nicht, dass der Job nicht nur mit Reinigen zu tun hat. Manchmal müssen täglich 1,5 Tonnen Zeug aus Wohnungen geschleppt werden.

In Ihrem Beruf ist Effizienz oberstes Gebot. Kommen Ihnen trotzdem manchmal die Tränen?

Wenn ein Fall mit ermordeten Kindern zu tun hat, ist das oft schwer zu ertragen. Ich bin auch Mutter und dann rollen mir manchmal die Tränen.

Was machen Sie als Ausgleich?

Gar nichts, ich arbeite 16 Stunden am Tag. Ich bin früher Autorennen gefahren, aber das ist ein sehr zeitintensiver Sport. Jede freie Minute verbringe ich mit meinen Kindern.

Stumpft der Beruf Sie ab, wird man zynischer?

Wir kennen die verstorbene Person ja nicht, deren Überreste wir beseitigen. Wir haben keine persönlichen Verbindungen zum Fall, was vieles einfach macht. Entweder ist man für diesen Beruf geeignet, dann stumpft man auch nicht ab, oder man ist es nicht.

Sind die vielen Tatortreiniger, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Boden geschossen sind, eine große Konkurrenz?

Keiner kann meine 16 Jahre Erfahrung aufholen. Am Anfang meiner Karriere als Tatortreinigerin machte ich alles alleine. Was mich stört, sind die vielen unseriösen Anbieter, die mit der Not der Angehörigen Geld machen wollen. Leider ist Tatortreiniger kein geschützter Beruf. Es gibt keine Richtlinien oder Ausbildungen, die man absolviert haben muss. Jeder kann theoretisch Putzmittel aus dem Supermarkt für 4 Euro kaufen und dann seine Dienste anbieten.

Mit welchem Vorurteil werden Sie als Tatortreinigerin konfrontiert?

Die meisten Leute denken, dass man als Tatortreiniger reich wird. Das ist totaler Quatsch. In Deutschland herrscht Geiz: man will viel Leistung für wenig Geld. Wir werden mit der normalen Gebäudereinigerbranche in einen Topf geworfen. Es interessiert keinen, ob wir Fäkalien wegmachen, Gehirnmasse entfernen, Blut wegwaschen oder Maden aufschippen. Die Leute sind oft nicht bereit, angemessene Honorare dafür zu zahlen. Ich mache diesen Job, weil ich ihn lebe und überhaupt erst nach Deutschland gebracht habe, er macht mir Spaß. Ich finde es wichtig, heutzutage einem Beruf zu machen, wo man morgens aufwacht und sich freut, zur Arbeit zu gehen.

Werden Sie als Frau von Bestattern und Polizisten belächelt?

Nach 16 Jahren nicht mehr. In Deutschland habe ich schon einen gewissen Ruf. Ich halte Referate in Anwaltskammern oder bin in Bestatterforen tätig. Am Anfang war es schwierig, ernst genommen zu werden. Nach wie vor ist es eine männerdominierte Branche.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Angst vor dem Tod an sich habe ich nicht, aber die Vorstellung, von einem Tag auf den anderen nicht mehr da zu sein und den Kinder nicht mehr beim Aufwachsen zusehen zu können, bedrückt mich. Ich hoffe, dass ich alt und irgendwann des Lebens müde werde und sagen kann: Jetzt habe ich alles gesehen, gelebt, jetzt kann ich von dieser Welt gehen. Ich habe Angst davor, früh zu sterben.

Wie wollen Sie bestattet werden?

Ja. Ich möchte als Urne zu meiner Familie nach Hause oder dass aus meiner Asche ein Diamant gemacht wird.

Vielen Dank für das Gespräch.


Antje Große-Entrup beseitigt nach Selbstmorden, Familiendramen oder dem Fund verwester Menschen alle Spuren, die der Tod hinterlassen hat. Die 44-jährige Tatortreinigerin ist in der ganzen Bundesrepublik und europaweit mit ihrem 15-köpfigen Team im Einsatz. Bis 1999 arbeitete sie als Model. Im November 2002 machte sie sich mit ihrer Firma „Schendel Tatortreinigung“ selbstständig und stieß auf eine Marktlücke. Als staatlich anerkannte Desinfektorin spezialisierte sie sich als auf die Reinigung von Tatort-, Unfall- und Leichenfundorten. Privatleute oder Hausverwaltungen rufen sie an, wenn eine Wohnung desinfiziert, dekontaminiert, von Leichengeruch und Schädlingen befreit werden muss. Werbung macht sie keine. Sie will Anonymität wahren und nicht mit Fahrzeugen durch die Gegend fahren, auf denen Tatortreinigung zu lesen ist. Über eine kostenfreie Hotline ist sie 24 Stunden an 365 Tagen erreichbar. Heute lebt die Mutter von drei Kindern mit ihrem Mann in der Nähe von Münster.