Stilles Leiden in Aquarien Haltungsfehler lassen Millionen Zierfische sterben

Von epd

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Viele Zierfische wie diese Goldpuder-Molly (Poecilia latipinna) werden von ihren Besitzern falsch gehalten. Aquaristik ist ein Hobby, das viel Fachwissen erfordert. Der Deutsche Tierschutzbund in Bonn geht davon aus, dass pro Jahr in Deutschland rund 60 Millionen Zierfische aufgrund von Haltungsfehlern sterben. Foto: epdViele Zierfische wie diese Goldpuder-Molly (Poecilia latipinna) werden von ihren Besitzern falsch gehalten. Aquaristik ist ein Hobby, das viel Fachwissen erfordert. Der Deutsche Tierschutzbund in Bonn geht davon aus, dass pro Jahr in Deutschland rund 60 Millionen Zierfische aufgrund von Haltungsfehlern sterben. Foto: epd

Frankfurt. Millionen Zierfische sterben laut Deutschem Tierschutzbund infolge von Haltungsfehlern. Der Kinofilm „Findet Dorie“ könnte die Nachfrage noch verstärken.

Der Junge zeigt auf ein fingerlanges Fischchen. „Mama, ich will so ein Ringelsöckchen haben“, ruft er. Auf dem Verkaufschild an einem der Aquarien einer Zoohandlung in Gießen steht „Ringelsöckchen, 7,95 Euro“. Die Mutter nickt. Ein Händler fischt das Tier heraus. Grünlich gelb gefärbt, mit schwarzen Querbinden, erinnert es tatsächlich an eine Socke von Pippi Langstrumpf. Mutter und Sohn nehmen den Fisch in einem Plastikbeutel voll Wasser mit.

Der Händler hat nicht gefragt, wie groß das Aquarium ist, in das die beiden es zu setzen gedenken. Das Tierchen, dem er den verkaufsfördernden Namen „Ringelsöckchen“ gegeben hat, heißt Grüner Leporinus und ist eine Salmlerart aus Südamerika. Der Frankfurter Zoo hält einige Exemplare in seinem größten Schaubecken. Sie sind so lang wie Unterarme. In den meisten Aquarien sind sie nicht artgerecht zu halten.

60 Millionen tote Fische pro Jahr?

Der Deutsche Tierschutzbund in Bonn geht davon aus, dass pro Jahr in Deutschland rund 60 Millionen Zierfische aufgrund von Haltungsfehlern sterben. Allerdings ist dies ein reiner Schätzwert. Es ist nicht erfasst, wie viele Fische pro Jahr über den Ladentisch gehen. Angeblich sind es 85 Millionen - eine Zahl, die Jörg Turk vom Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) in Wiesbaden für realistisch hält. Turk nennt einen Erfahrungswert von durchschnittlich 40 Fischen pro Becken. Und deren Zahl sei bekannt: rund zwei Millionen.

Mit 40 Fischen wäre nach Kriterien des Tierschutzbunds freilich so gut wie jedes Aquarium deutlich überbesetzt, es sei denn, sie blieben sehr klein. Zu viele Fische in einem Becken gehören zu den häufigsten Fehlern, die Aquarianer machen. In Revierkämpfen bringen sich die Tiere dann gegenseitig um. Eine falsche Wasserzusammensetzung und falsche Ernährung sind weitere häufige Fehlerquellen.

Fachwissen unerlässlich

Antje Schreiber vom ZZF nennt es ein „normales Prozedere für Aquarianer“, sich vor dem Kauf über die Bedürfnisse der Fische zu informieren. „Von den Rückmeldungen unserer Mitglieder wissen wir, dass die Kunden meist sehr gut informiert in den Laden kommen“, sagt sie. Aquaristik sei ein Hobby, das viel Fachwissen voraussetze.

Online-Diskussionen in Zierfisch-Foren offenbaren aber ein hohes Maß an Unwissen. Eine „nicolchen“ etwa fragt, ob man Neonsalmler und Guppys zusammen halten könne. Sie pflegt schon zehn Neons und sechs Guppies in einem 54-Liter-Becken, wie sie schreibt. Der blaurote Neonsalmler, einer der häufigsten Aquarienbewohner, kommt aus dem westlichen Brasilien und dem östlichen Peru, wo er in sehr kalkarmem Wasser lebt. Der Guppy aus der südlichen Karibik dagegen liebt hartes Wasser. Wer Guppys und Neons zusammen pflegt, hält eine Art von beiden nicht artgerecht. Beide gehören jedoch zu den beliebtesten Zierfischen und teilen oft das Becken.

Falsche Ernährung

Allerdings könnten Fische aus generationenlanger Nachzucht toleranter für Wasserwerte sein, die nicht ihrem ursprünglichen Lebensraum entsprächen, sagt Guido Westhoff, Leiter des Tropen-Aquariums Hagenbeck in Hamburg. „In welchen Grenzen das bei wie vielen Generationen möglich ist, ist sicher abhängig von den konkreten Umständen und der jeweiligen Art“, schränkt er ein.

Harnischwelse sterben häufig an falscher Ernährung. In ihrer südamerikanischen Heimat fressen sie viel Totholz. In Aquarien benötigen sie spezielle Wurzeln, wie es sie in Zoofachgeschäften zu kaufen gibt - als Versteck und als Nahrung. Ohne Holz sterben viele Harnischwels-Arten früh an Krankheiten des Verdauungssystems.

Fische wachsen ihr Leben lang

Es stimmt auch nicht, dass man groß werdende Fische in kleinen Behältern halten könne, weil sie ihre Größe dem Aquarium anpassten. „Das wird nicht richtiger, indem man es ständig wiederholt“, stellt Harro Hieronimus klar, Sprecher der Gesellschaft für Ichtyologie. Fische wachsen ihr ganzes Leben lang. Wenn sie in kleinen Aquarien nicht ihre volle Größe erreichen, liegt das daran, dass sie vor ihrer Zeit sterben. Lea Schmitz vom Tierschutzbund fordert: „Die Haltungsform ist an den Bedürfnissen einer Art auszurichten.“

Dem stimmt ZZF-Sprecherin Schreiber zu. Aus diesem Grund habe der Verband das Internet-Portal „my fish“ geschaffen, bei dem sich Profis über die Zucht von Fischen austauschen und Neulinge über die Grundlagen der Aquaristik informieren könnten.

Gefährliche Trends

Tierschützer warnen insbesondere davor, Trends hinterherzulaufen. So habe vor Jahren der Film „Findet Nemo“ zu einem Boom der Meerwasser-Aquaristik geführt - mit traurigen Konsequenzen für viele Clownfische, die damals viele Menschen kauften, ohne deren Bedürfnisse zu kennen. Aktuell läuft in den Kinos der Nachfolger „Findet Dorie“, der zu einem Run auf Palettendoktorfische führen könnte. Diese Tiere stammen aus Wildfängen und brauchen sehr große Becken. Aktuelle Verkaufszahlen gibt es nicht. Aber Schmitz und Schreiber warnen: Meerwasser-Aquaristik ist für Anfänger generell ungeeignet.


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