Knabbern und Beißen Nägelkauer brauchen ein anderes Stressventil

Das Ergebnis beim Nägelkauen sieht nicht nur unschön aus, sondern ist auch eine Eintrittspforte für Krankheitserreger. Foto: Andrea WarneckeDas Ergebnis beim Nägelkauen sieht nicht nur unschön aus, sondern ist auch eine Eintrittspforte für Krankheitserreger. Foto: Andrea Warnecke

München. Kauen, knabbern, beißen: Im Stress müssen oft die Fingernägel dran glauben. Manchmal steckt hinter der Kauerei aber auch mehr. Das Ergebnis sieht nicht nur unschön aus, sondern begünstigt auch Entzündungen. Betroffene können aber gegensteuern.

Ob unter Anspannung oder aus Langeweile: Bei vielen Menschen wandern die Finger in manchen Situationen automatisch zum Mund, und dann wird gekaut, geknabbert und gebissen. Nicht selten bis es blutet und die Nägel völlig abgenagt sind. Das sieht nicht nur unschön aus, sondern ist auch eine Eintrittspforte für Krankheitserreger. Die Ursachen sind individuell verschieden. Meist ist das Nägelkauen ein harmloser Ausgleichs-Mechanismus zum Beispiel bei Stress. Es kann aber auch ein ernsthaftes psychisches Problem dahinter stecken.

In der Fachsprache ist von Onychophagie die Rede

Grundsätzlich ist Nägelkauen zwar ein zwanghaftes Verhalten oder auch eine Störung der Impulskontrolle, aber meist ist es harmlos, wie Prof. Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erklärt. In der Fachsprache ist von Onychophagie die Rede. Das kommt aus dem Griechischen: onychos heißt Nagel, und phagein bedeutet essen. Kritisch werde das Nägelkauen, wenn es stärker oder häufiger wird. „Oder wenn Leute so intensiv und so verbissen Nägel kauen, dass Verletzungen entstehen, zum Beispiel der Haut“, erklärt Falkai, der auch Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München ist. „Dann ist es oft Symptom einer Erkrankung.“

Nägelkauer in zahlreicher Gesellschaft

Die Unterscheidung zwischen schlechter, aber harmloser Angewohnheit und Ausdruck einer psychischen Störung ist nicht leicht, weiß der Arzt und Diplom-Psychologe Harald Tegtmeyer aus Lindau. Er ist beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Sprecher des Ausschusses für Psychosomatik und Psychotherapie. Dabei sind Nägelkauer in zahlreicher Gesellschaft, vor allem in jüngeren Jahren: „Geschätzt sind 30 bis 40 Prozent der Kinder und 10 Prozent der Erwachsenen betroffen.“

Oft gewöhnen Kinder sich das Nägelkauen nach ein paar Monaten oder wenigen Jahren wieder ab: „In der Pubertät achtet man mehr auf sich, nimmt das Nägelkauen anders wahr. Es wird peinlich, auch von der Optik her“, erklärt Tegtmeyer. Die Eltern können die Kinder bei der Entwöhnung unterstützen – zum Beispiel, indem sie sie in der entsprechenden Situation dezent auf das Nägelkauen hinweisen.

Eintrittspforte für Pilze und Bakterien

Das gilt aber nur, wenn die Kinder das möchten und es so abgesprochen ist. Sonst verkneifen Eltern sich ihre Kommentare besser, warnt Tegtmeyer: „Wenn es als Hinweis auf Schwäche empfunden wird, besser nicht darauf aufmerksam machen.“ Denn sonst werde damit auf Dauer das Selbstvertrauen erschüttert. Der Schuss kann auf diese Weise nach hinten losgehen, weil solche Hinweise Spannungen verstärken und zu vermehrtem Nägelkauen führen können.

Abgeknabberte Nägel und kaputte Nagelhaut sehen aber nicht nur unschön aus. „Sie dienen auch als Eintrittspforte für Pilze und Bakterien und begünstigen somit Entzündungen“, sagt die Hautärztin Marion Moers-Carpi vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Auf Dauer können die nagelbildenden Zellen unumkehrbar geschädigt werden, sodass der Nagel nur noch deformiert nachwächst – typisch sind etwa ausgeprägte Längsrillen.

Die eigene Wertschätzung spielt wichtige Rolle

Um vorzubeugen, empfiehlt die Dermatologin aus München die Nägel einmal täglich zu desinfizieren. Bei akuten Entzündungen kann eine Zinkcreme helfen – und natürlich die betroffene Stelle in Ruhe zu lassen. „Wenn es feuerrot ist und eitert, dann ist der Arzt gefragt und ein Antibiotikum von Nöten“, sagt Moers-Carpi.

Damit es so weit nicht kommt, sollte man das Kauen möglichst sein lassen. Dazu ist es zunächst wichtig herauszufinden, in welchen Situationen die Finger überhaupt in den Mund wandern, erklärt Falkai. Meist nämlich dann, wenn das Stresslevel ansteigt. Dann gilt es, die Frage zu klären: „Was kann ich tun, um den Stress nicht aufkommen zu lassen?“ Manchmal reicht es schon, an ein paar Stellschrauben zu drehen – etwa die Uhr vorzustellen, wenn man immer auf den letzten Drücker kommt, oder sich täglich ein entspanntes Mittagessen zu gönnen.

Aber auch die eigene Wertschätzung spielt laut Falkai eine entscheidende Rolle. Auch deshalb schlägt er eine Maniküre vor: „Wenn die Nägel anständig gemacht sind, hat man mehr Respekt davor und achtet mehr auf sich.“ Außerdem seien bei guter Nagelpflege keine Unebenheiten oder Schmutzpartikelchen zu finden, die oft den Ausschlag für das Nägelkauen geben, erklärt Falkai.

Bittere Lacke oder auch Pflaster

Um sich vom Nägelkauen abzuhalten, setzen manche auf bittere Lacke oder auch Pflaster um die Fingerkuppen. Das hält Falkai als alleinige Methode für nicht sinnvoll. Wichtiger sei es, den Ursachen auf den Grund zu gehen und gezielt gegenzusteuern. Manchmal fällt es leichter, sich das Nägelkauen nicht von Hundert auf Null abzugewöhnen sondern zunächst zu versuchen, die Häufigkeit zu reduzieren, sagt Falkai. Manchen helfe es auch, eine Technik der Verhaltenstherapie anzuwenden – das sogenannte Habit Reversal Training – und das Kauen ganz bewusst zu ersetzen: „Zum Beispiel einen zuckerfreien Bonbon zu lutschen oder einen Mini-Igel-Ball in den Fingern rollen.“


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