Algorithmus statt Pille Physikerin will sichere Verhütungs-App entwickelt haben

Bei richtiger Anwendung soll die Verhütungs-App Natural Cycles sicherer sein als die Antibabypille. Foto: dpaBei richtiger Anwendung soll die Verhütungs-App Natural Cycles sicherer sein als die Antibabypille. Foto: dpa

Osnabrück. Die Teilchenphysikerin Elina Berglund hat eine App zur Empfängnisverhütung entwickelt, die sicherer als die Pille oder Kondome sein soll. Doch auch die App hat Nachteile.

In den vergangenen Wochen und Monaten ist die in Deutschland beliebteste Verhütungsmethode bei manchen in Verruf geraten: Berichte über schwere Nebenwirkungen der Antibabypille wie etwa Thrombosen oder Depressionen haben einige Frauen dazu veranlasst, sich nach alternativen Verhütungsmethoden ohne Hormone umzusehen. Die eine oder andere ist bei der Recherche möglicherweise auf die Smartphone-App Natural Cycles gestoßen.

Berglund wollte keine Hormone mehr

Die App wurde von der erfolgreichen schwedischen Teilchenphysikerin Elina Berglund entwickelt. Sie war an der Vorhersage des sogenannten Gottesteilchens beteiligt, die 2013 mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Medienberichten zufolge wollte Berglund selbst keine Hormone mehr zur Empfängnisverhütung einnehmen. Sie schrieb deshalb einen Algorithmus, der angeblich so genau die fruchtbaren Tage einer Frau berechnet, dass Pille, Spirale oder Kondom überflüssig sind. Mittlerweile hat die App zwei klinische Studien durchlaufen und soll – bei richtiger Anwendung – zu 99,9 Prozent sicher sein. Zum Vergleich: Die Sicherheit der Pille liegt etwa bei 99,7 bis 99,1 Prozent.

Disziplin und Durchhaltevermögen erforderlich

Allerdings hat die App auch einen entscheidenden Nachteil: Sie erfordert von der Nutzerin Disziplin und Durchhaltevermögen. Denn die App berechnet die fruchtbaren Tage der Anwenderin aufgrund ihrer Körpertemperatur. Während des Eisprungs, also wenn die Frau fruchtbar ist, steigt die Temperatur zwischen 0,2 und 0,5 Grad Celsius an. Jeden Morgen vor dem Aufstehen muss die Temperatur deshalb zur gleichen Zeit gemessen und in die App eingegeben werden. Diese zeigt dann an, ob die Nutzerin heute verhüten sollte oder darauf verzichten kann, ohne dass die Gefahr einer Schwangerschaft besteht. Durch Alkohol am Vorabend, vergessene Messungen oder auch eine Erkältung kann die Temperatur jedoch schwanken – damit wäre die Sicherheit, mit der die Entwickler werben, dahin.

Individueller Algorithmus

Neu sind Verhütungs-Apps, die sich nach der Körpertemperatur der Anwenderin richten, nicht. Viele Entwickler bieten Apps zur Zyklusüberwachung an, Millionen Frauen weltweit nutzen solche Apps bereits. Der Unterschied: Während Natural Cycles mit einem individuellen Algorithmus arbeitet, der die fruchtbaren Tage misst, richten sich die herkömmlichen Apps nach Standardwerten, die von Frau zu Frau verschieden sein können. Deshalb ist es für die Anwendung Natural Cycles sehr wichtig, dass in den ersten drei Monatszyklen der Nutzung besonders häufig und genau gemessen wird, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die herkömmlichen Apps werden zur Empfängnisverhütung bisher nicht empfohlen, da die Sicherheit einer Empfängnisverhütung aufgrund der Standardwerte nur bei 75 Prozent liegt. Die Apps können aber, genau wie auch Natural Cycles, für das Gegenteil genutzt werden, nämlich wenn eine Schwangerschaft erwünscht ist. Physikerin Elina Berglund will nach eigenem Bekunden ihre App genutzt haben, um zusammen mit ihrem Ehemann Raoul Scherwitzl die im Mai 2014 geborene Tochter zu zeugen.

Erhältlich im iTunes- und Google-Play-Store

Wer die App nutzen will, kann sie im iTunes-Store oder dem Google-Play-Store herunterladen. Es gibt eine kostenlose Testphase. Danach kostet die 8,99 Euro im Monat, oder im Jahresabo 5,40 Euro. Beim Abschluss des Jahresabos gibt es ein Thermometer kostenlos dazu.

Kein Schutz vor Krankheiten

Achtung: Die Entwickler der App betonen, dass sich Natural Cycles an Paare in fester Partnerschaft richtet. Für Menschen mit wechselnden Sexualpartnern ist die App nicht als Verhütungsmethode geeignet, weil sie nicht wie Kondome Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten bietet.


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