Organspendeskandal 2012 Warum spenden immer weniger Menschen ihre Organe?

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In Deutschland werden immer weniger Organe gespendet. Schuld daran ist auch der Organspendeskandal – aber nicht nur. Foto: dpaIn Deutschland werden immer weniger Organe gespendet. Schuld daran ist auch der Organspendeskandal – aber nicht nur. Foto: dpa

Osnabrück. Nach dem Organspendeskandal 2012 sind die ohnehin geringen Organspendezahlen in Deutschland noch einmal zurückgegangen. Das ist nicht nur eine Folge des Skandals – die Gründe für die niedrigen Zahlen sind komplexer.

In Deutschland werden immer weniger Organe gespendet. Während es 2010 nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) noch 1296 Spender gab, waren es fünf Jahre später nur noch 877. Angesichts des Organspendeskandals im Jahr 2012, bei dem Manipulationen an Daten von Wartelisten an den Universitätskliniken Göttingen, Regensburg und München bekannt wurden, ist das vielleicht wenig verwunderlich. Doch die Gründe für die mangelnde Bereitschaft, Organspender zu werden, scheinen komplexer zu sein. Denn laut einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Sommer dieses Jahres stehen 81 Prozent der Befragten der Organspende positiv gegenüber – 2010 waren es 79 Prozent. Mehr als 70 Prozent wären den Angaben zufolge bereit, ihre Organe nach dem Tod für schwer kranke Menschen zur Verfügung zu stellen. „Der deutliche Rückgang der Organspenden hat zwar zeitlich mit dem Manipulationsskandal korreliert, der Zusammenhang ist aber weitaus komplexer“, sagte Birgit Blome, Sprecherin der DSO, unserer Redaktion.

Überlastetes Klinikpersonal

Der Deutsche Ethtikrat beklagt schon seit Jahren die mangelnde Spendebereitschaft in Deutschland im Vergleich zu anderen Länder. Jochen Taupitz, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Ethikrates, schrieb etwa 2007 in einer Stellungnahme, dass „organisatorische Defizite des deutschen Gesundheitssystems“ dazu führen würden, dass nicht alle möglichen Organspender auch gemeldet würden. So sei das Klinikpersonal mit der Versorgung der Patienten bereits derart aus- oder gar überlastet, dass für die „Meldung möglicher Organspender und ihre Vorbereitung auf den Prozess der Organspende“ oftmals keine Zeit bleibe. Zudem befürchteten einige Krankenhäuser, möglicherweise auf den Kosten sitzen zu bleiben, die mit der Versorgung potenzieller Organspender entstünden.

Das bestätigt auch DSO-Sprecherin Birgit Blome: „Eine wichtige Voraussetzung für eine Organspende ist die frühzeitige Erkennung möglicher Spender in den Krankenhäusern und die Kontaktaufnahme zur DSO. Entscheidend ist also, dass dafür die Strukturen und die Kapazitäten in den Krankenhäusern vorhanden sind und auch die Klinikleitungen die Organspende eindeutig befürworten und unterstützen.“

Fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod

„Ein weiteres Nadelöhr der Transplantationsmedizin besteht offenbar in der gesetzlichen Regelung, wonach eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten oder seine Angehörigen nach seinem Tode ausdrücklich ihre Zustimmung dazu gegeben haben“, schreibt Taupitz in seiner Stellungnahme weiter. Hat der oder die Verstorbene sich jedoch nie zum Thema Organspende geäußert, besteht das Risiko, dass sich die Angehörigen gegen eine Spende entscheiden. Nach dem Manipulationsskandal hat sich die Neigung von Angehörigen, ein Schweigen als Nein zu interpretieren, möglicherweise verstärkt.

In der Befragung der BZgA gaben zehn Prozent der Befragten an, noch keine Entscheidung bezüglich einer möglichen Organspende nach ihrem Tod getroffen zu haben. Von diesen zehn Prozent gibt mehr als die Hälfte an, sich mit dem Thema nicht beschäftigt zu haben oder auch nicht beschäftigen zu wollen. Gerade junge Menschen scheuen sich häufig davor, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Der Deutsche Ethikrat würde deshalb das sogenannte Zwei-Stufen-Modell bevorzugen. Auf der ersten Stufe würden die Menschen in Deutschland dazu aufgefordert werden, sich deutlich pro oder contra Organspende zu äußern. Wer die Entscheidung offenlassen möchte, könne das, würde im Falle des Todes aber als Organspender in Betracht kommen.

Der Deutsche Ethikrat geht davon aus, dass ein unterlassener Widerspruch als Zustimmung gewertet werden kann. In Österreich gilt zum Beispiel diese Regelung. Auch die DSO sieht diesen Vorschlag als einen Baustein an, „um Verbesserungen in der Organspende zu erreichen“, so Sprecherin Birgit Blome. Die Gesetzesänderung sei aber „nicht das alleinige Allheilmittel“.


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