Welt-Alzheimer-Tag am 21. September Warum Eltern mit Kindern über Demenz reden sollten

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Kinder verstehen Demenzkranke häufig besser als Erwachsene. Deshalb kann der Kontakt zwischen Demenzkranken und Kindern für beide Seiten ein Gewinn sein. Foto: imago/Westend61Kinder verstehen Demenzkranke häufig besser als Erwachsene. Deshalb kann der Kontakt zwischen Demenzkranken und Kindern für beide Seiten ein Gewinn sein. Foto: imago/Westend61

Osnabrück. Demenz ist ein heikles Thema. Viele Eltern möchte ihre Kinder damit lieber nicht konfrontieren. Experten halten einen offenen Umgang mit der Krankheit aber für besser.

„Du bist noch zu klein, das verstehst du nicht.“ Diesen Satz hören Kinder meist von ihren Eltern, wenn sie Fragen zu heiklen Themen stellen. Das gilt häufig auch für Demenz, obwohl es mittlerweile in immer mehr Familien Fälle von Demenz gibt. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind 1,5 Millionen Menschen in Deutschland von unterschiedlichen Demenzerkrankungen betroffen. Um auf die Krankheit und die damit verbundenen Probleme für Betroffene und Angehörige aufmerksam zu machen, findet am 21. September der Welt-Alzheimer-Tag statt. Das Motto für Deutschland lautet in diesem Jahr „Jung und Alt bewegt Demenz“.

Kinder haben guten Draht zu Demenzkranken

Die Autorin Eva-Maria Popp will Eltern, Lehrer und Erzieher dazu animieren, mit Kindern über Demenzerkrankungen zu reden. Ihrer Ansicht nach ist Demenz ein Tabu-Thema, wie es früher der Tod war. „Im Grunde ist es so, dass sich die Eltern nicht damit beschäftigen wollen. Sie haben vielleicht Angst davor oder verstehen es selbst nicht. Es gibt aber keine Tabu-Themen, die Kinder nicht verstehen würden. Man muss nur die Worte entsprechend wählen“, sagt die Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie hat zusammen mit Bianca Mattern und Iris Weißer den Ratgeber „Demenz, ist das ein Tier wie Krebs? Mit Kindern über Demenz reden“ geschrieben. Kinder hätten häufig einen sehr guten Draht zu Demenzkranken, glaubt Popp. „Die Betroffenen sind für uns ja manchmal etwas sonderbar und das verstehen Kinder gut. Denn sie flüchten sich auch gerne in eine andere Welt.“ Besonders wenn es Demenzkranke in der Familie gibt, sollten die Eltern erklären, warum sich Oma oder Opa anders verhalten als sonst. „Wenn die Oma plötzlich im Nachthemd auf die Straße geht, sollten Eltern erklären, dass sie eine Krankheit hat und deshalb die Welt manchmal etwas anders sieht“, schlägt Popp vor. Denn wenn Kinder solche Situationen erleben und die Eltern es ihnen nicht erklären, hätten sie häufig Angst. Auf keinen Fall sollten Mutter oder Vater aber die Situation oder die Krankheit überdramatisieren. „Lieber sollten sie die Dinge annehmen, wie sie sind. Das ist meine Devise“, sagt Popp. Zudem sollten Eltern nicht davor zurückschrecken, Oma oder Opa mit den Enkeln zu besuchen, sofern sie es möchten. Sie ist überzeugt, dass die Kinder damit nicht nur gut umgehen, sondern den Betroffenen auch manchmal helfen könnten. (Weiterlesen: Fehldiagnose: Was hinter Demenzsymptomen stecken kann)

Enkelin konnte Großvater stehen

Eva-Maria Popp nennt dafür ein Beispiel aus ihrer eigenen Familie. Ihr Vater sei ebenfalls dement gewesen und habe in seiner Vorstellung gegen „einen Feind“ kämpfen müssen. „Ich nehme an, dass da Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg hochgekommen sind“, so die Autorin. Während sie und ihre Mutter nicht so recht gewusst hätten, wie sie damit umgehen sollten, hätte ihre Tochter „instinktiv das best getan, was man tun konnte“. „Sie war damals zehn Jahre alt und hat sich zu ihrem Großvater ins Bett gelegt. Sie hat sich dann regelrecht mit ihm solidarisiert und sagte: ‚Opa, ich sehen den Feind auch. Ich helfe dir.‘“ Das Kind habe die Situation des Großvaters viel besser nachvollziehen können und habe ihm damit geholfen. Anschließend sei es aber wichtig gewesen, mit der Tochter über die Situation zu sprechen. Eva-Maria Popp wünscht sich, dass in Zukunft schon in Schule und Kindergarten über das Thema Demenz aufgeklärt wird. In manchen Städten, etwa in Trier, wird das schon gemacht. (Weiterlesen: Viele Medikamente für Demenz-Patienten – kaum eines hilft)

Projektwochen Demenz in Schule und Kindergarten

Jeanette Kohl ist Diplom-Pädagogin und arbeitet im Demenzzentrum Trier. Träger ihrer Stelle ist die Ökumenische Sozialstation Trier. Regelmäßig veranstaltet sie Projektwochen an verschiedenen Schulen und inzwischen auch in Kindergärten. „Wir vertreten den Ansatz, dass alle über die Krankheit informiert sein sollten, da die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen ansteigen wird“, sagt sie. Zunächst hätten einige Eltern Bedenken gehabt, ob es nicht zu früh sei, Kinder mit diesem Thema zu konfrontieren. „Es ist uns aber gelungen, die Eltern zu überzeugen, dass das Thema Demenz jeden angeht“, erklärt die Pädagogin. In dem Projekt mit dem Namen „Herbst im Kopf“ würden die Kinder zunächst spielerisch vorbereitet und über die Krankheit informiert. „Mittlerweile gibt es da sehr schöne Bücher und andere Medien“, sagt Kohl. Durch ihre Arbeit habe sie die Erfahrung gemacht, dass die Kinder sehr interessiert seien und sich gut in die Demenzkranken hineinversetzen könnten. Im Praxisteil des Projekts, wenn Kinder und ältere Menschen zusammen arbeiten, hätten sich mitunter auch schon Überraschungen gezeigt: „Die Kinder hatten die Aufgabe, zusammen mit den älteren Menschen ein Band zu flechten. Ein Junge, der im Unterricht sonst nicht sonderlich glänzt, konnte ganz wunderbar mit einem älteren Herrn zusammen arbeiten. Kinder sehen es nicht als Defizit, wenn jemand nicht mehr alles kann. Sie gehen ganz unbefangen mit den Menschen um. Das ist sehr schön zu beobachten“, sagt Jeanette Kohl. Den Demenzkranken helfe die Zusammenarbeit mit den Kindern, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern oder selber eine fürsorgliche Rolle den Kindern gegenüber einzunehmen. Momente tiefer emotionaler Verbindung entstehen für beide Seiten. Die Kinder wiederum lernten, dass Krankheiten zum Alltag gehören und tragen ihr erworbenes Wissen in die Familien hinein. Die Pädagogin wünscht sich, dass Projektwochen zum Thema Demenz in Zukunft in den Lehrplan aufgenommen werden, um die kommenden Generationen vorzubereiten.


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