IFA 2016: Virtuelle Realität boomt Experte: Übelkeit beim Blick durch die VR-Brille keine Seltenheit

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Mit einer VR-Brille auf der Nase in eine künstlich erzeugte Realität.Foto: imago/Westend61Mit einer VR-Brille auf der Nase in eine künstlich erzeugte Realität.Foto: imago/Westend61

Osnabrück. Das Eintauchen in eine virtuelle Welt verändert das Denken und Verhalten in der Realität. Die Simulatorkrankheit, die in ihren Auswirkungen der Seekrankheit ähnelt, ist nur ein Effekt von vielen. Nach Angaben des Psychologen Heiko Hecht ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung davon betroffen.

Wir wissen heute, dass die Lust am SMS-Schreiben nachvollziehbare Spuren im Gehirn hinterlässt. Das Areal vom Daumen ist dort vergrößert. Welche Spuren könnten die VR-Brillen, die besonders das Auge fordern, in unserem Gehirn hinterlassen?

Das Gehirn ist ein Muskel, und der Mensch ist unglaublich adaptiv. Auch bei jemandem, der zum Beispiel Tennis spielt, ist der rechte Arm, wenn er Rechtshänder ist, sehr viel muskulöser als der linke und dann natürlich auch die linke Gehirnhälfte des motorischen Cortex entsprechend differenziert. Wenn wir uns viel mit virtuellen Welten beschäftigen, finden natürlich auch Adaptionsprozesse statt. Sie hat es ja schon im Zusammenhang mit dem Fernsehen und mit der Fotografie gegeben. Wir leben ja bereits in einer unglaublich visualisierten Welt. Die VR-Technik ist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung.

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Die virtuelle Realität unterscheidet sich ja von der Echten unter anderem dadurch, dass Sinne wie Riechen, Schmecken, Tasten werden beim Erleben in der virtuellen Welt – jedenfalls bisher noch- nicht angesprochen. Besteht bei exzessivem Gebrauch zum Beispiel der VR-Brillen nicht die Gefahr, dass sie verkommen?

Ja, wenn Sie nichts anderes machen, als mit der Brille rumlaufen, dann verkümmern diese Sinne selbstverständlich.

Es wird ja schon darüber diskutiert, ob es nicht möglich sei, Multi-Monitor-Arbeitsplätze durch VR-Brillen zu ersetzen...

Die Frage ist wirklich, wie viele Stunden am Tag wir damit verbringen. Wenn Sie dem Menschen nicht die Gelegenheit geben zu riechen, dann wird der Riechsinn verkümmern. Geben Sie ihm nicht die Chance, nach draußen zu gehen und sich zu bewegen, wird er bei gleichen Essgewohnheiten Fett ansetzen und Muskeln abbauen. Ich bin zum Beispiel ein Computerarbeiter. Ich sitze also relativ viel gebeugt über meinem Computer. Dementsprechend habe ich auch Rücken- und Nackenprobleme.

Da wäre die VR-Brille ja eigentlich besser...

Ja, ein VR-Arbeitsplatz ist sehr viel dynamischer als der Computerarbeitsplatz. Mit der VR-Brille bewege ich mich. Ich schaue nach oben und nach unten, drehe mich usw. Was den Bewegungsapparat angeht, ist der VR-Arbeitsplatz sicherlich verträglicher als ein Laptop/Computer-Arbeitsplatz.

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Was die Augen angeht, aber wohl nicht...

Genau. Bei einem Computerbildschirm kann ich immer mal wegschauen. Ich kann aus dem Fenster gucken oder das Geschehen im Raum verfolgen. Dabei ist sehr viel Akkommodation gefordert: Das heißt, die Linse im Auge muss sich im Wechsel auf nah und fern einstellen. Im VR-Display wird sie dagegen einfach auf „unendlich“ gestellt. Eine Adaption meines Auges auf verschiedene Distanzen findet nicht mehr statt. Wenn man die VR-Brille also acht Stunden am Tag benutzt, hätte das sicher erhebliche Beeinträchtigungen unseres visuellen Apparates zur Folge.

Im Zusammenhang mit der virtuellen Realität ist auch oft die Gefahr ein Thema, dass exzessive Anwender irgendwann einmal nicht mehr zwischen der durch Daten erzeugten künstlichen virtuellen Realität und der Wirklichkeit unterscheiden können...

Das ist in der Tat eine Frage, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Sie stellt sich zum Beispiel auch, wenn ich einen Simulator baue, der so perfekt ist, dass ich eigentlich nur noch durch das Wissen, dass ich im Simulator bin, zwischen Realität und Simulation unterscheiden kann. Heute ist wohl der Flugsimulator derjenige, der dem am nächsten kommt. Tatsächlich zeigen Piloten, die am Simulator das Fliegen gelernt haben, und das ist ja heute Usus, obwohl sie wissen, dass es eine Simulation ist, im Simulator echte Stressreaktionen. Wenn man intensiv genug drin ist, kann die Simulation offenbar den Status von Realität erhalten. Die alten Piloten dagegen, die das Fliegen noch mit der Maschine am Steuerknüppel gelernt haben, sind im Simulator sehr viel gelassener.

Und was ist mit den Nacheffekten gemeint ?

Dabei geht es vor allem um die sogenannten Adaptionseffekte, die auch aus meiner Sicht die wichtigsten Konsequenzen von virtueller Realität sind.

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Was heißt das konkret?

Wenn Sie zum Beispiel mit einem kurzen Schläger Tennis spielen, bis Sie das perfekt können, und dann gebe ich Ihnen einen Schläger in die Hand, der doppelt so lang ist, dann hauen Sie erst mal alles daneben. Das liegt daran, dass der gesamte Körper, die gesamte Motorik auf diesen kurzen Schläger eingestellt ist. Genauso ist es bei der virtuellen Realität auch. Ich kann meine VR-Brille beispielsweise so einstellen, dass ich in der virtuellen Welt Siebenmeilenstiefel anhabe. Das heißt, ich kann in Riesenschritten quer durch eine Stadt laufen oder Ähnliches. Zurück in der Realität möchte ich dann das Gleiche machen und stelle fest, dass das nicht funktioniert: Ich bin dann frustriert oder verpasse möglicherweise wegen dieser Fehlplanung sogar einen Termin. Das sind Adaptionseffekte, die je nach Grad der Ähnlichkeit zwischen der virtuellen und der echten Welt andere Parameter verlangen. Sonst greife ich in der echten Welt erst mal daneben.

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Sie beschäftigen sich vor allem auch mit der Simulatorkrankheit. Was hat das mit VR-Technik zu tun?

Wenn die Sinne nicht einstimmig, also nicht einer Meinung sind, dann wird dem Menschen schlecht. Ein gutes Beispiel ist die Seekrankheit: Wenn man unter Deck ist und es schaukelt, dann sagt das Auge, alles steht still, und das Innenohr, das Gleichgewichtsorgan sagt, alles bewegt sich. Das Ergebnis ist dann extreme Übelkeit. Das ist bei der virtuellen Realität ähnlich: Ich sehe in der VR-Brille, dass ich irgendwo herumfliege, tatsächlich sitze ich aber fest auf dem Stuhl. Das Auge sagt, ich fahre eine Kurve, und das Innenohr sagt, ich bin ruhig. Dieser Konflikt führt zu der Simulatorkrankheit, die auch zum Bereich der Motion Sickness gehört. Menschen, die dafür anfällig sind, und das ist immerhinein Fünftel der Bevölkerung, haben dann ein Problem: Ihnen wird so schlecht, dass sie aufhören müssen.

Gibt es ein Rezept dagegen?

Das Beste ist, die Augen zu schließen. Dann ist der Konflikt nicht mehr da. Sie können sich mit VR-Brillen aber auch Sachen angucken, wo dieser Konflikt nicht so massiv auftritt. Dann nutzen sie sie als besseres Kino, wo sie in verschiedene Ecken eines Filmes besonders gut hineingucken können. Wenn dabei immer klar bleibt, dass sie sitzen und sich eine bewegte Szene angucken, wird ihnen auch nicht schlecht.


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