Expertenstreit Killerspiele ein virtuelles Training für Amokläufer?

Beim Ego-Shooter Counterstrike schlüpft der Spieler in die Rolle des schießenden Darstellers – und zielt in der virtuellen Welt auf seine Gegner. Foto: imago/momentphoto/KilligBeim Ego-Shooter Counterstrike schlüpft der Spieler in die Rolle des schießenden Darstellers – und zielt in der virtuellen Welt auf seine Gegner. Foto: imago/momentphoto/Killig

Osnabrück. Erfurt, Emsdetten, Winnenden und zuletzt München: Nach Amokläufen sucht die schockierte Öffentlichkeit nach schnellen Erklärungen. Und fast schon reflexhaft wird dann mit dem Finger auf gewaltverherrlichende Spiele gezeigt. Auch im Fall des 16-jährigen David S., der Ende Juli in München neun Menschen und sich selbst erschossen hat, war das nicht anders. Diesmal war es Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der die Diskussion ins Rollen brachte.

Dabei richtet sich die Kritik vor allem gegen Schießspiele, die auch „Shooter“ oder „Killerspiele“ genannt werden. Die bekanntesten sind Call of Duty, Doom, Battlefield und Counterstrike. Besonders letzteres hat es im Zusammenhang mit Amokläufen zu trauriger Berühmtheit gebracht: Das Spiel ist ein sogenannter „Ego-Shooter“, bei dem der Spieler aus der Selbstperspektive schießt und so viele Gegner wie möglich töten soll, bevor es ihn selbst erwischt.

Nicht nur David S. soll es gespielt haben, auch von den jugendlichen Amokläufern von Winnenden (2009) mit 15 Toten und Erfurt (2002) mit 16 Toten ist bekannt, dass sie sich intensiv mit „Counterstrike“ beschäftigt haben. Ein Fan von Killerspielen war wohl auch der 18-jährige Sebastian B., der 2006 in der Geschwister-SchollReal-schule in Emsdetten mehrere Menschen zum Teil schwer verletzte.

Forderung nach Verbot

Nach jedem dieser Amokläufe wurde auch über ein Verbot diskutiert. Im Jahr 2009 schaffte es die Forderung sogar in den Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD. Und 2009 sprach sich unter anderem das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“, in dem sich die Eltern der Opfer zusammengeschlossen hatten, nachdrücklich für ein solches Verbot aus.

Fürsprecher und Gegner der Killerspiele führen die Diskussion häufig von sehr extremen Positionen: Die einen sagen, die Spiele hätten direkte, negative Auswirkungen auf das Verhalten und die Aggressivität der Spieler. Die anderen hingegen leugnen jeglichen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt. Zahlreiche Studien mit kurzen Beobachtungszeiträumen sind bislang zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Auch eine Metastudie brachte keine eindeutigen Ergebnisse.

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„Zu schwarz-weiß gedacht“

Der Gießener Professorin für Kriminologie Britta Bannenberg ist das ohnehin „zu schwarz-weiß gedacht“, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion sagt. Bannenberg hat im Juni dieses Jahres eine Analyse von 75 Amokläufen in Deutschland vorgelegt, die sie unter anderem im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt hat. Ihr Fazit: „Ego-Shooter lösen keine Gewalt aus und führen nicht dazu, dass jemand eine Amoktat begeht. Für den tatgeneigten Amoktäter stellten sie aber einen Verstärker dar.“

So hätten die Fallanalysen gezeigt, dass Personen, die bereits über die Begehung einer Amoktat nachdächten, bestimmte Spiele wie Doom, Counterstrike, GTA und andere spielten, weil andere Amoktäter diese benutzt und positiv bewertet hätten. Dabei stellten sie sich dann vor, sie handelten in der Position des Schützen. „Die Spiele dienen also der Identifikation mit einer Täterrolle“, fasst die Expertin zusammen. Potenzielle Amokläufer könnten sich beim Spiel Fantasien über die Tat hergeben und dafür trainieren.

Für den Ernstfall üben

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik habe zum Beispiel solche Spiele genutzt, um sich daran zu gewöhnen, dass Blut fließt und Körper zerfetzt werden. Breivik hatte exakt fünf Jahre vor dem Amoklauf von München auf der norwegischen Insel Utøya 77 Menschen getötet. Andere Täter hätten beispielsweise den Gebäudeplan ihrer Schule in ein Spiel hineinkopiert, um für den Ernstfall zu üben, berichtet Bannenberg. „Das Spielen dient hier also auch der Vorbereitung einer realen Tat.“ Allein darin dürften sich Amoktäter aber schon erheblich von anderen Computerspielern unterscheiden.

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Die Expertin räumt allerdings ein, „dass die Spiele auch sonst häufig als Verstärker für gewaltbereite junge Männer dienen“. Sie kritisiert, dass der Jugendschutz in diesem Bereich völlig versage. Die Kriminologin spricht sich deshalb für eine verstärkte Kontrolle im sozialen Umfeld aus. „Erziehungsberechtigte sollten unkontrolliertes stundenlanges Spielen nicht zulassen“, fordert sie.

Realität, kein Mythos

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen äußert sich unterdessen erstaunt, dass in den Medien und der Öffentlichkeit immer wieder bezweifelt werde, dass Killerspiele Einfluss auf die Gewaltbereitschaft hätten. „Bei allen anderen Effekten von Medienkonsum, beispielsweise auf Geschicklichkeit, Konzentration, geht man selbstverständlich davon aus, dass ein Einfluss besteht“, sagt der Vizepräsident des Berufsverbandes, Michael Ziegelmayer. Die potenziell negativen Auswirkungen von „Killerspielen“ auf Kinder und Jugendliche seien kein Mythos, sondern Realität.

Nur einen Monat nach dem grausamen Amoklauf in München ist die Diskussion über die Ego-Shooter bereits wieder abgeebbt. Auch diesmal wird sie wohl wieder so ausgehen wie das Hornberger Schießen.

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