Verwirrtheit und Vergesslichkeit Fehldiagnose: Was hinter Demenzsymptomen stecken kann

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Sind ältere Menschen zunehmend verwirrt, orientierungslos und vergesslich, lautet die Diagnose schnell „Demenz“. Dabei können Demenzsymptome viele verschiedene Ursachen haben. Manche lassen sich beheben. Foto: dpaSind ältere Menschen zunehmend verwirrt, orientierungslos und vergesslich, lautet die Diagnose schnell „Demenz“. Dabei können Demenzsymptome viele verschiedene Ursachen haben. Manche lassen sich beheben. Foto: dpa

Osnabrück. Viele Menschen erhalten jedes Jahr die Diagnose Demenz. Doch nicht immer ist sie auch richtig, denn Vergesslichkeit oder Verwirrtheit können viele Ursachen haben.

Vergesslichkeit, Verwirrtheit, Aggressivität: Wer diese Symptome an sich selbst oder Angehörigen entdeckt, ist oft überzeugt, dass nur eine Demenzerkrankung dahinter stecken kann. Viele Patienten, die unter den Symptomen leidet, erhalten die Diagnose Demenz allerdings zu Unrecht, warnt Cornelia Stolze. Die Biologin und Medizinjournalistin befasst sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Demenz. Im Juni hat sie ihr zweites Buch dazu veröffentlicht. In „Verdacht Demenz – Fehldiagnosen verhindern, Ursachen klären – und wieder gesund werden“ beschreibt sie, wie und warum es häufig zu falschen Diagnosen kommt.

Symptome werden häufig verwechselt

Bei etwa drei Viertel der Patienten, die von ihrem Hausarzt die Diagnose Demenz erhalten hatten, stellte sie sich als falsch heraus, schreibt Cornelia Stolze und stützt sich dabei auf eine umfangreiche Studie deutscher und österreichischer Forscher. Grund dafür sei, dass Verwirrtheitszustände und Vergesslichkeit viele verschiedene Ursachen haben könnten, Ärzte aber gerade bei älteren Menschen die Symptome automatisch auf „Alzheimer“ oder „das Alter“ zurückführen und eine beginnende Demenz diagnostizieren. „Doch häufig werden diese Symptome allein durch die Nebenwirkungen von Medikamenten, durch Flüssigkeitsmangel, Operationen mit Vollnarkose oder aber Stoffwechselstörungen wie etwa Natriummangel ausgelöst“, sagt die Biologin im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Fehldiagnosen alltäglich“

Das bestätigt auch Christa Roth-Sackenheim, promovierte Psychiaterin und Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater. „Die Fehldiagnosen sind bei uns in der neurologischen Praxis Alltag. Es kommt häufig vor, dass Ärzte nicht richtig nachschauen, ob es eine behandelbare, vielleicht körperliche Ursache für die Vergesslichkeit gibt.“ Dabei sei es wichtig, dass erst alle anderen möglichen Ursachen abgeklärt werden, bevor überhaupt eine Demenz ins Auge gefasst werde. „Medikamentennebenwirkungen ist die allerhäufigste Ursache für Symptome, die aussehen wie eine Demenz, aber keine sind“, sagt die Psychiaterin. Das seien etwa Medikamente gegen Bluthochdruck, Parkinson oder über längere Zeit unkritisch eingenommene Beruhigungsmittel. Ein kleiner Schlaganfall, eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Eisenmangel kämen ebenfalls als Ursache in Betracht. Entwässernde Blutdruckmedikamente würden häufig einen Natriummangel auslösen, der zu Verwirrtheit und Halluzinationen führen kann, schreibt etwa der Südwestrundfunk . Für den behandelnden Arzt sei es deshalb sehr wichtig, zu wissen, welche Medikamente, auch frei verkäufliche, der Patient einnimmt.

Gehirnschwund durch Unterernährung

Ein zweiter Fehler, der häufig gemacht werde, so die Psychiaterin, sei die Diagnose einer Hirnatrophie. Das sei nichts anderes als ein Gehirnschwund, der manchmal durch Unterernährung ausgelöst werden kann. „Das sagt aber überhaupt nichts aus über die Hirnfunktion. Wenn die Unterernährung behoben ist, wird das Hirn meist wieder so groß wie vorher“, sagt Christa Roth-Sackenheim. Ihrer Ansicht nach gibt es viele Stolpersteine bei der Diagnose einer Demenz.

Genau hier setzt auch die Kritik der Medizinjournalistin Cornelia Stolze an. „Studien haben gezeigt, dass kaum ein älterer Mensch, der verwirrt oder vergesslich ist, gründlich genug und anhand der strengen klinischen Kriterien untersucht wird.“ Liege der Befund erst einmal vor, werde er nur selten korrigiert. Denn sowohl den Angehörigen als auch den behandelnden Ärzten sei häufig nicht bewusst, dass viele Ursachen eine Demenz vortäuschen könnten. Zudem seien die Angehörigen mit der Organisation des Alltages häufig so aus- oder gar überlastet, dass ihnen die Zeit, aber auch das nötige Fachwissen fehle, um die Diagnose überprüfen zu lassen.

Alle anderen möglichen Ursachen prüfen

„Demenz ist kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliefert sind“, ist Cornelia Stolze überzeugt. Sie rät Patienten und ihren Angehörigen, die Diagnose Alzheimer oder Demenz genau zu hinterfragen und empfiehlt Betroffenen, die behandelnden Ärzte aktiv bei der Suche zu unterstützen. In ihrem Buch erklärt sie außerdem, welche Schritte Patienten und Angehörige als Erstes unternehmen sollten, wenn der Verdacht auf Demenz besteht. Für ältere oder hochbetagte Patienten nur bedingt geeignete Medikamente sind in der sogenannten Priscus-Liste zusammengefasst, die sich ebenfalls im Buch abgedruckt ist.

Patienten oder Angehörige können auch im Internet nachsehen, ob sie selbst oder ihr Angehöriger Medikamente einnimmt, die möglicherweise ungeeignet sind. „Die Liste gehört unter die Schreibtischauflage eines jeden Arztes“, so Psychiaterin Christa Roth-Sackenheim. „Ich empfehle, sich nicht damit zufriedenzugeben, wenn ein Arzt sagt, die Vergesslichkeit wäre altersbedingt. Es liegt solange keine Demenz vor, bis das Gegenteil eindeutig bewiesen ist.“


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