Der Reiz des Unbekannten Wie Supperclubs funktionieren und wer mitmacht

Von Stefanie Hiekmann

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Osnabrück. Ein Essen bei fremden Menschen in fremden Wohnungen und mit unbekannten Sitznachbarn? Supperclubs machen das möglich und verbreiten sich zurzeit immer mehr – nicht nur in Großstädten.

Rinderfilet mit Ginsauce, Gurkenrelish, Kräutern und Wacholderbeeren, Pilz-Nuss-Braten mit Knödeln und Waldpilzen oder Süßkartoffelrösti mit Lachstatar, Limette und Wassermelone – die Rede ist nicht von einem Menü im Spitzenrestaurant, sondern von einzelnen Gängen, die Daniel Grothues für fremde Gäste in seiner privaten Wohnung kreiert. Wer am Tisch Platz nimmt, entscheidet sich über das Schnelligkeitsprinzip: Wer zuerst zusagt, darf dabei sein und genießen. Wer die Gäste sind, sieht der passionierte Hobby-Koch erst, wenn er die Tür aufmacht. Als Gastgeber und Macher eines Supperclubs ist das Unbekannte für ihn fester Bestandteil des Abends.

Ambitionierte Hobbyköche oder Berufsköche

Supperclubs sind mehr oder weniger offizielle Gastronomieangebote, die meist in den Küchen, Wohn- und Esszimmers des Kochs zu Hause stattfinden. Über Facebook, andere Social-Media-Kanäle, Webseiten oder Mund-zu-Mund-Propaganda werden die Termine für die nächsten Koch- und Genussabende bekannt gegeben. Dann melden sich Menschen an und stehen am Tag des Geschehens vor der Haustür.

In Großstädten hat sich das Genuss-Format in den vergangenen fünf Jahren stetig mehr verbreitet. Ambitionierte Hobbyköche oder Berufsköche, die sich durch einen Supperclub kreativen Freiraum schaffen wollen, laden ein und schaffen so für sich und andere Menschen eine Plattform, um über Essen zu sprechen, Neues zu genießen, raffinierte Geschmackskombinationen auszuprobieren und dabei auf einen vergleichsweise festen und geordneten Rahmen wie ein Restaurant zu verzichten. Das Unbekannte, das große Fragezeichen, die Überraschung und die Spannung, die mit solch einem Abend verbunden sind, erleben Gastgeber und Gäste als das entscheidende i-Tüpfelchen.

Eigentlich verbirgt sich hinter dem aus Kuba stammendem Genussformat eine Underground-Bewegung, die durch ihre zunehmende Größe, Verbreitung und damit verbundene Ausdifferenzierung aber inzwischen auch stellenweise sehr präsent und offiziell geworden ist.

Zwei Gruppen von Supeprclubs

Sebastian Hoffmann, Betreiber des Supperclubs „Gourmandpunk“ in München, beobachtet zwei verschiedene Gruppen von Supperclubs: diejenigen, die der Underground-Szene zuzuordnen sind, weitestgehend unbekannt und geheim bleiben wollen und daher lediglich über Social-Media-Kanäle Orte und Zeiten bekannt geben. Die andere Gruppe werde von Menschen betrieben, die das Format schätzen, aber damit durchaus auch in die Öffentlichkeit gehen wollen – ähnlich wie mit einer jungen Firma, einem Start-up. Sie wollen ihre Ideen, die Philosophie hinter ihrer Arbeit präsentieren. Zur letzteren Gruppe gehören auch Daniel Grothues und Sebastian Hoffmann. Sie betreiben Webseiten zu ihren Supperclubs und ließen sich jüngst auch für „Das Supperclub Kochbuch – Geheime Küchen, Underground-Dinner und mehr“ vom Verlag Edition Michael Fischer porträtieren.

Kreativität und Spannung

Doch wie wird man zum Supperclub-Betreiber und was ist die Motivation dahinter? Sebastian Hoffmann ist gelernter Koch und arbeitet hauptberuflich als Küchenchef für ein Münchener Cateringunternehmen. Als er 2013 das erste Mal von Supperclubs gelesen hat, entwickelte sich nach und nach die Idee, einen eigenen zu gründen. 2014 öffnete er mit seinem Format „Gourmandpunk“ das erste Mal seine Haustür für fremde Gäste. Wobei zunächst auch immer noch Freunde mit dabei waren. „Das war natürlich auch eine Sicherheit“, sagt der 34-Jährige. Von Mal zu Mal wurde die Anzahl der Freunde weniger, und fremde Gäste nahmen Platz. „Dieses Unbekannte ist das Spannende“, sagt Hoffmann. Er nutzt seinen Supperclub, um seinen Beruf in diesem – sehr flexiblen – Rahmen so auszuleben, wie er es sich vorstellt. „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Gastronomie – das ist nicht so romantisch, wie man sich das immer vorstellt.“ Geld und Kalkulationen stünden manches Mal mehr im Vordergrund als kreative Küchenarbeit. Um dieser trotzdem nachgehen zu können, rief der Wahl-Münchener „Gourmandpunk“ ins Leben.

Rund zehnmal im Jahr bekocht er dabei nun Liebhaber der guten und kreativen Küche. Wasser wird gestellt, Wein bringt jeder von zu Hause mit. „Das ist sehr cool, da man darüber immer schon toll ins Gespräch kommt“, sagt Hoffmann. Immerhin darf man davon ausgehen, dass sich alle am Tisch sitzenden für Essen, Trinken und Genuss interessieren. So ist ein gemeinsames Thema schon gesetzt.

Jeder zahlt o viel, wie ihm das Essen wert ist

Was die Stunden in der gesellschaftlichen Runde und das kulinarische Vergnügen kosten, ist von Supperclub zu Supperclub sehr verschieden. Viele handhaben es so wie Sebastian Hoffmann: Jeder zahlt am Ende so viel, wie ihm das Essen wert ist. Trauriger Fakt: In den seltensten Fällen bekomme er dabei die Lebensmittel-Kosten wieder rein. „Viele Menschen wissen leider nicht, was Qualität kostet.“ Wer außerdem Menügänge zubereitet, die aus hochwertigem Fisch, Fleisch wie Rinderfilet und heimischen Gemüsesorten bestehen, der hat auch einfach schon durch die Art der Küche einen hohen Wareneinsatz. Zehn Euro pro Gang seien da auf die doch recht kleine Produktionsmenge bezogen keinesfalls kostendeckend. Aber der Kostenpunkt steht für Supperclub-Betreiber selten im Mittelpunkt. Hier geht es um die Sache, um Leidenschaft, Spaß und Kreativität. Das versuche er auch auszukosten, sagt Sebastian Hoffmann. „Mein Style ist es, dass ich über nichts nachdenke, ich mache mir über nichts Gedanken. Der Abend, das Menü – das ist alles kompletter Freestyle.“

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Jeder Supperclub hat auf diese Weise seine eigene Geschichte. Neben Sebastian Hoffmann ist auch Daniel Grothues mit seinem Supperclub „Daniel’s Eatery“ im Supperclub-Kochbuch des EMF-Verlags porträtiert. Der Wahl-Berliner ist eigentlich studierter Marketing-Experte. Der Supperclub, den er inspiriert durch einen Artikel vor fünf Jahren gestartet hat, hat ihm, ohne dass es geplant war, einen neuen Beruf verschafft. Leidenschaftlicher Koch war Grothues schon immer. Durch die ersten Supperclub-Erfahrungen ist dann nach und nach mehr daraus geworden: Die Gäste fragten, ob er nicht auch bei Geburtstagen für sie zu Hause kochen könnte. Weitere Veranstaltungen folgten. So entstand neben dem Geschäft des Supperclubs eine Tätigkeit als Privatkoch mit Cateringservice. Seit einiger Zeit ist Grothues im Berliner „Kochhaus“ auch als Kochlehrer tätig.

Was bei Daniel Grothues in den Töpfen landet? Wer in seiner Wohnung bekocht wird, darf sich auf Gerichte freuen, die auf Inspirationen von zahlreichen Reisen beruhen. Klassiker werden durch Inspirationen aus aller Welt neu interpretiert. So werde aus einer Berliner Kartoffelcremesuppe an einem Abend unter dem Motto „Berlin meets Bangkok“ eine Kartoffelsuppe mit Kokosmilch und Zitronengras, die Buletten werden mit Koriander und Chili gewürzt. Inspirationen lauern überall – in seinem neuen Wunsch-Beruf kann Grothues sie nach Herzenslust umsetzen.


„Das Supperclub Kochbuch – Geheime Küchen, Underground-Dinner & mehr“, Verlag Edition Michael Fischer, München, 24,99 Euro.

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