Veganer, Vegetarier, Flexitarier Sind die Deutschen dem Ernährungswahn verfallen?

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Was ist gesunde Ernährung und was ist ungesund? Darüber streiten nicht nur Ernährungswissenschaftler. Foto: imago/Peter WidmannWas ist gesunde Ernährung und was ist ungesund? Darüber streiten nicht nur Ernährungswissenschaftler. Foto: imago/Peter Widmann

Osnabrück. Über die richtige Ernährung wird heute fast so gestritten wie über Politik oder Religion. Wir erklären, woher das kommt und warum das so gefährlich sein kann.

Vegetarier, Veganer, Paleotarier, Frutarier oder doch Flexitarier? Die Auswahl an verschiedenen Ernährungsstilen ist heute riesig – und damit auch das Konfliktpotenzial. Denn die Vertreter jeder Ernährungsform reklamieren für sich, die jeweils beste, moralisch einwandfreiste und gesündeste zu sein. Das führt mitunter zu Problemen, etwa bei einem Abendessen mit Freunden, bei dem plötzlich verschiedenste Sonderwünsche berücksichtigt werden müssen. Der eine isst keine Kohlehydrate mehr, der nächste verzichtet auf Milchprodukte und Fleisch ist sowieso ungesund und vor allem moralisch verwerflich.

Angst vor ungesundem Essen?

Mit diesem Phänomen beschäftigt sich auch der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop in seinem neuesten Buch „Ernährungswahn – Warum wir keine Angst vorm Essen haben müssen“, das im Mai erschienen ist. Er schreibt: „So gut wie heute ging es uns noch nie. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist der Ernährungswahn, die paranoide Angst vor ungesundem Essen sowie die pseudoreligiöse Lobpreisung ‚der einen‘ Gesundheitskost ausgeprägter und omnipräsenter als je zuvor.“ Knop ist dagegen der Ansicht, dass es die eine gesunde Ernährung nicht gibt. Nach der Analyse von mehr als 1000 Ernährungsstudien lasse sich nicht belegen, dass einige Nahrungsmittel grundsätzlich gesund und andere ungesund sind. Er geht davon aus, dass sich gesunde Ernährung von Mensch zu Mensch unterscheidet und nur der eigene Körper weiß, was er braucht. Er kritisiert zudem, dass die Ernährung heute bei vielen Menschen zur „identitätsstiftenden Ersatzreligion“ geworden sei.

Lebensmittel im Überfluss

Diese Entwicklung sieht auch der Ernährungssoziologe Daniel Kofahl. Seiner Ansicht nach liegt das auch daran, dass Lebensmittel heute im Überfluss zu haben sind. „Wir leben in einer Zeit, in der ich mich für eine Ernährung entscheiden muss, denn es gibt mehr Möglichkeiten, als ich praktizieren kann.“ Allerdings würden wir damit nicht nur entscheiden, was wir essen, sondern auch, was wir nicht essen. So würden wir auch auf viel verzichten, etwa die Pizza, das Eis oder das Steak, weil wir glaubten, dass es besser für uns ist. Das kann schnell zu Konflikten führen: „Wenn jemand meine Entscheidung infrage stellt, werde ich wieder darauf gestoßen, dass sie nicht richtig sein muss und ich dadurch ganz viel verpasse. Auf diese Weise gerät mein alltäglicher Boden, auf dem ich mich bewege, ins Wanken. Die Kritik an der Ernährungsweise wird als Kränkung empfunden“, sagt der Ernährungssoziologe.

Propheten und Heilsbringer

Einen allumfassenden Ernährungswahn in der Bevölkerung sieht Kofahl zwar nicht, aber manche Menschen würden sich in Ernährungsfragen schon sehr hineinsteigern: „Was auf jeden Fall stimmt, ist der Religionsaspekt. Wir sehen, dass Ernährung bestimmte Sachen kompensiert, die früher die Religion übernommen hat. Es gibt Propheten, die Lehren verkünden, es gibt Regeln, an die man sich halten muss. Außerdem gibt es Heilsversprechen, die mit ewiger Jugend, Gesundheit, Schönheit und Intelligenz verknüpft werden“, sagt Kofahl. Darüber hinaus würde der Alltag durch die Ernährungsform stark strukturiert werden, auch das habe früher die Religion gemacht. Der Unterschied sei nur, dass alles im Diesseitigen stattfindet und nicht erst nach dem Tod wie in der Religion.

Sucht nach gesunder Nahrung

Kofahl findet die intensive Beschäftigung mit Ernährung grundsätzlich aber gut. „Wir müssen alle jeden Tag essen, deshalb spielt Ernährung eine ganz zentrale Rolle. Sich darüber keine Gedanken zu machen, fände ich da eher irritierend.“ Jedoch kann nicht nur schlechte Ernährung, sondern auch eine zu intensive Beschäftigung mit gesunder Ernährung krank machen. Stichwort: Orthorexie. So nennen Psychologen die Sucht nach gesundem Essen. „Dies führt wiederum zu sozialer Isolation, Nährstoffmangelerscheinungen und nicht selten zu abgemagerten Persönlichkeiten“, schreibt Uwe Knop.

Die Frage nach der richtigen, gesunden Ernährung werden die Menschen vermutlich noch lange diskutieren. Zum einen weil viele Fragen in der Ernährungswissenschaft noch nicht eindeutig geklärt werden konnten und zum anderen, weil es sie immer schon beschäftigt hat: „Seit es Schriftaufzeichnungen gibt, wissen wir, dass Menschen über Essen und trinken reden. Es müsste schon etwas erfunden werden, damit die Leute aufhören zu essen und zu trinken, damit darüber nicht mehr geredet wird“, sagt Daniel Kofahl.


Flexitarier: Sie essen bewusst nur wenig Fleisch. Wenn sie welches essen, muss es von besonders guter Qualität und aus artgerechter Haltung sein.

Nach einer Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim zählen sich knapp zwölf Prozent der Deutschen zu den Flexitariern.

Vegetarier: Sie verzichten auf Produkte, für die ein Tier sterben musste, also Fleisch und Fisch und Meeresfrüchte. Milchprodukte, Honig und Eier konsumieren Vegetarier allerdings weiter. Ihr Anteil an der Bevölkerung hat sich innerhalb von sieben Jahren auf 3,7 Prozent verdoppelt.

Veganer: Sie verzichten gänzlich auf tierische Produkte, egal ob von lebenden oder toten Tieren. In den meisten Fällen betrifft das nicht nur ihre Ernährung, sondern der ganze Lebensstil ist vegan. Das heißt, Veganer benutzen auch keine Seife aus tierischen Fetten, besitzen keine Daunendecken, Wollpullover oder Lederschuhe.

Frutarier: Sie verzichten nicht nur vollkommen auf tierische Produkte, Frutarier wollen auch nicht, dass Pflanzen wegen ihnen sterben müssen. Deshalb essen sie nur pflanzliche Produkte, deren Gewinnung die Pflanze nicht schädigt. Das sind vor allem Fallobst, Nüsse und Samen. Der wohl berühmteste Frutarier war der 2011 verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs.

Paleotarier: Anhänger der Paleo-Ernährung essen ausschließlich Lebensmittel, die auch schon in der Steinzeit verfügbar waren. Deshalb wird Paleo-Ernährung auch Steinzeit-Diät oder Steinzeit-Ernährung genannt. Gegessen wird vor allem Fleisch, Eier, Obst, Gemüse, Nüsse und Honig. Getreide- und Milchprodukte sind vom Speiseplan verbannt.

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