Zwei Betroffene berichten Mit Glücksspiel das eigene Glück verspielt

Von Almut Hülsmeyer


Haselünne. Sie leben auf der Schattenseite der Glücksspielwirtschaft: die Spielsüchtigen. Allein in Niedersachsen haben mehr als 75000 Menschen ein problematisches oder krankhaftes Spielverhalten. Viele von ihnen verlieren ihren Besitz, den Job, Freunde und Familie.

Angefangen hat es in einer Imbissbude. Als Thomas Hofmann* auf seine Bestellung wartete, steckte der 15-Jährige seine ersten Münzen in einen Spielautomaten. „Da habe ich das Spielen für mich entdeckt, dieses Kitzeln, dieses Kribbeln. Ich fand es fantastisch“, sagt der heute 45-Jährige.

Seit seinem Besuch in der Imbissbude hat er nicht mehr aufgehört zu spielen. 30 Jahre lang. Zunächst verspielte er sein Taschengeld, später sein Ausbildungsgehalt und sein Einkommen. „Immer wenn ich Geld hatte, sind davon 60 bis 70 Prozent in die Automaten gewandert. Erst wenn kein Geld mehr da war, war auch der Druck weg zu spielen“, erzählt der Niedersachse.

16870 Spielautomaten

„Das Hauptproblem stellen bei den meisten Spielsüchtigen die Automatenspiele dar“, sagt Markus Weiß, Facharzt für Psychiatrie und Suchtmedizin am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne. Allein in niedersächsischen Spielhallen gab es im Jahr 2012 genau 16870 Geldspielautomaten. Damit gehört Niedersachsen nach Angaben der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen zu den bestversorgten Gebieten mit Spielhallengeräten in ganz Deutschland. Auf ein Spielhallengerät kamen 2012 in Niedersachsen 336 Einwohner. Dieser Wert wird nur noch von Bayern, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz übertroffen. 2012 wurden mehr als 400 Millionen Euro allein an Geldspielautomaten in Niedersachsen verzockt.

Fast jeden Tag hat Hofmann in den vergangenen Jahren gespielt. Nach der Arbeit führte sein Weg meist direkt in die Spielhalle. Stundenlang saß er vor den Automaten. Erst mitten in der Nacht kehrte er nach Hause zurück. Manchmal spielte Hofmann auch zwei Tage am Stück. In den Spielhallen mit den abgedunkelten Scheiben, dem Kunstlicht und den blinkenden Automaten verlor er regelmäßig das Zeitgefühl. „In den Spielhallen gibt es nirgendwo eine Uhr. Auch die Handys haben meistens keinen Empfang. Es gibt keine Berührung mit dem realen Leben draußen“, erzählt Hofmann.

Schicke Spielhallen

Dass viele Spielhallen ähnlich aussehen, ist für den Mediziner Weiß kein Zufall. „Die Spielhallen sind viel schicker als früher. Es gibt Kaffee umsonst, und man kann rauchen. Die Spieler beschreiben auch, dass dort eine fast familiäre Atmosphäre herrscht, häufig sind die gleichen Aufsichten da.“ Außerdem seien die Spielhallen strategisch gut platziert, beispielsweise neben Fast-Food-Restaurants, sodass man die parkenden Autos nicht automatisch den Besuchern der Spielhalle zuordnen könne.

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Den größten Anreiz zu spielen bietet nach Ansicht des Arztes die Funktionsweise der Spielgeräte. Regelmäßig schütte der Automat Kleingewinne aus. „Das hält den Spieler bei Laune. Wenn er über längere Zeit nichts gewinnen würde, wäre er frustriert.“ Schon kleine Gewinnsummen würden bei einem Spielsüchtigen die großen Verluste in den Hintergrund treten lassen. „Das Belohnungssystem eines Abhängigen reagiert anders als bei einem Nicht-Abhängigen. Bereits kleine Gewinne führen zu starken psychischen Reaktionen beim Glücksspielsüchtigen. Er möchte das Gewinnerlebnis unbedingt wiederhaben.“ Außerdem würden die Automaten suggerieren, dass der Spieler durch das Drücken von Tasten in den Spielverlauf eingreifen und seine Gewinnchancen dadurch beeinflussen könne. Doch die Automaten arbeiteten alle mit Zufallsgeneratoren, sagt Weiß.

Einstieg Sportwette

Auch wenn die meisten Abhängigen immer noch an Automaten spielen, gibt es andere Glücksspielformen, die immer beliebter werden. Gerade bei jüngeren Spielern sehe man eine zunehmende Beteiligung an Sportwetten, sagt Weiß.

Viele versuchten ihr Fachwissen zu nutzen, um damit Gewinne zu erzielen. Außerdem erleichtere das Internet den Zugang zu solchen Spielformen. „Die Spieler müssen nicht mehr in Wettbüros gehen, sondern können das elegant vom heimischen PC aus machen.“

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Auch für Oliver Groß* waren Sportwetten sein Einstieg ins Glücksspiel. Außerdem pokerte der Niedersachse – und das zunächst mit Erfolg. Für Siege kassierte er Prämien von mehreren Tausend Euro. Später stieg er von Poker auf Casinobesuche um.

Statt Geld zu gewinnen, verlor er es nun. Als seine Rücklagen aufgebraucht waren, musste er sich eine neue Geldquelle erschließen. „Ich habe angefangen, Frauen abzuziehen. Ich habe ihnen etwas vorgespielt und dann ihr Konto plattgemacht“, erzählt der 28-Jährige. Bei der Antwort auf die Frage, wie viele Frauen er ausgenommen hat, zögert er. „So über 30“, schätzt er.

Auch Hofmann wurde kriminell. Als sein Einkommen für das Glücksspiel nicht mehr ausreichte, begann er das Geld seines Arbeitgebers zu veruntreuen. Private Rechnungen zahlte er schon lange nicht mehr. Aus seiner ersten Wohnung flog er raus, in seiner zweiten wurde schließlich der Strom abgestellt. Verspielt hat Hofmann mehrere Hunderttausend Euro. Zurückgeblieben sind nur Schulden. Etwa 40000 Euro. „Ich kann schlecht einschlafen. Die Gedanken an meine Schulden verfolgen mich“, sagt er.

Alles gebeichtet

Auch die Gesellschaft kosten die Spielsüchtigen jedes Jahr viel Geld. Eine Studie der Universität Hohenheim schätzte für das Jahr 2008 die Folgekosten der Glücksspielsucht in Deutschland auf 326 Millionen Euro. Der Autor der Studie, Professor Tilman Becker, geht davon aus, dass sich diese Zahl bis heute nicht entscheidend verändert hat.

In seiner Untersuchung unterschied er zwischen den direkten Kosten von 152 Millionen Euro und den indirekten Kosten von 174 Millionen Euro. Zu den direkten Kosten rechnete er unter anderem die Behandlungen der pathologischen Glücksspieler, die Beschaffungskriminalität und die Kosten für den Spielerschutz sowie für Gerichte und Strafverfolgung, zu den indirekten Kosten den Verlust des Arbeitsplatzes, die krankheitsbedingten Fehlzeiten und die verringerte Arbeitsproduktivität. Das Spielen an Geldspielautomaten verursachte nach Schätzungen von Becker die höchsten sozialen Folgekosten für die Gesellschaft mit 225 Millionen Euro im Jahr.

Vollkommen verzweifelt

Hilfe in Anspruch genommen haben Hofmann und Groß erst, als sie vollkommen verzweifelt waren. „Es war Weihnachten. Ich wusste einfach nicht mehr, wo ich noch Geld herbekommen sollte. Außerdem hatte ich Angst, dass die Sache mit dem veruntreuten Geld bei meinem Arbeitgeber auffliegt“, sagt Hofmann. Er beichtete seinem Arbeitgeber alles, erzählte seinen Freunden und seiner Familie von seiner Spielsucht, ging zur Suchtberatung.

Groß hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Sämtliche Freunde hatte er verloren, der Kontakt zu seiner Familie war abgerissen. Er lebte auf der Straße. „Irgendwann habe ich das alles nicht mehr ausgehalten“, sagt er.

Der Weg zurück in ein geregeltes, spielfreies Leben ist für Hofmann und Groß kein einfacher. Dass sie ihre Familien, Freunde und Arbeitskollegen über Jahre belogen und betrogen haben, können beide heute selbst kaum begreifen. „Wir sind doch eigentlich ehrliche Menschen“, sagt Groß.

Nichts bemerkt

Rund 1,5 Prozent der Bevölkerung weisen in Deutschland ein problematisches oder krankhaftes Spielverhalten auf. Nach einer Hochrechnung der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen sind das allein in Niedersachsen mehr als 75000 Menschen. Um die Zahl der Spielsüchtigen zu senken, sei möglichst frühe Prävention nötig, sagt Weiß. Auch der Dachverband der Deutschen Automatenwirtschaft betont, dass seinen Mitgliedern die Prävention pathologischen Spielverhaltens und die Frühintervention ein wichtiges Anliegen sei. So müssten Unternehmer, die Geldspielgeräte aufstellen, ein Sozialkonzept mit vorbeugenden Maßnahmen gegen die „sozialschädlichen Auswirkungen des Glücksspiels“ vorlegen.

Von Präventionsmaßnahmen der Spielstättenbetreiber haben Hofmann und Groß nie etwas bemerkt. Auflagen, wie etwa Gewinn-und-Verlust-Limits pro Zeiteinheit und Spielautomat sowie Mindestabstände zwischen Spielautomaten, würden faktisch unterlaufen. „Ich habe an bis zu zwölf Automaten gleichzeitig gespielt“, erzählt Groß. Niemand habe ihn daran gehindert. Auch Sperrzeiten würden nicht eingehalten.

Er und Hofmann sind sich einig, dass bestehende Reglements konsequenter umgesetzt werden müssten, um Spieler vor einem Abdriften in die Sucht zu schützen. Beide Männer hoffen, ihre Sucht und die Schulden endgültig hinter sich lassen zu können. Auch einen konkreten Wunsch für die Zukunft hat Groß: „Meine eigene heile Familie.“

*Name von der Redaktion geändert