Russland in einem Zug Seit 100 Jahren auf Achse: die Transsibirische Eisenbahn

Von Kai Althoetmar


Moskau. Ab nach Sibirien!“ Kein Russe käme auf den Gedanken, freiwillig in einen Zug von Moskau nach Ostsibirien zu steigen. Westliche Touristen schon. Bis nach Irkutsk am Baikalsee sind es 5153 Kilometer oder 83 Stunden, weiter bis nach Chabarowsk, der Hauptstadt des „Fernen Ostens“, sind es nochmals 3340 Kilometer. Die Transsibirische Eisenbahn ist seit 100 Jahren auf Achse.

Abfahrt um 12.05 Uhr am Jaroslawler Kopfbahnhof in Moskau. Menschenmassen an den Gleisen, fliegende Händler. Der Zug heißt „Baikal“ und misst fast einen halben Kilometer. Die Transsib-Strecke ist elektrifiziert. Kommunismus, das bedeute Elektrifizierung, hatte Lenin einst gesagt. Die Waggons der zweiten Klasse fassen 36 Reisende. Neun Vierbett-Abteile gibt es. Die oberen Liegen, mit grünem Leder bezogen, sind schräg angebracht, damit niemand aus dem Bett fällt. Die Fenster sind verschlossen.

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Kilometer 282: Jaroslawl.

Die Schaffnerin verteilt Bettlaken und Handtücher. Kilometer 282: Jaroslawl. Zar Peter der Große ließ hier allen Reisenden mit Bart eine Steuer abknöpfen. Heute knöpfen alte Bauersfrauen den Fremden auf dem Bahnsteig die Rubel ab – für heiße Kartoffeln, Johannisbeeren, Gurken und Tomaten.

Der Zug rattert auf einer Mammut-Brücke über die Wolga. Draußen ziehen Tannen- und Birkenwälder vorbei, Bauerndörfer, jedes Haus aus Holz, ein paar Wiesen, Ställe, Sägewerke. Die West-Touristen stehen stundenlang im Gang und schauen in die Natur. Die Russen hocken in ihren Abteilen, reden, essen, lesen, schlafen, spielen Schach. Die Frage, ob ihnen die Gegend gefällt, verstehen sie nicht. Die Landschaft ist einfach da, nichts weiter, basta.

: Russlands Hauptverkehrsader

1891 machte Zarewitsch Nikolaus II. im Pazifikhafen Wladiwostok den ersten Spatenstich zum Bau der Ussuri-Bahn, des ersten Transsib-Abschnitts im Osten. 90 000 Sträflinge, Bauern und Soldaten, ausländische Vertragsarbeiter schufteten für das Jahrhundertwerk. 1916 war es vollbracht: Russlands Hauptverkehrsader verband die Oberläufe der großen Flüsse Sibiriens. 800 Stationen und 200 000 Strommasten passiert die Breitspurbahn.

Die klassische Transsib-Strecke führt von Moskau nach Chabarowsk in die Region „Ferner Osten“, wo die Hauptstrecke der Transsibirischen Eisenbahn am Amur endet, ein paar Tigersprünge von der Grenze zu China entfernt. Alternative Routen führen weiter nach Wladiwostok an den Pazifik oder ab Irkutsk über die Mongolei nach Peking.

Die Transsib fuhr durch die Geschichte. Während das Volk hungerte, hatten die Waggons der Zarenfamilie Raucherzimmer, Piano-Bar, Friseursalon und Badezimmer. Oft stoppten Schneestürme oder Räuber den Zug. Im Revolutionsjahr 1917 kamen Gold und Plüsch der Romanows unter die Räder, Lenin und später Stalin traten in den Kommandostand. Der Zug transportierte zunächst den Diktator, dann seine Opfer, später auch deutsche Kriegsgefangene.

„Obelisk“ bei Kilometer 1777

Bald muss er kommen. Alle reden nur noch vom „Obelisken“ bei Kilometer 1777, dem Grenzstein mit der Aufschrift „Europa“ auf der einen und „Asien“ auf der anderen Seite. Am Bahnhof in Perm wird Gemüse in die Zugküche geschleppt, Wasserbehälter werden aufgetankt, Post wird verladen. Der Ural ist ein welliges Hügelmeer. Kurz hinter Perwouralsk werden die Kameras in Anschlag gebracht. Die Transsib rattert mit etwa 80 Sachen am Obelisken vorbei. Asien! Mit Tee aus dem Samowar, den die Schaffnerin serviert, wird der Kontinentwechsel begossen.

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Jekatarinenburg

Jekatarinenburg naht, Datschen säumen den Bahndamm. Jekatarinenburg war die Endstation der Romanows. Als nach der Revolution der Machtkampf zwischen Sozialdemokraten und Bolschewisten tobte, trieben Agenten Lenins Zar Nikolaus II., seine Frau und Kinder hier in einen Keller und erschossen sie am 16. Juli 1917.

Sibirien – das sind 12,8 Millionen Quadratkilometer mit kaum 30 Millionen Einwohnern, 770 Millionen Hektar Wald und gewaltige Ströme. In den weiten Ebenen leben Elch, Rentier, Luchs, Wolf, Braunbär, zwischen Amur und Wladiwostok sogar die letzten Amur-Leoparden und Sibirischen Tiger, denen der Garaus durch Wilderei droht.

Der Zug passiert Rangierbahnhöfe, Werkshallen und Schlote, Fabrikhöfe, Mahnmale hemmungsloser Industrialisierung, dann Kuhwiesen, Weizenfelder, Sommerdatschen. Schon am dritten Tag hat jeder das Gefühl, seit drei Wochen unterwegs zu sein.

Halt in Krasnojarsk

Halt in Krasnojarsk, vier Zeitzonen jenseits von Moskau. Am Bahnsteig verkaufen rotbackige Babuschkas Johannisbeeren in Zeitungspapier. Der Koch kauft zwei Eimer Beeren. Ruckelnd überquert der „Baikal“ den Jenissej. Hier beginnt die Taiga, das größte Waldgebiet der Erde. Der Raubbau ist in vollem Gange. Russische und ausländische Unternehmen lassen großflächig abholzen.

Die Russen im Nachbarabteil wechseln ihre Badeschlappen gegen festes Schuhwerk. Irkutsk, die Endstation, naht. An einigen Hauswänden sind noch alte Losungen zu lesen: „Demokratie“, „Frieden“. Der „Baikal“ ist am Ziel. 5153 Kilometer, vier Tage und drei Nächte, liegen zurück, etwa sechs Stunden Flugzeit. Die Schaffnerin lächelt erleichtert. Es ist geschafft: Russland in einem Zug.


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