Kritik an Wasserqualität Experte Gary Zörner: Trinkwasser eigentlich ungenießbar

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Trinkwasserqualität in Fokus der Kritik: Giftige Stoffe dürfen gar nicht erst ins Grundwasser gelangen, fordert der Experte für Umweltgifte Gary Zörner. Foto: dpaTrinkwasserqualität in Fokus der Kritik: Giftige Stoffe dürfen gar nicht erst ins Grundwasser gelangen, fordert der Experte für Umweltgifte Gary Zörner. Foto: dpa

Osnabrück. Der NDR zeigt am Montag, 30. Mai, um 22 Uhr die erschreckende Dokumentation „45 Minuten - Unser Trinkwasser in Gefahr“. Ein noch düstereres Bild über die Wasserqualität hierzulande zeichnet Gary Zörner, einer von Deutschlands renommiertesten Experten für Umweltgifte.

Wasser ist die Grundlage des Lebens, eine ausreichende Trinkmenge essenziell für die Gesundheit – doch laut Gary Zörner ist das Trinkwasser hierzulande eigentlich ungenießbar. Und dafür gibt es nicht nur einen Grund, sondern gleich ein halbes Dutzend Gründe: „Nitrate, Pestizide, Schwermetalle, Medikamentenreste, Chemikalien und Bakterien.“

Zwei erhebliche Missstände

Nach der geltenden Trinkwasserverordnung mag das Wasser in Deutschland sauber sein. Doch Zörner, der das Delmenhorster Labor „Lafu“ für chemische und mikrobiologische Analytik leitet, erkennt in dieser Verordnung zwei erhebliche Missstände. Der erste: „Die meisten Grenzwerte sind viel zu hoch“, sagt er. Beispiel Nitrat: Die Salze der Salpetersäure kommen natürlicherweise im Boden vor, durch die industrielle Landwirtschaft und deren Neigung zur Überdüngung ist der Nitratgehalt in Böden und Grundwasser vielerorts aber deutlich zu hoch. Um die vorgegebenen Grenzwerte einzuhalten, muss häufig das nitratverseuchte Brunnenwasser mit dem Wasser weniger belasteter Brunnen gemischt werden. „Das ist im Grunde kriminell, das Zeug ist krebserregend und gehört überhaupt nicht ins Wasser“, sagt Zörner. Auch die Grenzwerte für Metalle wie Blei und Kupfer seien zweifelhaft, und definitiv hochgefährlich ist laut Zörner das zweite Versäumnis der Trinkwasserverordnung: „Jeder Stoff wird nur für sich betrachtet, Kombinationswirkungen spielen keine Rolle.“ Kupfer und Pestizide könnten eine hochtoxische Verbindung eingehen, die bei Babys bereits zum Tod geführt habe. Durch ihr Zusammenwirken würden die beiden Stoffe bis zu zehntausendmal giftiger, sagt Zörner.

Rückstände von Medikamenten

Auch die Rückstände von Medikamenten im Trinkwasser werden bekanntermaßen ein immer größeres Problem. Für die NDR-Dokumentation „45 Minuten – Unser Trinkwasser in Gefahr“ wurden in vielen norddeutschen Großstädten Wasserproben genommen – und in Hamburg und Rostock deutliche Hinweise auf Medikamentenrückstände gefunden.  Die damit konfrontierten Wasserwerke hätten laut NDR gesagt, dass das nicht möglich sei, sie könnten Medikamente herausfiltern. „Das streite ich ab, das soll mir mal einer zeigen“, sagt Gary Zörner. Für kleine und sehr teure Anlagen sei das vielleicht noch möglich – bei Klärwerken allerdings niemals. Allein der Wasserdruck würde manches Molekül durch einen Filter treiben, durch den es eigentlich nicht austreten dürfte. „Dioxine, Parabene, Medikamente und alles andere kommt mit dem Wasser im Klärwerk an – und verlässt das Klärwerk auch mit dem Wasser wieder“, sagt Gary Zörner.  Es gebe deshalb nur eine einzige Möglichkeit, um eine gute Trinkwasserqualität zu erreichen: Giftige Stoffe dürfen gar nicht erst ins Grundwasser gelangen. Denn sobald sie dort seien, bekomme man sie praktisch nicht mehr heraus. 

„Tischwasserfilter nutzlos“

Das gelte auch für Tischwasserfilter, die laut Zörner nicht nur nutzlos, sondern oft sogar hochgefährlich seien. Viele würden durch ihr mangelhaftes Filtersystem erst recht einen Nährboden für Keime bilden. „Was man dann am Ende erhält, ist eine einzige Suffbrühe.“ Ein funktionierender Tischwasserfilter sei zwar durchaus denkbar. „Aber der würde dann für einen Privathaushalt so zwischen 20 000 und 40 000 Euro kosten.“

Keime in der Dusche

Und dann sind da ja noch die Keime, die in der Dusche lauern. Legionellen sind potenziell tödliche Bakterien, wer aus dem Urlaub nach Hause kommt oder ein Hotelzimmer bezieht, sollte laut Gary Zörner immer erst einmal die Dusche bei heißem Wasser mindestens zehn Minuten laufen lassen – und dabei natürlich das Badezimmer verlassen. Keime in Wasserrohren seien grundsätzlich ein sehr großes Problem, und zwar vor allem durch den Mikrofilm, eine Art zusammenhaltender Schleim, den die Krankheitserreger bilden. „Man kann natürlich Chlor durch die Leitungen jagen, dann erwischt man aber nur die Keime, nicht den Biofilm.“ Wer unter ständigen Infekten leide, solle in Erwägung ziehen, Fachleute damit zu beauftragen, sein Wasser zu untersuchen. Eine aussagekräftige Analyse sei in seinem Labor ab etwa 300 Euro zu bekommen, sagt Gary Zörner.

Wasser abkochen

Und was rät der Laborchef ansonsten? „Trinkwasser abkochen.“ Damit könne man wenigstens die Keime erledigen. Nitrat, Schwermetalle oder Pestizide erreicht man damit aber natürlich nicht.

Der Umstieg auf Wasser aus dem Supermarkt ist zumindest für Gary Zörner selbst auch keine Lösung. „Da finden wir doch auch regelmäßig starke Verunreinigungen.“ Zörner hat sich deshalb zugunsten der Umwelt entschieden, für ein höchstens etwas besseres Wasser nicht auch noch Benzin zu verbrauchen – und mit einem gewissen Fatalismus weiter das Wasser aus dem Hahn zu trinken.


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