Wo die Kunstsprache normal ist Herzberg im Harz – das Esperanto-Städtchen

Von Joachim Göres

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Wo geht´s denn hier zum Urbodomo? In Herzberg weisen Schilder auch auf Esperanto den Weg. Foto: Joachim GöresWo geht´s denn hier zum Urbodomo? In Herzberg weisen Schilder auch auf Esperanto den Weg. Foto: Joachim Göres

Jedes Jahr zu Pfingsten kommen die deutschen Esperantisten zu ihrem Bundestreffen zusammen, diesmal in München. Der deutsche Esperanto-Verband ist weltweit der größte – dabei zählt er ganze 1600 Mitglieder. Aber eine kleine Stadt im Harz hält tapfer die Fahne der Kunstsprache hoch.

Herzberg. Esperanto – eine Kunstsprache , die der Warschauer Augenarzt Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, um Grenzen zu überwinden und so zur Völkerverständigung beizutragen. Leichter zu lernen als jede andere Sprache: ein Artikel, Kleinschreibung, eine Grammatik ohne Ausnahmen, jedes Wort wird so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Nach dem Ersten Weltkrieg fand Esperanto in vielen Ländern eine große Anhängerschaft, zum Weltkongress kamen 1923 fast 5000 Menschen nach Nürnberg.

Und heute? Für Peter Zilvar, Leiter des Deutschen Esperanto-Zentrums in Herzberg im Harz, hat die Sprache nichts von ihrer einstigen Aktualität eingebüßt: „Bei der Verständigung über Englisch sind Muttersprachler immer im Vorteil. Die gleichberechtigte Kommunikation über eine neutrale Sprache überall auf der Welt bleibt faszinierend.“

„Bedarf war nie so gering“

Der Sprachkritiker Wolf Schneider entgegnet in seinem Buch „Gewönne doch der Konjunktiv“: „Keiner Nationalsprache die Weltgeltung gönnen – das hört sich hübsch an und ist zugleich der drastischste Nachteil der Kunstsprachen. Denn immer nur durch Vorherrschaft sind Weltsprachen entstanden. Noch nie war der Bedarf an einer Kunstsprache so gering.“

Dem rationalen Argument folgt noch ein emotionales: Laut Schneider gibt es auf Esperanto weder Kinderlieder, Verse, Flüche, Witze noch Redensarten – kurz alles, was eine Sprache lebendig macht. Das weist Zilvar zurück und deutet auf die zahlreichen Bände mit Gedichten und Liedern auf Esperanto in der Bibliothek des Deutschen Esperanto-Zentrums.

Zweisprachige Straßenschilder

Herzberg ist laut Zilvar der weltweit einzige Ort mit Straßenschildern auf Esperanto – wie „Bahnhof/Stacidomo“ und „Rathaus/Urbodomo“. In Restaurants finden sich zweisprachige Speisekarten, in Hotels wird Esperanto gesprochen. An einem zentralen Platz ist die grüne Esperanto-Flagge aufgezogen, daneben steht eine Büste Zamenhofs, ein Geschenk aus China. Rund um den Juessee mitten in der Stadt haben die Esperantisten einen zweisprachigen Baumlehrpfad angelegt. 2006 stimmten alle Parteien des Stadtrates dafür, Herzberg den Namen „la Esperanto-urbo“ zu geben – die Esperanto-Stadt.

Hier können sich Lehrer fortbilden. In Schulen wird die Sprache als Arbeitsgemeinschaft unterrichtet. „Ich habe über Esperanto ein Mädchen aus der Schweiz kennengelernt, die ich demnächst besuche. Esperanto macht mir Spaß und man bekommt so leichter Kontakte in andere Länder “, erzählt die 14-jährige Anna.

Mit ihrer Freundin Jeanette, die ebenfalls Esperanto lernt, hat sie an einem Austausch mit der polnischen Partnerstadt Góra teilgenommen, wo einige Jugendliche ebenfalls Esperanto sprechen. „Wir haben uns in einem Mischmasch aus Esperanto, Deutsch und Englisch verständigt“, erzählt Jeanette. Englisch hat allerdings selbst in Herzberg Esperanto den Rang als internationale Verständigungssprache abgelaufen – auch hier fehlt es an Nachwuchs.

Kurse an Unis gut besucht

Immerhin: An den Universitäten Münster, Leipzig, Bamberg und München gibt es Sprachkurse. An der Hochschule Emden/Leer können Studierende des Faches Soziale Arbeit Esperanto wählen und damit ihre Pflicht eines Sprachkurses erfüllen. „Wir haben immer mindestens 20 Teilnehmer. Viele kommen, die nicht gut in Fremdsprachen sind. Nach einem Semester sind sie nach ihren Aussagen in Esperanto auf einem Niveau, für das sie früher in Französisch vier Schuljahre brauchten“, sagt Dozent Sebastian Kirf.

Für die Zukunft sieht Zilvar trotz der vielerorts immer älter werdenden Esperanto-Gruppen dennoch nicht schwarz: „Durch das Internet haben zunehmend junge Leute Esperanto entdeckt und bringen es sich selbst bei.“


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