Debattenkultur im Internet Wie die Hetze das Netz erobert


Osnabrück. Ob Brüderle-Aufschrei, der Streit um die Freikirche „Lebensquelle“ oder islamophobische Ausfälle: Bei bestimmten Themen brennen im Netz bei einigen Menschen die Sicherungen durch, und Grundrechte werden beiseitegeschoben. Experten sehen in Shitstorms und einer ausufernden Diskussionskultur im Web eine gesellschaftliche Herausforderung.

Der Sturm der Entrüstung trifft häufig Personen der Öffentlichkeit, wie Politiker, Promis oder Sportler. Schauspielerin Katja Riemann beispielsweise löste nach einem verkorksten Interview in der NDR-Sendung DAS! einen Shitstorm aus und wurde auf ihrer Facebook-Seite massiv angegangen. Daraufhin deaktivierte die Schauspielerin ihren Account, und auch das Gästebuch auf ihrer Homepage ließ sie abschalten.

Nachdem Laura Himmelreich, Redakteurin des Magazins „Stern“, einen anzüglichen Spruch von FDP-Politiker Rainer Brüderle öffentlich machte, formierte sich massiver Protest gegen den 68-Jährigen. Zehntausende Twittermeldungen gingen unter dem Hashtag „Aufschrei“ ein, viele forderten auch seinen Rücktritt als Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl.

Ende vergangenen Jahres sah sich die gehörlose Netzaktivistin und Mitglied der Piratenpartei Julia Probst sogar gezwungen, sich zwischenzeitlich beim Kurznachrichtendienst Twitter abzumelden. Nach einem Auftritt in der ZDF-Sendung „log in“ war die 31-Jährige von Nutzern massiv beleidigt worden. User forderten sie sogar auf, sich auf die Gebärdensprache zu beschränken. Fußballstar Mario Götze traf die Wut der Masse, als sein Wechsel von Dortmund zu Bayern München öffentlich wurde. Für seine Fans wurde er plötzlich zum Hassobjekt, und innerhalb kürzester Zeit gingen mehr als 2500 Kommentare auf seiner Facebook-Seite ein. Dabei überwogen Beschimpfungen und Beleidigungen.

Bei Prominenten machen diese Mobbing-Attacken im Netz Schlagzeilen, doch immer häufiger trifft der Sturm der Entrüstung auch ganz normale Internetnutzer. Als Ende Mai eine junge Frau via Twitter quasi live postete, wie sie angeblich Opfer einer sexuellen Belästigung wurde, geriet die Diskussion über die Persönlichkeitsrechte des Täters schnell in den Hintergrund. Eine Mitarbeiterin des Fernsehsenders Arte, die Zweifel an der Version des angeblichen Opfers hatte, wurde von vielen Usern auf Twitter beschimpft. Eine Nutzerin beschwerte sich gar bei Arte über die Frau. Die Mitarbeiterin des Senders hat mittlerweile ihren Twitter-Account gelöscht.

Ähnlich erging es Lars aus Hamburg, der eigentlich nur auf Wohnungssuche war. Weil sich das mitunter schwierig gestaltet, entwarf der freiberufliche Webentwickler die Internetseite „obdachlars“ . Was witzig gemeint war und Vermieter anlocken sollte, geriet nach einem Bericht der „Hamburger Morgenpost“ zum Shitstorm. Er wurde bepöbelt, als „Hurensohn“ und „verwöhnter Schnösel“ beschimpft.

Auf Wohnungssuche ist er immer noch.Diese Beispiele zeigen, dass der Entrüstungssturm des Netzes jeden treffen kann. Fast täglich formieren sich neue Shitstorms. Auch auf unserer eigenen Nachrichtenseite noz.de wird, vor allem beim Thema VfL, immer mehr gepöbelt und beleidigt – und immer weniger sachlich argumentiert.

Doch was kann gegen einen solchen Sturm getan werden, oder ist der Beschimpfte machtlos gegenüber den Massen? Hubertus Gersdorf, Professor für Kommunikationsrecht an der Universität Rostock, beschäftigt sich seit Längerem mit dem Phänomen. „Wenn ein Shitstorm auf einer Plattform des Betroffenen stattfindet, kann der Betroffene den Stecker ziehen und so die Schmähkritik unterbinden. Allerdings ist hier noch vieles rechtlich ungeklärt. Ob und unter welchen Voraussetzungen dies auch für heftige, aber zulässige Meinungsäußerungen gilt, ist noch nicht geklärt“, sagt er.

Die Kommentarfunktion

Viele Nutzer, die sich beruflich im Netz bewegen oder dort einem Hobby nachgehen, vermissen den respektvollen Umgang miteinander. Sie sind zunehmend genervt von den pöbelnden Trollen.

Markus Beckedahl, Gründer des Blogs Netzpolitik.org, platzte im August vergangenen Jahres der Kragen. „Ich hab keine Lust mehr auf eine Kommentarkultur, wo sich die Hälfte aller Kommentatoren nicht im Ton beherrschen kann und ständig einfach irgendwas oder irgendwen basht (dt.: beleidigt)“, machte er damals in dem Beitrag „ Einfach mal die Kommentare schließen? “ seinem Unmut Luft. Er war frustriert darüber, dass sinnvolle Diskussionen im Netz oft nicht möglich sind, weil fast nur gepöbelt und wenig argumentiert wurde.

„Mittlerweile ist es besser geworden“, sagt Beckedahl nun auf Anfrage unserer Zeitung, „es scheint doch vielen bewusst geworden zu sein, dass es ausgeartet ist.“ Seiner Ansicht nach ist die ausufernde Debattenkultur ein gesellschaftliches Problem: „Immer mehr Menschen nutzen das Internet, gleichzeitig haben die meisten aber noch nicht gelernt, ihr Gegenüber auch zu sehen“, so der Blogger. Früher hätten die Leute ihre Fernbedienung angebrüllt, heute hätten sie die Möglichkeit, gleich etwas auf ihre Facebook-Seite zu schreiben. „Es war alles schon vorher da, nur jetzt sehen wir es erst“, meint Beckedahl.

Seiner Erfahrung nach sind die „Problemfälle“, die Pöbler im Netz, meist über 50 Jahre, eher männlich und frustriert. Kindern könne man leicht beibringen, wie sie sich im Internet zu verhalten haben, bei den „Problemfällen“ sei das schwieriger. „Diese Leute mitzunehmen und ihnen auch einen ordentlichen Umgang mit anderen Menschen im Internet beizubringen, wird in den nächsten Jahren eine gesellschaftliche Herausforderung sein“, meint Beckedahl.Ähnlich sieht es auch der Blogger und Social-Media-Berater Timo Hermann. „Ich bin tief enttäuscht über das, was seit mehreren Jahren schleichend Teil der Netzkultur geworden ist: hasserfüllte, radikale Kommentare unter Artikeln, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, maßlose Beleidigungen, Sexismus, und ein zunehmendes Klima der Angst“, schreibt er Ende Mai unter dem Titel „Aufregerkultur, Radikalisierung, Angst – Die digitale Gesellschaft?“ in sein Blog. „Facebook und Twitter sind sehr direkte Medien. Da steht etwas, und wir können in Echtzeit darauf reagieren. Dass da auch direkte Kritik kommt, ist klar“, meint er, allerdings sei die Art und Weise oft unverhältnismäßig. Viele User würden nicht richtig nachdenken, sondern den ersten Gedanken direkt posten – das sei nicht immer der beste.

Auch er glaubt, dass die mangelnde Erfahrung vieler Nutzer dazu führt, dass Debatten ausufern. Hermann kennt aber auch positive Beispiele. Die Internetseite selfpedia , die er selbst zusammen mit Raul Krauthausen gegründet hat, kenne bisher keine Netz-Pöbler. Hier können sich behinderte Menschen gegenseitig Ratschläge und Unterstützung geben.

Liest man sich so manchen Kommentar auf Nachrichtenseiten oder unter Facebook-Post in sozialen Medien durch, sieht es zwar so aus, doch das Netz ist bei Weitem kein rechtsfreier Raum. „Selbstverständlich gilt auch im Internet die Rechtsordnung. Da gibt es keinen rechtsfreien Raum“, sagt Jura-Professor Gersdorf. Bei Beleidigungen könne durchaus Anzeige erstattet werden, und den Pöbler erwarte eine Geldstrafe oder im schlimmsten Fall bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe. Für die Verbreitung unwahrer Tatsachen könne es bis zu zwei Jahre Haft geben. Und die Verbreitung verfassungsfeindlicher Bild- und Tonträger werde mit bis zu drei Jahren Haft geahndet.

Dennoch wähnten sich laut Gersdorf viele in Sicherheit, weil sie unter Pseudonymen anonym durchs Netz surften. Und das sei ein Problem. „Wer nicht weiß, wer hinter einem Shitstorm steht, kann sich dagegen auch nicht zur Wehr setzen. Deshalb begünstigt anonyme Kommunikation Formen von Persönlichkeitsrechtsverletzungen“, sagt der Professor.

Im August 2011 wurden Überlegungen des Bundesinnenministeriums bekannt, die Anonymität im Internet zu verbieten und eine Klarnamen-Pflicht einzuführen . Der Blogger und Buchautor Sascha Lobo sieht darin jedoch keine Lösung des Problems und verweist auf ein Beispiel: Anfang 2010 forderten die Macher einer Facebook-Seite die Wiedereröffnung des KZ Mauthausen, sie gewann über 11000 Fans, die meisten mit echtem Namen und Foto voll identifizierbar – bis die Seite gelöscht wurde. „Wenn die digitale Welt also voll von solchen Leuten ist, dürfte die Klarnamenspflicht nicht besonders viel nützen“, schreibt Lobo auf Spiegel-Online. Viele Blogger sehen in Hass-Kommentaren eher ein gesellschaftliches Phänomen. Viele Nutzer können mit der Freiheit in Netz einfach noch nicht umgehen.. Professor Arvid Kappas, Emotionspsychologe an der Jacobs-University in Bremen , hält von diesen Klarnamen ebenfalls nichts. „Wenn ich ehrliche Reaktionen haben will, ist es besser, wenn jemand nicht den Klarnamen angeben muss.“ Kappas war Teil des europäischen Forschungskonsortiums „CyberEmotions“ , das sich in den vergangenen vier Jahren mit kollektiven Emotionen in sozialen Netzwerken beschäftigt hat. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen aus fünf EU-Ländern und der Schweiz analysierten die Diskussionskultur in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken. Emotionspsychologen, Informatiker, theoretische Physiker und anderen Experten untersuchen auf dieser Grundlage, wie man die Debatten im Netz unter Kontrolle behalten kann.

„Grundsätzlich verhalten sich die Menschen im Netz nicht anders als in der Realität“, so Kappas. Die Kommunikation zwischen Menschen hänge mit einer langen Entwicklungsgeschichte zusammen, und das werde nicht nur durch ein neues Medium verändert. Aufbrausende, schwierige Menschen sind somit auch im Netz diejenigen, die eher pöbeln als andere. „Entgegenwirken kann man dem mit Moderation – die kann menschlich sein oder computergestützt“, sagt der Psychologe und verweist auf eines der Ergebnisse des „ Cyber-Emotion “-Projekts, das von der EU mit 3,6 Millionen Euro unterstützt wurde: das Computerprogramm SentiStrength. Dieses Programm soll in kurzen Texten erkennen, ob ein geschriebener Satz positive oder negative Stimmungen enthält.Im Internet kann man es sogar testen.

Bewährt hat sich das Programm laut Kappas bereits während der Olympischen Spiele in London. SentiStrength analysierte Twittermeldungen des Tages, die sich mit Olympia beschäftigten. Je nachdem, ob die Tweets eher positiv oder negativ aufgeladen waren, leuchtete das London Eye mehr oder weniger. In Zukunft könnte dieses Programm Shitstorms möglicherweise bereits erkennen, bevor sie richtig an Fahrt aufnehmen.

Denkbar ist seiner Ansicht nach aber auch, dass sich die Debattenkultur im Netz ohne Software wandelt. „Die Netz-Phänomene werden sich in einigen Jahren verändert haben. Shitstorms treten so oft auf. Möglicherweise werden sie irgendwann verschwinden, weil die
Leute das Interesse daran verlieren“, meint Professor Kappas. Seine Hoffnung:
Es könnte den Leuten schlicht langweilig werden, im Rudel über andere herzufallen.