Smartphone als Lebensretter Uni Osnabrück entwickelt App für Hebammen in Papua-Neuguinea

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Osnabrück. Papua-Neuguinea hat eine der höchsten Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten der Welt. Die „Birthing“-App für Smartphones, die an der Universität Osnabrück entwickelt wurde, soll nun dazu beitragen, die Situation für Mütter und Kinder im Inselstaat zu verbessern.

Werdende Eltern können in Deutschland meist wählen, wo sie ihr Kind zur Welt bringen wollen: im Krankenhaus, im Geburtshaus oder auch im eigenen Zuhause. Welche Einrichtung für die eigenen Bedürfnisse passend ist, können Eltern hierzulande bei Kreißsaalführungen, Informationsabenden und Beratungsgesprächen in Erfahrung bringen. Nicht so in Papua-Neuguinea.

Hier werden die meisten Kinder in entlegenen Dörfern, ohne ausgebildete Ärzte oder Hebammen geboren. Deshalb hat der Inselstaat im Pazifik eine der höchsten Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten der Welt. Pro 10000 Geburten sterben 21 Mütter, außerdem 573 Kinder innerhalb der ersten fünf Lebensjahre. Zum Vergleich: In Deutschland sterben bei 10000 Geburten statistisch gesehen 0,6 Mütter und 37 Kinder in den ersten fünf Jahren.

Um die Situation von Müttern und Kindern zu verbessern, hat die Universität Osnabrück in Zusammenarbeit mit der Hebammen-Schule und des Centre of Social and Creative Media der Universität von Goroka in Papua-Neuguinea die „Birthing“-Applikation für Smartphones entwickelt. So sollen Hebammen in den entlegenen Dörfern mit Informationen versorgt werden.

Mangelhafte Versorgung

Die hohe Mütter- und Kindersterblichkeitsrate in Papua-Neuguinea hat viele Gründe. Die wohl wichtigste Erklärung ist die mangelhafte medizinische Versorgung: Während 450 Ärzte in Deutschland statistisch gesehen 100000 Einwohner versorgen, sind es in Papua-Neuguinea nur zehn.

Deshalb übernehmen etwa 83 Prozent der medizinischen Versorgung Freiwillige, sogenannte Health Community Worker. Auch an Hebammen mangelt es. Nur etwa jede zweite Schwangere erhält bei der Geburt Unterstützung durch geschultes Personal. Ein weiteres Problem ist die kaum vorhandene Infrastruktur in dem Inselstaat. Viele Regionen sind nur mit dem Flugzeug erreichbar.

Für die meisten Frauen in den Wehen ist es so gut wie unmöglich ein Krankenhaus zu erreichen. Es gibt außerdem häufig keinen Strom, keine Telefonverbindung oder fließendes Wasser. Auch die Kommunikation unter den etwa acht Millionen Einwohnern Papuas ist schwierig, denn in dem Land werden mehr als 800 unterschiedliche Sprachen gesprochen.

Vor vier Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen mit der australischen Entwicklungshilfe eine spezielle Hebammen-Ausbildung an vier Universitäten in Papua-Neuguinea etabliert, darunter die Universität von Goroka, um die Mütter und Kindersterblichkeitsrate zu senken.

Zurück in ihren Dörfern sollen die ausgebildeten Hebammen ihr Wissen an die freiwilligen Helfer weitergeben. Doch auch die beste Ausbildung ist ohne Weiterbildung und Möglichkeiten des Austauschs mit Kollegen nur halb so viel wert. Denn wenn Erlerntes eine Zeit lang nicht angewendet wird, gerät es schnell in Vergessenheit.

Wie also können die Hebammen weiter in Kontakt bleiben, obwohl es in den Dörfern keinen Strom, keinen Telefonanschluss und oft auch keine Straßen gibt? An dieser Stelle kommt die Universität Osnabrück ins Spiel.

Kontakt zwischen beiden Unis seit 2010

„Im Fachgebiet Informationsmanagement und Wirtschaftsinformatik werden normalerweise Smartphone-Apps für den technischen Kundendienst entwickelt, etwa für die Wartung von Maschinen“, sagt Professor Oliver Thomas von der Universität Osnabrück.

Durch seine Schwester, die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Verena Thomas, die an der Universität von Goroka das Centre of Social and Creative Media (CSCM) leitet, entstand bereits vor sechs Jahren der Kontakt zwischen beiden Universitäten und irgendwann auch die Idee, eine App zu entwickeln, mit der sich die Hebammen nach ihrer Ausbildung untereinander austauschen und informieren können.

In dem Birthing-Projekt übernimmt das CSCM die kommunikationswissenschaftliche Perspektive und führt zum Beispiel Interviews über das Nutzungsverhalten der App im Anschluss an die Testphase durch.

Verbreitung von Smartphones

Doch was bringt eigentlich eine Smartphone-App in einem Land, in dem weniger als vier Prozent der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Elektrizität haben? Erstaunlicherweise sehr viel, denn gerade weil es häufig keine herkömmlichen Telefonleitungen gibt, ist das mobile Netz in Papua Neuguinea sehr gut ausgebaut.

Weit entlegene Gebiete sind häufig nur durch Handys und Smartphones mit der Außenwelt verbunden. Bereits 2010 waren etwa 75 Prozent der Bevölkerung Papua-Neuguineas mit einem Mobiltelefon ausgestattet. Sechs Jahre später dürfte die Zahl deutlich höher sein, zudem sind auch Smartphones immer verbreiteter. Das Problem der mangelhaften Stromversorgung gleichen die Einwohner beim Aufladen ihrer Telefone durch Handladegeräte aus, die durch Kurbeln oder mit Solar betrieben werden.

Die App selbst ist in vier Bereiche gegliedert. Im Forum sollen alle Nutzer Texte verfassen, Fragen stellen und Antworten können. Die Nachrichtenfunktion, die an die Bedienung von Whatsapp angelehnt ist, ermöglicht den Austausch zwischen zwei Nutzern der App oder auch einer Gruppe von Hebammen.

Treten bei einer Geburt zum Beispiel Komplikationen auf, bei denen die jeweilige Hebamme nicht weiter weiß, kann sie über die App Kolleginnen oder Ausbilderinnen um Rat bitten. Im Bereich News kann die Universität die Hebammen über neue Entwicklungen informieren. Diese drei Funktionen sind nur mit einer aktiven Internetverbindung verfügbar. Offline funktioniert aber auch der vierte Bereich der App: das Wiki.

Es ist vom Aufbau her an die Wissensplattform Wikipedia angelegt. Die Hebammen finden hier alle wichtigen Informationen. Weil es in den entlegenen Dörfer oft keine stabile Internetverbindung gibt, ist das Wiki für die meisten Hebammen das wichtigste Element der App.

Konzeption und Entwicklung

Um die Smartphone-Applikation auf die Anforderungen und Bedürfnisse der Menschen vor Ort anzupassen, besuchten Christina Niemöller und Dirk Metzger, wissenschaftliche Mitarbeiter im Fachgebiet Informationsmanagement und Wirtschaftsinformatik der Uni Osnabrück, den pazifischen Inselstaat. „Für den Erfolg einer solchen App ist es wichtig, die Zielgruppe in die Entwicklung miteinzubeziehen.

Gerade als außenstehender Entwickler aus einem Industrieland ist es schwierig, die spezifischen Gegebenheiten vor Ort und kulturelle Einflüsse nachzuempfinden. Daher sind wir selbst nach Papua-Neuguinea gereist“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Christina Niemöller. Ihr Kollege Dirk Metzger fügt hinzu: „Vor Ort konnten wir gezielt ermitteln, wie verbreitet überhaupt Smartphones in Papua-Neuguinea sind, wofür die Menschen diese bisher nutzen und welche Rahmenbedingungen beispielsweise zur Internetverbindung wir einbeziehen müssen“.

Gefördert wurde die Reise durch das Bundesministerium für Forschung und Bildung. Zurzeit befindet sich die App im sogenannten Feldtest. Das bedeutet, dass sie auf den Smartphones von etwa 100 Hebammen installiert wird und die nächsten sechs Monate intensiv von ihnen genutzt wird. Im Anschluss an die Testphase werden Interviews mit den Nutzern geführt. Die Erkenntnisse daraus werden für die Überarbeitung genutzt, bevor sie flächendeckend eingesetzt werden soll.


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