Geschäftemacherei mit Daten? Neues Notruf-System der Kfz-Versicherungen in der Kritik

Eine App für Notfälle: Beim neuen Notruf-System der Kfz-Versicherer können Autofahrer nach einem Crash automatisch oder manuell die Retter verständigen. 

            
Foto:GDVEine App für Notfälle: Beim neuen Notruf-System der Kfz-Versicherer können Autofahrer nach einem Crash automatisch oder manuell die Retter verständigen. Foto:GDV

Osnabrück. Der Leiter des niedersächsischen Datenschutzzentrums Volker Lüdemann hat das mit Beginn dieser Woche eingeführte automatische Notruf-System der Kfz-Versicherungen kritisiert. Bei dem „Unfallmeldedienst“ genannten System stehe nicht die Verbesserung der Notfallrettung im Vordergrund: „Es geht knallhart um wirtschaftliche Interessen“, sagte Lüdemann im Gespräch mit unserer Redaktion.

Seiner Ansicht nach sei das Notrufsystem die Antwort der Versicherer auf die Bemühungen der Autohersteller, mit den bordeigenen eCall-Systemen exklusiv Zugriff auf die Unfalldaten zu bekommen. „Im Grunde ist es ein Kampf um den ersten Datenzugriff“, betonte Lüdemann. „Denn, wer die Unfalldaten zuerst hat, macht das Geschäft.“ Er organisiere

  • welcher Rettungsdienst kommt
  • welcher Hubschrauber kommt
  • welches Krankenhaus angesteuert wird
  • welches Abschleppunternehmen kommt
  • in welche Werkstatt geschleppt wird
  • welcher Kfz-Sachverständige eingeschaltet wird und
  • welche Unfallursache zugrundegelegt wird (versicherungsrelevanter Herstellerfehler, Fahrerfehler etc.)

Dazu passe auch, dass der Notruf der Kfz- Versicherer nicht an die 110 oder 112 sondern an eine private Hotline gehe, die zumeist von Bosch betrieben werden, erläutert der Experte.

Wie funktioniert das System?

Und so funktioniert das System: Kernstück ist ein Stecker für die Buchse des Zigarettenanzünders, der wie ein normaler USB-Stick aussieht. Beschleunigungssensoren in dem Stecker erkennen eine Kollision und die Stärke des Aufpralls. Registriert der Stecker einen Unfall, sendet er diese Information an eine Unfallmelde-App auf dem Smartphone des Autofahrers. Die App meldet den Unfall, die aktuelle Position des Fahrers und die letzte Fahrtrichtung an eine Notrufzentrale. Im Fall eines schweren Unfalls leitet die Notrufzentrale sofort Rettungsmaßnahmen ein. Gleichzeitig wird eine Sprechverbindung zwischen der Notrufzentrale und dem Autofahrer am Unfallort hergestellt.

Hilfe soll das System auch bei Blechschäden oder Pannen bieten. Wenn der Stecker nur einen leichten Aufprall registriere oder der Fahrer einen manuellen Pannenruf auslöse, nehme der jeweilige Kfz-Versicherer den Unfall auf und organisiere Hilfe, erklärt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Das Notfall-System solle dazu beitragen, dass Rettungskräfte künftig schneller am Unfallort sind.

Datenschutz?

Nach Ansicht des Experten für IT-Recht Christian Solmecke, muss für die Einhaltung des Datenschutzes sichergestellt werden, „ dass die übermittelten Daten (Unfallzeitpunkt, Fahrzeugtyp, Fahrzeugposition) einmalig übertragen werden und kein Bewegungsprofil entsteht“. Auch dürften keine weiteren, unnützen Daten weitergegeben werden. „Der Halter des Fahrzeugs muss genau wissen, welche Daten für welchen Zweck übertragen werden. Das ist der wichtigste Grundsatz im Datenschutzrecht“, so Solmecke im Gespräch mit unserer Redaktion.

Nach Ansicht des GDV sind bei dem automatischen Notruf-System hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit bereits erfüllt. Es würden nur dann Daten an die Zentrale des Unfallmeldedienstes geschickt, wenn es tatsächlich einen Unfall gegeben habe. Grundsätzlich erhalte niemand Informationen, die Rückschlüsse auf die Fahrweise oder die zurückgelegte Strecke ziehen ließen.

Für jedes Auto?

Der Unfallmeldestecker kann ohne großen Aufwand in jedem Pkw betrieben werden, es gibt nur wenige technische Voraussetzungen:

  • eine 12-V-Steckdose beziehungsweise ein Zigarettenanzünder im Fahrzeug,
  • ein Smartphone mit Bluetooth, einem Mobilfunkvertrag mit mobiler Datenverbindung (Internet) und
  • einem der folgenden Betriebssysteme: Android ab Version 2.3.4 oder iPhone ab Modell 5 mit iOS ab Version 8.

Autofahrer können auch mit einem einfachen Test herausfinden, ob ihr Smartphone mit dem Unfallmeldedienst kompatibel ist. Er ist mit dem Smartphone aufzurufen. Der Test liest die aktuelle Version des Smartphones und alle notwendigen Systemvoraussetzungen aus und zeigt dem Nutzer an, ob sein Smartphone kompatibel ist. Für jedes versicherte Fahrzeug können neben dem Hauptnutzer noch bis zu vier weitere Gastnutzer angemeldet werden und den Stecker mit dem eigenen Smartphone koppeln.

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