Neue Studie in Niedersachsen Zahl der Diabetes-Erkrankungen bei Kindern steigt

Von Eva Voß

30000 Kinder in Deutschland leiden unter Typ-1-Diabetes – und es werden immer mehr. Foto: imago/Science Photo Library30000 Kinder in Deutschland leiden unter Typ-1-Diabetes – und es werden immer mehr. Foto: imago/Science Photo Library

Osnabrück. Immer häufiger leiden Kinder an Typ-1-Diabetes. Bisher wissen Mediziner nicht, woran das liegt. Durch eine neue Studie soll eine Erkrankung bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren festgestellt werden, schon bevor sie ausbricht. Wie das funktioniert, erklärt Professor Thomas Danne, Chefarzt des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover und zugleich Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabeteshilfe.

Herr Professor Danne, wie häufig ist Typ-1-Diabetes bei Kindern in Deutschland?

Wir gehen davon aus, dass es ungefähr 30000 Kinder mit Typ-1-Diabetes in Deutschland gibt. Etwa jedes 600. Kind ist betroffen. Statistisch gesehen geht auf jede größere Schule ein Kind mit Typ-1-Diabetes. Uns erschreckt dabei besonders, dass die Zahl jedes Jahr etwa um vier Prozent zunimmt.

Wie erklären Sie sich das?

Damit kann man noch einen Nobelpreis gewinnen. Im Moment ist es für uns ein Puzzlespiel. In neun von zehn Familien, in denen ein Kind Diabetes hat, ist kein anderer aus der Familie betroffen. Trotzdem gibt es eine gewisse vererbte Empfänglichkeit. Es spielen außerdem Virusinfekte eine Rolle. Aber warum das eine Kind Husten und Schnupfen bekommt und das andere Diabetes, wissen wir noch nicht genau. (Doodle für Frederick Banting: Kuriose Fakten zum Entdecker des Insulins)

Spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle?

Ja, in Finnland gibt es zum Beispiel viel häufiger Typ-1-Diabetes. Da ist eins von 120 Kindern erkrankt. In Japan gibt es das so gut wie gar nicht. Da sind noch viele offene Fragen.

Gibt es Möglichkeiten der Prävention?

Die gibt es leider nicht, weil wir die Kinder erst relativ spät als zuckerkrank identifizieren. Im Prinzip erst dann, wenn die typischen Symptome auftreten. Das sind etwa großer Durst, häufiges Wasserlassen und unbeabsichtigte Gewichtsabnahme. Aber der Diabetes beginnt schon viel früher. Bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren entwickeln Kinder, die später an Diabetes erkranken,sogenannte Diabetes-Antikörper. Sie zeigen uns an, dass ein Prozess in der Bauchspeicheldrüse abläuft, der Autoimmunkrankheit genannt wird und zur Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen führt. Haben Kinder sehr viele dieser Anti-Körper, ist es praktisch eine 100-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie in den nächsten zehn Jahren Diabetes entwickeln. Wir müssen die Kinder also möglichst früh identifizieren, um Strategien zu entwickeln, wie das Fortschreiten der Krankheit und damit die völlige Zerstörung der Insulinproduktion aufgehalten werden kann.

Könnte ein Test auf Diabetes-Antikörper Teil einer U-Untersuchung für Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren werden?

Genau. Das ist der Versuch, der in Bayern gerade mit der sogenannten „Fr1da“-Studie gemacht wird. Den Eltern wird während der U-Untersuchung im Alter zwischen zwei und fünf Jahren eine Blutentnahme angeboten, mit der die Kinder auf die Anti-Körper getestet werden. Wir sind froh, dass es die Untersuchungen bald in Niedersachsen geben wird.

Wann geht es los?

Wahrscheinlich noch in diesem Jahr. Die Untersuchungen laufen im Rahmen der sogenannten „Fr1dolin“-Studie. Sie wurde von der Ethik-Kommission in Hannover Ende Januar genehmigt. Insofern steht dem Start nur noch Organisatorisches im Wege. Allen Kindern zwischen zwei und fünf Jahren wird in Niedersachsen bei dieser U-Untersuchung eine Blutentnahme aus dem Fingerpiks angeboten. Zusätzlich testen wir auch auf Fettstoffwechselstörungen. Das ist ein weiterer Grund, an der Studie teilzunehmen, denn gerade bei Fettstoffwechselstörungen können wir schon ganz konkret behandeln.

Müssen Eltern den zusätzlichen Test bezahlen?

Nein. Es ist eine Studie, deshalb ist die Untersuchung kostenlos. Der behandelnde Kinderarzt bekommt für seinen zusätzlichen Aufwand eine Entlohnung. Die Eltern müssen nur einverstanden sein, dass bei ihrem Kind Blut abgenommen wird.

Was passiert, wenn Sie feststellen, dass ein Kind vermutlich einen Diabetes entwickeln wird?

Eltern werden mit dieser Diagnose nicht alleingelassen, sondern von dem jeweiligen Kollegen an ein Schulungszentrum in ihrer Nähe verwiesen. Wir werden außerdem ein Netzwerk der großen Kinderkliniken aufbauen, die Kinder mit Diabetes behandeln. Sie sind auch die Ansprechpartner für die Kinderärzte und beraten die Familien, welche Möglichkeiten sie haben und auf was sie im Einzelnen achten müssen. Das wird in den nächsten Wochen und Monaten geplant, und sobald alle Kinderkliniken Bescheid wissen und wir alle Kinderärzte kontaktiert haben, geht es los. Koordiniert wird das Ganze vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Wir sind das größte Kinder-Diabeteszentrum in Deutschland.

Ist für die Kinder trotzdem ein fast normales Leben möglich?

Ja, auf jeden Fall. Die meisten Kinder können fast alles genauso machen wie ihre gesunden Mitschüler. Es ist natürlich eine riesige, zusätzliche Lebensaufgabe und verändert viel in der Familie. Das möchte ich gar nicht kleinreden. Mittlerweile ist die Behandlung aber sehr weit fortgeschritten, und wir haben viele neue Möglichkeiten der Therapie.

Typ-2-Diabetes ist ja deutlich häufiger. Sind die Zahlen immer noch steigend, oder haben die Präventionsprogramme schon etwas gebracht?

Die WHO hat gerade wieder bekannt gegeben, dass die Übergewichtszahlen bei Kindern weltweit deutlich zugenommen haben. Aktuelle, deutsche Daten werden zurzeit noch in der Kiggs-Studie erhoben, sodass wir noch nicht genau wissen, wie der Trend ist. Bei unserem „Kick“-Programm für übergewichtige Kinder habe ich aber nicht das Gefühl, dass da die Gesundheitsbedrohung zurückgegangen ist. Wir haben nach wie vor einen großen Bedarf und das ist ja auch gut so, weil man da auch etwas gegen Übergewicht machen kann. Andererseits nimmt die Zahl der Kinder mit Typ-2-Diabetes nicht zu. Wir haben in den vergangenen Jahren sogar eine kleine abnehmende Tendenz. Woran das genau liegt, wissen wir aber nicht. Bei Erwachsenen sehen wir ja, dass dort die Patienten durchaus immer jünger werden. (Weiterlesen: 41 Millionen kleine Kinder zu dick)

Könnte Diabetes irgendwann heilbar sein?

Da bin ich skeptisch. Es gibt noch keine gute Lösung, wie das Immunsystem so abgelenkt werden kann, dass verpflanzte insulinproduzierende Zellen vom Immunsystem nicht wieder kaputt gemacht werden. Wenn wir umgekehrt das Immunsystem komplett unterdrücken, gibt es so viele Nebenwirkungen, dass es einfacher ist, Insulin zu spritzen. Ich glaube deshalb eher an eine technische Lösung, wie die künstliche Bauchspeicheldrüse. Durch eine Kombination aus einem im Fettgewebe gelegten Glukose-Sensor mit einer Insulinpumpe und einer Steuerung über einen Computer trifft dieser selbstständig die Therapieentscheidungen. So muss sich der Patient nicht dauernd in den Finger pieksen und überlegen, wie viel Insulin er braucht.


Was ist Diabetes?

Typ-1: Bei dieser Form handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit. Das bedeutet, dass sich die körpereigenen Abwehrkräfte aus ungeklärten Gründen gegen insulinproduzierende Zellen der Bauchspeicheldrüse richten und diese zerstören. Dem Körper muss deshalb, etwa durch Spritzen, von außen Insulin zugeführt werden.

Typ-2: Dabei handelt es sich um eine chronische Stoffwechselkrankheit, zu der ein hoher Insulinspiegel gehört. Dieser führt dazu, dass langfristig Organe, Gefäße und Nerven geschädigt werden. Diabetes-Typ-2 ist häufig genetisch bedingt. Er kann jedoch auch durch Übergewicht und Bewegungsmangel entstehen.

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