Kampf um Glaubwürdigkeit 15 Jahre Wikipedia: Das Wissen der Welt für alle

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Osnabrück. Negative Schlagzeilen über versteckte Werbung stellen die Glaubwürdigkeit infrage und die Zahl der neuen Autoren sinkt kontinuierlich – in den 15 Jahren seit seiner Gründung hat das größte Online-Lexikon der Welt aber Vertrauen gewonnen. Allein das Deutsche Werk der Wikipedia verzeichnet eine Milliarde Nutzer im Monat.

Um das gesamte Wissen der Welt zu sammeln und jedem zugänglich zu machen, gründeten der Internetunternehmer Jimmy Wales und sein Geschäftspartner Larry Sanger am 15 Januar 2001 Wikipedia. Für dieses Ziel arbeiten bis heute tausende Autoren ehrenamtlich und das Ergebnis ist beeindruckend: Die deutsche Wikipedia umfasst mittlerweile 1,9 Millionen Einträge, weltweit sind es nach eigenen Angaben über 37 Millionen in annähernd 300 Sprachen. Pro Tag wächst das deutsche Online-Lexikon um 300 Artikel (Stand November 2015).

„Das geht nur durch Leidenschaft“, sagt Gregor Ter Heide aus Melle, der sei 2006 für Wikipedia schreibt. „Anerkennung gibt es dafür nicht, höchstens Nackenschläge.“ Damit meint er die, teilweise erbittert geführten Diskussionen in der Autorengemeinschaft, die in manchen Fällen über Monate dauern. Gestritten wird um Inhalt, aber auch um Sprache und nicht selten um Details. Offenbar sind immer weniger Schreiber bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Zahl der neuen Autoren ist in den vergangenen Jahren ständig gesunken. Zehn Jahre nach der Gründung, im Januar 2011 waren es 1469, im November 2015 dagegen noch 586. Auch Ter Heide bemerkt den Autorenschwund: „Es sind viel weniger, aber die schreiben regelmäßig und stehen wie eine eins dahinter.“ So wie er. Unermüdlich arbeitet er daran, die Qualität der Beiträge zu verbessern, sucht Quellen und ergänzt Artikel. Nichts sei schädlicher, als ein schlecht recherchierter Text, sagt Ter Heide.

Falsche Informationen werden unwissentlich und gezielt platziert

Vor allem in den ersten Jahren wurde Wikipedia belächelt, schließlich konnte hier jeder Laie sein Wissen verbreiten. Eine Anmeldung ist für die Bearbeitung der Artikel nicht erforderlich. Inzwischen wird die Plattform ernst genommen. Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom suchen vier von fünf Internetnutzern dort nach Informationen. Aber Wikipedia steht dauerhaft vor einem Problem, das im Internet verbreitet ist: Es sind nicht nur Fehler zu finden, die Autoren unwissentlich verursachen. Gezielt versuchen Lobbyisten und Extremisten, falsche Informationen zu platzieren. Erst im November entlarvten Administratoren der englischen Wikipedia ein Netzwerk von Autoren, die gegen Bezahlung Werbung für ihre Kunden in das Nachschlagewerk einstellten. 210 Artikel und 381 Konten wurden daraufhin gelöscht.

Auch der Meller Wikipedianer Ter Heide hat Texte von bezahlten Schreibern entdeckt. Sein Themengebiet sind Nutzfahrzeuge, vor allem Lkw. Er sichtet alle Artikel, in diesem Bereich. Manchmal sind sie als Werbetext für Firmen angelegt, sagt Ter Heide: „Meist steht darin nichts Verkehrtes. Nur einige Ausdrücke sind werbemäßig. Dafür sind meistens tolle Fotos dabei, die will man nicht einfach wegschmeißen.“ In solchen Fällen sucht er weitere Quellen, die den Inhalt der Artikel belegen und ändert die auffälligen Wörter.

Die Anfälligkeit der Plattform zeigte ein Blogger medienwirksam, als er 2009 dem gerade ernannten Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in seinem Wikipediaeintrag den zusätzlichen Vornamen Wilhelm gab. Dieser wurde von etlichen Journalisten übernommen. Auf der Plattform wurde der Fehler zwischenzeitlich von skeptischen Autoren verbessert, doch der Nachweis für den falschen Vornamen war nun durch zahlreiche Medienberichte scheinbar gegeben. Die Kritik für die gegenseitige Beeinflussung beschränkte sich nicht nur auf das Online-Lexikon, sondern galt auch den Journalisten.

Wozu werden Spenden gebraucht?

Negative Berichte folgten auch dem Wikipedia-Spendenaufruf im November und Dezember 2015. Die Plattform verdient kein Geld mit den Inhalten, sondern wird durch Spenden finanziert. Die Wikimedia Foundation, welche die deutschsprachige Seite verwaltet, formulierte im vergangenen Jahr das Ziel von 8,6 Millionen Euro und wurde dafür kritisiert. Wozu werden die Spenden gebraucht, wenn Wikipedia nach dem letzten Finanzbericht 77 Millionen Dollar zur Verfügung stehen? Die notwendigen Server könnten mit dieser Summe jahrelang betrieben werden. Das Geld wird nach eigenen Angaben aber auch für Personal- und Verwaltungskosten benötigt. Ein Teil wird außerdem für Auszeichnungen und Konferenzen verwendet.

Inzwischen sind zahlreiche Ableger des Online-Lexikons entstanden: Zum Beispiel Wikimedia Commons, eine Datenbank mit Bildern und anderen Medien, die Zitatsammlung Wikiquote und das Projekt Wikisource, bei dem freie Quellen der Geschichte gesammelt werden. Und es ist noch viel zu tun, meint Ter Heide: „Es schlummert noch so vieles in Archiven, was im Internet nicht zu finden ist.“ Ausgewiesene Wikipedianer hätten bei Archivrecherchen volle Unterstützung, sagt er.


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