Gespräch mit Uwe Knop Ernährungswissenschaftler: „Diäten funktionieren nicht“


Osnabrück. Bodychange, Schlankwasser oder Fastenkur: Zu Jahresbeginn gibt es in vielen Zeitschriften wieder zahlreiche Abnehmtipps. Ernährungswissenschaftler Uwe Knop erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum Diäten nicht funktionieren und es für ihn nicht nur eine gesunde Ernährung gibt.

Herr Knop, der 1. Januar ist für sehr viele Menschen ein Stichtag, um sich ab sofort gesünder zu ernähren. Was halten Sie von diesem Vorsatz?

Ich halte das für Quatsch, weil es für mich die eine gesunde Ernährung nicht gibt. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise, dass Obst und Gemüse zu einem längeren und gesünderen Leben führen. Das sind alles Spekulationen, Hypothesen und Vermutungen. Ich persönlich halte es für gesund, wenn ein gesunder Mensch das isst, was ihm gut schmeckt und was ihm gut bekommt. Deshalb gibt es für mich so viele gesunde Ernährungen wie es Menschen gibt. Ganz wichtig ist außerdem, dann zu essen, wenn man Hunger hat und nicht aus Gewohnheit, Frust oder auch Höflichkeit. Ein großes Problem ist das Essen aus Frust, Kummer oder Einsamkeit, das sogenannte emotional eating. Viele Menschen essen dadurch viel mehr, als gut für sie ist. (Weiterlesen: Neues Jahr, neues Ich? Was Vorsätze bringen)

Wenn es keine ungesunde Ernährung gibt, warum gibt es dann so viele übergewichtige Menschen?

Übergewicht und Adipositas sind Definitionen gemäß BMI, also des Body-Mass-Index. Der BMI ist aber nicht geeignet, um eine Aussage zur Gesundheit oder Krankheit eines Menschen machen Rein statistisch zeigen Studien, dass moderates Übergewicht mit der längsten Lebenserwartung einhergeht und damit kein Problem ist, wohl aber krankhaftes. Wenn wir wüssten, woher das kommt, gäbe es sicher auch eine Methode, es wieder loszuwerden. Die gibt es aber nicht. Übergewicht hat immer sehr viele Gründe und ist individuell bedingt. 70 bis 80 Prozent des Körpergewichts bestimmen die Gene. Sie können aus einem Bernhardiner keinen Windhund machen. Außerdem hängt Übergewicht damit zusammen, ob Sie gesund oder krank sind, ob Sie Stoffelwechselstörungen, Diabetes oder Probleme mit der Schilddrüse haben. Auch manche Medikamente und Schlafmangel können dick machen. Sie sehen, es gibt sehr viele Gründe dafür, warum Menschen zu dick sind. Im Prinzip müsste man für jeden krankhaft übergewichtigen Menschen eine individuelle Analyse machen. (Weiterlesen: Ernährung: Gesund und moralisch einwandfrei)

Sie sagen, wir sollen auf unser Körpergefühl hören und essen, worauf wir Lust haben. Was ist, wenn ich jeden Tag Currywurst essen möchte?

Das wird Ihr Körper Ihnen nicht sagen. Wir haben das Glück, dass wir im Schlaraffenland leben. In Deutschland und Europa gibt es alle möglichen Nahrungsmitteln zu relativ günstigen Preisen und in guter Qualität. Das hat es noch nie gegeben. Unser Körper braucht Abwechslung und Vielfalt, viele unterschiedliche Nährstoffe zu unterschiedlichen Zeiten. Und unser Körper kennt das Angebot ja bereits solange wir leben und dementsprechend wird er nicht jeden Tag nach Currywurst und Pommes verlangen. Wenn Sie auf die Signale des Körpers hören, brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. (Weiterlesen: Orthorexie: Die Sucht nach gesundem Essen)

Sie glauben also, man würde ganz automatisch Hunger auf einen Apfel bekommen oder eine Portion Brokkoli?

Mit der Frage deuten Sie ja an, dass sie nicht glauben, dass jeder freiwillig Obst und Gemüse isst. Tatsächlich essen es vermutlich viele nur, weil sie denken, es ist gesund. Im Umkehrschluss muss man sich fragen, wenn der Körper es nicht fordert, warum soll ich es dann essen? Nur weil irgendjemand aufgrund von vagen Vermutungen, mir eingeredet hat, dass ich es muss? Das ist genau die Frage, die man sich stellen muss, und auch das ist bei jedem Menschen individuell. Der eine isst gerne rohes Obst und Gemüse, der andere kann es nicht vertragen, weil er Magenprobleme davon bekommt. Ich selbst esse zum Beispiel sehr wenig Obst, trinke dafür aber gerne frische Fruchtsäfte. Wir müssen einfach wieder genau auf unseren Körper hören. Denn wer sonst weiß denn ganz genau, was ich brauche, wenn nicht mein Körper?

Was raten Sie denn übergewichtigen Menschen, die an ihrer Situation etwas verändern möchten?

Die ganzen Tipps, die in irgendwelchen Zeitschriften stehen, können Sie alle vergessen. Die funktionieren nicht. Jedes Jahr zum Jahreswechsel werden neue Diätprogramme veröffentlicht, die den Kunden das Blaue vom Himmel versprechen und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen. Dabei wissen wir längst, dass Diäten nicht funktionieren. Ich sagte ja bereits, dass es viele verschiedene Gründe gibt, warum Menschen übergewichtig sind, und genau da müssen Betroffene ansetzen. Sie sollten herausfinden, warum sie zu dick sind oder sich vielleicht auch nur so fühlen.

Und wie?

Hier gibt es in der Regel drei Antworten. Die erste Gruppe will wegen gesundheitlicher Probleme abnehmen. Diesen Menschen würde ich zu einem Ernährungsmediziner schicken, der genau analysiert, woher das Übergewicht kommt, also mögliche körperliche aber auch psychische Ursachen checkt. Wenn man weiß, woran es liegt, kann man herausfinden, wie man das Gewicht wieder reduzieren kann. Bei der zweiten Gruppe kommen wir wieder zum Bernhardiner-Windhund-Beispiel. Wenn jemand gesund ist und es ihm gut geht, aber eher vom Typ „Bernhardiner“ ist, dann muss er sich im Klaren darüber sein, dass das Abnehmen ein lebenslanger Kampf wird. Die dritte Gruppe sind diejenigen, die so aussehen wollen, wie die Topmodels im Fernsehen. Mit einer Diät kann das klappen, aber der Körper holt sich sein ursprüngliches Gewicht gerne wieder zurück. So gerät man schnell in die Jojo-Falle oder bekommt Essstörungen. Das Unterfangen Abnehmen sollte man also gründlich hinterfragen, bevor man auf die Schnelle irgendeine Diät macht. (Weiterlesen: Schönheitsideal: Durchtrainiert ist das neue dünn)

Sie haben gerade gesagt, dass Diäten nicht funktionieren. Warum glauben Sie das?

Diäten wirken deshalb nicht, weil sie immer nur kurzfristig zu Gewichtsverlusten führen und niemand lebenslang auf Diät sein will. Da ist sich die Wissenschaft mittlerweile auch einig. Zwischen 80 und 90 Prozent aller Gewichtsreduktionsversuche scheitern, weil der Körper sich nach der Diät sein ursprüngliches Gewicht wieder zurückholt. Das ist ein biologischer Mechanismus. Wenn es schlecht läuft, schlägt der Körper sogar noch ein paar Kilos drauf, um für den nächsten „Mangelzustand“ vorzusorgen. Das ist dann der Jojo-Effekt. Sie können zwar mit jeder Diät abnehmen, aber es ist nicht von Dauer und kann krank machen. Deshalb kann man nur von Diäten abraten. (Weiterlesen: Ständige Diäten machen das Abnehmen schwerer)

Aber einige Menschen schaffen es ja, langfristig abzunehmen. Wie machen die das denn?

Es gibt immer wieder Beispiele von Menschen, die das geschafft haben. Das funktioniert aber mit Sicherheit nicht mit einer Diät. Diese Menschen setzen sich individuell mit den Gründen ihres Übergewichts auseinander und verändern ihr ganzes Leben. Jeder Übergewichtige muss seine eigene Erfolgsstory schreiben, denn es gibt dafür keine universelle Lösung. Wenn es etwas gäbe, das jeden Menschen auf einfache Art schlank macht, dann hätten wir nicht jedes Jahr nach Weihnachten diesen Wust an Diättipps. Für sehr viele Menschen ist das ein harter und sehr langer Prozess, der sehr viel Willenskraft erfordert und der damit einhergeht, dass man sein Leben vielleicht einfach von Grund auf umkrempeln muss.


Uwe Knop, Jahrgang 1972, ist Ernährungswissenschaflter und Medizin-PR-Experte. Er ist Autor der Bücher „Esst doch was ihr wollt – Warum Ernährung weder gesund noch krank macht“ und „Hunger & Lust – Das erste Buch zur Kulinarischen Körperintelligenz“.

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