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In Deutschland entdeckt Neue Superkeime sogar gegen Notfall-Antibiotikum resistent

Von Waltraud Messmann

Bakterienkulturen werden am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie des Universitätsklinikums Leipzig untersucht. Foto: Hendrik Schmidt dpa/lsn/lbnBakterienkulturen werden am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie des Universitätsklinikums Leipzig untersucht. Foto: Hendrik Schmidt dpa/lsn/lbn

Osnabrück. Hat das Post-Antibiotika –Zeitalter bereits begonnen? Wissenschaftler haben jetzt auch in Deutschland Bakterien nachgewiesen, die selbst gegen das Notfall-Antibiotikum Colistin resistent sind.

Die Erreger mit dem entsprechenden Resistenzgen spürten sie nicht nur im Darm von Nutztieren sondern auch bei Menschen auf. Mediziner sind alarmiert, weil Colistin bisher als letzte Rettung gegen hartnäckige Infektionen mit resistenten Darmkeimen galt. Besteht nun auch dagegen eine Resistenz, ist eine Situation denkbar, in der Erkrankungen dieser Art nicht mehr wirkungsvoll behandelt werden können.

Weitere Untersuchungen

„Die aktuellen Ergebnisse bestätigen erneut, dass die Strategie eines verantwortlichen Einsatzes von Antibiotika weiter konsequent verfolgt werden muss“, betont Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das die entsprechenden Untersuchungen gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) durchgeführt hat. Weitere molekularbiologische Untersuchungen zum genetischen Hintergrund und Übertragungspotenzial würden nun durchgeführt, um mögliche Risiken für die Verbraucherinnen und Verbraucher abzuschätzen.

Bei Mensch und Tier

Wie das Wissenschaftsmagazin „Scienxx“ berichtet, wurden Bakterien mit dem Resistenzgen gegen Colistin erstmals im November 2015 von Forschern in China entdeckt. Die Keime mit dem Gen mcr-1 konnten sowohl beim Menschen als auch bei Tieren und in Lebensmitteln nachgewiesen werden. Ursache sei vermutlich der starke Einsatz von Antibiotika in der chinesischen Tierzucht.

Jetzt ergaben Analysen in Deutschland, dass in mehreren Geflügelbeständen sowohl Salmonellen als auch Bakterien der Art Escherichia coli gegen das Antibiotikum Colistin resistent sind. Das Colistin-Resistenzgen wurde in drei Schweine-Isolaten, die ab 2011 gesammelt wurden, sowie in dem multiresistenten Isolat eines Menschen nachgewiesen. Auch Untersuchungen in England und in den Niederlanden seien positiv verlaufen, berichtet „Scienxx“.

Resistenzgen

Die Experten gehen laut „Scienxx“ davon aus, dass dieses Resistenzgen schon seit dem Jahr 2010 in Tieren vorkommt. Die Befürchtung, dass es sich in der Zwischenzeit auch auf Keime des Menschen übertragen haben könnte, bestätigten sich: Die Forscher entdeckten das Resistenzgen Gen mcr-1 auch in einem Isolat einer menschlichen Probe aus dem Jahr 2014.

Doch damit nicht genug: Wie „Scienxx“ weiter berichtet, waren die Bakterien in dieser Probe nicht nur gegen Colistin resistent, sondern auch gegen den Wirkstoff Carbapenem. Dieses breit wirksame Antibiotika wird in Notfällen gegen multiresistente Bakterien eingesetzt. Erst, wenn dieses keine Wirkung mehr zeigt, kommt Colistin zum Einsatz.

Alarmierend

Schon der Bericht der chinesischen Forscher, wonach Resistenzen bei vielen Patienten, in Fleisch und in Nutztieren vorkommen, habe betroffen gemacht, sagte die Direktorin des Charité-Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, Petra Gastmeier. „Trotzdem dachten wir noch: China ist ja weit weg.“ Sollte auch Colistin an Wirkung verlieren, blieben noch Kombinationstherapien: Patienten bekämen dann verschiedene Präparate. Wichtig sei jetzt, dass Humanmediziner und Veterinärmediziner gut zusammenarbeiten, um das Resistenzproblem in den Griff zu bekommen.Alarmierend ist nach Angaben der Experten auch, dass das neu entdeckte Resistenzgen – im Gegensatz zu den vorher bekannten Colistin-Resistenzen – zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist und sich so leicht verbreiten könnte.Die Superkeime könnten damit zu einer echten Gefahr für das Gesundheitswesen werden, warnen die Forscher.

Für Verbot

„Der Einsatz der für die menschliche Gesundheit besonders wichtigen Reserveantiantibiotika (in der Tierhaltung) gehört gänzlich verboten“, erklärte der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger, am Freitag. Den Angaben nach wurden in der Tierhaltung 2014 in Deutschland circa 16 Tonnen Reserveantibiotika eingesetzt. Deren Verbrauch sei gestiegen, obwohl der Antibiotika-Einsatz bei Tieren insgesamt zurückgegangen sei.

Verbrauchertipps des Bundesamtes für Risikoforschung

: Um sich beim Zubereiten von Speisen vor Krankheitskeimen im und auf dem Fleisch zu schützen, sollte eine sorgfältige Küchenhygiene sichergestellt werden, sodass die Keime nicht von rohem Fleisch auf andere Lebensmittel übertragen werden. Zudem sollte Fleisch vor dem Verzehr gründlich durcherhitzt werden, das heißt für mindestens zwei Minuten eine Temperatur von 70 °C im Kern des Lebensmittels erreichen.

Das BfR hat Verbraucherhinweise zum Schutz vor lebensmittelbedingten Infektionen im Privathaushalt herausgegeben. (mit dpa)