Am 25. November Aktion „Roses Revolution“ gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Der „Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“ am 25. November ist seit drei Jahren auch der Tag der „Roses Revolution“. Bei dieser globalen Aktion legen Frauen rosafarbene Rosen vor Kreißsaaltüren, hinter denen sie eine traumatische Geburt erlebt haben.

„Eigentlich wollte ich immer viele Kinder. Jetzt habe ich Angst, schwanger zu werden.“

„Ich lag mit offenem Bauch auf der Liege und habe die Hebamme heulend angebrüllt, dass ich mein Baby erst sehen will. Sie verließ trotzdem den Raum und sagte mir, dass ich es nach dem Nähen haben dürfe.“

„Ich fühlte mich wie auf einer Schlachtbank. Ich war festgeschnallt und panisch.“

So schreiben Frauen mehr oder weniger anonym auf der Facebook-Seite von „Roses Revolution Deutschland“. Hinter der Seite steht neben anderen Mascha Grieschat. Auch sie hat während der Geburt schlechte Erfahrungen gemacht und daher das Projekt „Gerechte Geburt“ gegründet. „Für Betroffene gib es kaum Hilfe“, sagt die Lehrerin aus Hamburg. Dabei seien etwa zehn Prozent aller gebärenden Frauen von Gewalt in der Geburtshilfe betroffen, sagt Katharina Hartmann von der Organisation „Human Rights in Childbirth Deutschland“ .

Recht auf würdevolle Behandlung

Vor gut einem Jahr forderte die Weltgesundheitsorganisation WHO zur „Prävention und Beseitigung von Respektlosigkeit und Misshandlung unter der Geburt“ auf. Jede Frau habe das Recht auf die bestmöglichen Gesundheitsstandards, welche das Recht auf eine würde- und respektvolle Behandlung beinhalten würden.

Respektvoll klingt es nicht gerade, was die Frauen auf „Roses Revolution Deutschland“ berichten. Große Schmerzen, große Ängste, mangelnde Aufklärung. Gehetzte Ärzte, überstürzte Not-Kaiserschnitte, dann das Kind, das – kaum auf der Welt – der Mutter schon wieder entrissen wird, Hilflosigkeit.

Neben der körperlichen Gewalt, von der ihr viele Frauen erzählten, höre Mascha Grieschat immer wieder von Beleidigungen. „Du Schwein, du hast hier alles zugekackt. Ach, das ist wieder eine von den Hysterischen. Stell dich nicht so an, das haben andere auch schon geschafft“, zählt sie auf. In Deutschland sei Gewalt in der Geburtshilfe immer noch ein Tabu-Thema, während es im Englischen sogar den Begriff „birth rape“, grob übersetzt „Geburts-Vergewaltigung“ gebe. Denn für einige Frauen sei eine Geburt ähnlich traumatisierend wie eine Vergewaltigung.

Kliniken nicht an den Pranger stellen

Neben viel Zustimmung findet sich unter den Nachrichten auf Facebook aber auch Kritik an der „Roses Revolution“. Es heißt, die Initiative würde Hebammen in Kliniken an den Pranger stellen. Doch Grieschat betont, dass es nicht darum gehe, vor bestimmten Kliniken oder Hebammen zu warnen. „Hebammen sind nach so schweren Geburten ja oft mit-traumatisiert. Wir sprechen uns daher auch für eine viel bessere Hebammenbetreuung aus.“

Bessere Hebammenbetreuung gefordert

Jana Friedrich ist selbst Hebamme und betreibt den bekannten Hebammenblog im Internet. Sie befürwortet die „Roses Revolution“: „Aufklärung muss stattfinden.“ Bei Gewalt unter der Geburt unterscheidet Friedrich zwischen zwei Arten von Traumatisierung. Zum einen solche, die durch körperliche und psychische Übergriffe entstehe und die in einer Extremsituation wie einer Geburt sicherlich auch vorkomme, zumal es wie in allen Lebensbereichen auch beim Klinikpersonal schwarze Schafe gebe. Zum anderen die verdeckte, seelische. „Es gibt Schwangere, die mit der Situation einer Geburt überfordert sind, die nicht mit den Schmerzen zurechtkommen, ohne es nach außen hin so deutlich zu zeigen“, sagt die Hebamme. Hier sei eine gründliche Nachbesprechung der Geburt wichtig, um eine Vertiefung des Traumas zu verhindern.

Hinzu komme, dass die Frauen womöglich falsche Erwartungen an die Geburt im Krankenhaus hätten. In einer großen Klinik könne man sicher nicht die heimelige Atmosphäre einer Hausgeburt herstellen. Dass die Zahl der Interventionen steige, führt Friedrich auch auf die Hebammensituation in den Krankenhäusern zurück. „Pro Jahr kommt hier im Durchschnitt eine Stelle auf etwa 118 Geburten. Hinzu kommen Beratungen, Kontrollen, Assistenzaufgaben. Viele Hebammen sind selbst nicht mehr mit ihrer eigenen Arbeit zufrieden, weil sie sich nicht mehr ausreichend Zeit für die Betreuung der Frauen nehmen können.“

Landesärztekammer einschalten?

Prof. Frank Louwen, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), glaubt, dass nach negativen Geburtserlebnisse bei Patientinnen häufig der Eindruck entstehe, dass man sie besser über die möglichen Vorgehensweisen unter der Geburt hätte aufklären müssen. Daher habe die DGGG Leitlinien zur Geburt und speziell zum Kaiserschnitt verfasst. „In meiner Klinik verstehen wir Geburtshilfe als Dauerschulung“, sagt Louwen. „Wir trainieren regelmäßig die Abläufe und Handgriffe unter der Geburt in gemeinsamer Verantwortung der beteiligten Berufsgruppen Hebammen und Ärzten.“ Eine tatsächliche Gewalterfahrung im Kreißsaal wäre indes als Straftat einzustufen.“ „Insofern sehen wir hier die Möglichkeit von der Beschwerde über die Einschaltung der Landesärztekammer bis hin zur juristischen Klärung des Vorwurfs als richtigen und gesellschaftlich akzeptablen Weg.“

Dass sich so wenige Frauen juristisch zur Wehr setzen, führt Mascha Grieschat von „Roses Revolution Deutschland“ zum einen auf das Schamgefühl, zum anderen auf die geringen Erfolgsaussichten zurück. Es sei schwer nachzuweisen, welche körperliche und seelische Gewalt einer Frau angetan wurde, wenn der Geburtsbericht – vor dem Gericht das entscheidende Dokument – vom Klinikpersonal verfasst wurde, und dieses noch dazu sämtliche Eingriffe mit dem Kindeswohl rechtfertigen würde.

Gespräch mit dem Klinikpersonal

Im Marienhospital in Osnabrück wird Frauen nach der Geburt ein Gespräch angeboten, an dem die Hebammen und die Kreißsaalärzte teilnehmen. „Diese Gespräche bewerten die meisten Frauen als sehr hilfreich“, sagt Dr. Götz Menke, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Denn auch wenn das Personal bei einem Einsatz von Saugglocke, Kaiser- oder Dammschnitt erklären müsse, warum sie dieses Mittel gewählt habe und sich um einen Konsens bemühen müsse, stünden die Mütter bei heiklen Geburtsverläufen unter extremen körperlichen und geistigen Belastungen. „Das kann dazu führen, dass die Frauen diese Geburt als traumatisch empfinden“, sagt Menke.

Doch genau wegen dieses Traumas seien viele Frauen nicht in der Lage, mit den Hebammen und Ärzten das Gespräch zu suchen. Daher wählten sie den Weg, anonym eine Rose vor einem Kreißsaal abzulegen und das Erlebte so ein Stück weit zu verarbeiten. „Wir sagen immer: Keine Geburt ist so schön, dass sie das ganze Leben überstrahlt“, sagt Mascha Grieschat. „Und keine Geburt ist so schlimm, dass sie das ganze Leben überschattet.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN