Gefühlsausbeuter im Netz „Realfakes“: Wenn die Internet-Liebe gar nicht existiert

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Die Autorin Victoria Schwartz ist im Internet auf ein „Realfake“ hereingefallen und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Foto: dpaDie Autorin Victoria Schwartz ist im Internet auf ein „Realfake“ hereingefallen und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Foto: dpa

Osnabrück. Warum sollte man sich im Internet als jemand anderes ausgeben und dann eine Beziehung beginnen? Die Motive von so genannten Realfakes sind schwer zu verstehen - dennoch gibt es im Netz unzählige solcher Schein-Existenzen. Auch Victoria Schwartz ist an ein Realfake geraten und hat nun ein Buch über das Thema geschrieben.

Victoria Schwartz‘ Realfake gab sich als 32-jähriger Physiotherapeut aus Münster aus - groß, gut aussehend, tätowiert. In Wahrheit steckte hinter „Kai Cruz“ eine untersetzte Psychologin mittleren Alters, die gebürtig aus Deutschland stammt und in der amerikanischen Stadt Springfield lebt. 

Wie kann so eine Frau einen Mann kreieren, in den sich eine andere Frau verliebt, die weder naiv noch verzweifelt und durch ihren Job als Kommunikationsdesignerin mit dem Internet mehr als vertraut ist? Die kurze Antwort: Realfakes wie der, mit dem Victoria Schwartz knapp eineinhalb Jahre Kontakt hatte, sind perfekt ausgearbeitete Schein-Existenzen, die oft nicht nur ihre eigenen Profile in sozialen Netzwerken gefälscht haben, sondern ihre vermeintliche Echtheit noch mit zahlreichen weiteren falschen digitalen Freunden und Familienmitgliedern vorspiegeln.

Mit Geschenken überhäuft

Zudem wollen sie weder Geld  noch Nacktfotos , geben dafür aber häufig sehr viel. „Ich habe Geschenke im Wert von mehreren tausend Dollar bekommen“, sagt Victoria Schwartz im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wie soll man ahnen, dass jemand, der so etwas tut, ein Fake ist?“ Kennengelernt hatte Victoria Schwartz ihr Realfake über Twitter. Es entwickelte sich ein enger Kontakt über Mail, Whatsapp, Briefe und sogar über das Telefon. Um Victoria Schwartz weiterhin vorzugaukeln, ein Mann zu sein, nutzte die Psychologin am anderen Ende der Leitung einen Stimmenverzerrer. Nachdem sie ihren Fake enttarnt hatte, berichtete Victoria Schwartz in einem Blog über ihre Geschichte. Sofort meldeten sich Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist; bis heute bekommt die Hamburgerin alle zwei bis drei Tage eine Mail von Betroffenen.

Geschätzte 70 Prozent der Täter sind weiblich

Auf Grundlage der ihr bekannten knapp 400 Fälle und von Gesprächen mit Fachleuten, vor allem Psychologen, hat Victoria Schwartz den zweiten Teil ihres Buches „Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde - Das Phänomen Realfakes“ verfasst. Nachdem sie im ersten Teil des Buches ihren eigenen Fall erzählt, schildert sie in der zweiten Hälfte unter anderem die typischen Verhaltensmuster von Realfakes. Danach geben diese selten bis nie Informationen preis, die Rückschlüsse auf ihre eigene Identität zulassen. Die Täter, von denen die Autorin Kenntnis erlangt hat, sind zwischen 14 und 65 Jahren alt - und in 70 Prozent der Fälle weiblich. 

Realfakes sind hoch manipulativ

„Frauen neigen stärker dazu, sich in andere Identitäten hineinzuversetzen, sie lesen ja auch deutlich mehr Belletristik als Männer“, sagt Victoria Schwartz. Ein Freund von der Autorin wird im Buch mit der These zitiert, dass die wenigsten Männer Interesse an einer Beziehung hätten, in der wegen ihrer Fiktionalität Sex von vorneherein ausgeschlossen ist.

„Das klingt so platt, aber ich fürchte, da ist viel dran.“ Charakteristisch für Realfakes ist auch, dass sie hoch manipulativ vorgehen. Sie sind verständnisvoll, herzlich, kontaktfreudig, machen Komplimente und simulieren große Gefühle. 

Psychische Probleme als Standard-Ausrede

Zweifel an ihrer Existenz und Klagen über immer wieder abgesagte Treffen kontern Realfakes damit, ihren Opfern ein übertriebenes Misstrauen zu unterstellen und ihnen ausdauernd ein schlechtes Gewissen einzureden. In der Wahl ihrer Ausreden, warum es zu vereinbarten Treffen oder Videochats nicht kommt, sind sie hemmungslos: Schwere Krankheiten und Unfälle werden immer wieder vorgetäuscht, und praktisch immer beruft sich der Realfake auf psychische Probleme, die eine tagelange Kontaktpause begründen sollen. Dass viele Realfakes tatsächlich psychische Probleme haben, liegt nahe. „Viele dürften unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden“, sagt Victoria Schwartz.

Viele Realfakes leiden mutmaßlich am Borderline-Syndrom

Das Borderline-Syndrom geht einher mit einer großen Lust an der Manipulation, einem inneren Gefühlschaos und einer instabilen Identität  - allesamt Eigenschaften, die es wohl braucht, um die Gefühle anderer Menschen bedenkenlos auszubeuten. Wenn sich ein derart instabiler Mensch außerdem als besonders einsam und ausgegrenzt empfindet, wird es laut Victoria Schwartz umso verlockender, in eine falsche Identität zu schlüpfen. „Ein Realfake-Profil bietet für eine gewisse Zeit die Möglichkeit, der Mensch zu sein, der man gerne wäre.“ Ihre eigene Erfahrung mit „Kai Cruz“ hat die Autorin längst überwunden. Sie sieht sich zudem nicht als Opfer und betont, wie schön und intensiv der Austausch mit ihrem Fake in vielen Phasen der Beziehung war. Verbittert ist Victoria Schwartz nicht, sie empfindet ihre Erfahrung auch nicht als schweres Schicksal: „Dann müsste doch jeder Liebeskummer auch ein schweres Schicksal sein.“

Autorin bietet persönliche Hilfe an

Dass ihr Realfake in Wahrheit in den USA lebt und dort als Psychologin arbeitet, hat Victoria Schwartz über intensive Internet-Recherchen ermittelt. Den meisten Opfern von Realfakes gelingt es allerdings nicht, die tatsächliche Existenz hinter dem Fake zu ermitteln.Wer glaubt, an ein Realfake geraten zu sein, kann sich allerdings helfen lassen - und zwar von der Expertin persönlich. Auf der Seite realfakes.net  findet man nicht nur ausführliche Informationen zum Thema, sondern kann auch mit Victoria Schwartz Kontakt aufnehmen und sie um eine Einschätzung des eigenen Falles bitten.


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