Kritik an Krankenkassen Grippeimpfung 2015/2016: Schlechteren Grippeimpfstoff eingekauft?

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In der Kritik steht der Grippeimpfstoff der gesetzlichen Krankenkassen.Foto: Imago/Jochen TackIn der Kritik steht der Grippeimpfstoff der gesetzlichen Krankenkassen.Foto: Imago/Jochen Tack

Osnabrück. Noch bevor die Grippesaison bei uns überhaupt begonnen hat, hagelt es schon Kritik an dem Grippeimpfstoff, den die gesetzlichen Krankenkassen eingekauft haben. Der Vorwurf: Statt eines teureren, aber breiter wirksamen Vierfachimpfstoffs würden gesetzlich Krankenversicherten nur die preiswerteren Dreifachimpfstoffe angeboten. Das könne schlimme Folgen haben, warnen Experten.

Denn in Australien, wo die Grippesaison 2015 in diesen Tagen zu Ende geht, dominierte mit dem B-Brisbane genannten Influenzavirusstamm in diesem Jahr ein Erreger, gegen den der von den gesetzlichen Kassen in Deutschland eingekaufte Dreifachimpfstoff keinen Schutz bietet. In verschiedenen Regionen Australiens war er für die Hälfte der Erkrankungen verantwortlich. In einigen deutschen Arztpraxen wird Patienten bereits empfohlen, auf eigene Kosten einen teureren Vierfachimpfstoff zu nehmen, der auch gegen diesen Influenzavirusstamm wirksam ist.

In Australien hatte man wie jetzt auch Deutschland vor allem auf Dreifachimpfstoffe gesetzt. Sie enthalten zwei Influenza-A-Stämme und einen Influenza-B-Erreger aus der Yamagata-Linie. Der zweite B-Stamm aus der B-Victoria-Linie, B-Brisbane, ist nicht vorhanden.

Weil die Grippewelle in Australien mit doppelt so hohen Fallzahlen wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres besonders heftig war, wird jetzt in Down Under diskutiert, ob der schwere Verlauf möglicherweise mit der eingeschränkten Schutzwirkung des Grippeimpfstoffes zusammenhängt.

Droht eine Impflücke?

Eine ähnliche Debatte könnte auch bei uns bald entbrennen: Experten warnen, dass, sollte auch in Europa gehäuft der B-Brisbane-Virusstamm auftreten, drohe in Deutschland eine Impflücke. In einem Artikel in der Fachzeitschrift „Eurosurveillance“ heißt es, wir sollten uns schon jetzt auf ähnliche Schwierigkeiten wie in Australien einstellen.

Nach Ansicht von Cornelius Remschmidt, Experte beim Robert-Koch-Institut, ist es für Vorhersagen aber noch zu früh: Man könne die Daten aus Australien nicht auf unsere Situation übertragen, sagte er in einem Interview mit unserer Redaktion. „Wir können derzeit weder voraussagen, wann uns die nächste Welle trifft, noch wie schwer sie sein wird.“

Sollte sich später im Jahr aber zeigen, dass der B-Brisbane-Virusstamm auch an den Grippeerkrankungen bei uns beteiligt ist, kann eine mögliche Impflücke wohl nicht mehr geschlossen werden, warnen Experten. Ein Schutz gegen diesen Stamm ist nur in den Vierfach-Impfstoffen InflusplitTetra und dem nasal anzuwendenden Impfstoff FluenzTetra enthalten. Da sie nicht von den gesetzlichen Kassen übernommen werden, müssen gesetzlich versicherte Erwachsene diese Präparate aus eigener Tasche zahlen. Mit einem Einzelpreis von 23 Euro ist die Vierfachimpfstoff deutlich teurer als Dreifachimpfstoffe, die bei etwa acht Euro liegen.

Lesen Sie hier: RKI: Grippeimpfung ab Oktober empfohlen – Gefahr für Flüchtlinge?

Eine Wahlmöglichkeit haben der gesetzlich Versicherte und auch der Arzt seit dem Jahr 2006 nicht mehr: Seitdem werden in Deutschland je nach Bundesland die Impfstoffe ausgeschrieben, oder die Kassen entscheiden ohne Ausschreibung darüber, welche Impfstoffe sie für ihre Versicherten einkaufen. Seit dieser Saison müssen das Impfstoffe von mindestens zwei Herstellern sein. „Da die Ständige Impfkommission (STIKO) keine Empfehlung gegeben hat, dass ein viervalenter Impfstoff bevorzugt verwendet werden soll, entscheidet am Ende der Preis“, meint RKI-Sprecher Remschmidt. Die teureren viervalenten Grippeimpfstoffe wurden von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland für ihre Versicherten nicht eingekauft.

Skandalös

Als „skandalös“ bezeichnet das der Wiesbadener Infektiologe und Klinikdirektor Professor Markus Knuf gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“. Nur um Geld zu sparen und obwohl es Alternativen gebe, nehme man hierzulande „bewusst in Kauf, dass die verwendeten Impfstoffe nicht gut wirken“. Der Aufruf zur Grippeimpfung sei aber nur sinnvoll, wenn man sich für Impfstoffe mit höchster Wirksamkeit und geringster Nebenwirkungsrate entscheide. Doch gerade dies sei derzeit nicht der Fall.

Die „Ärztezeitung“ berichtet über eine Simulation des Tübinger Mathematikers Martin Eichner, wonach die Verwendung eines teureren Vierfachimpfstoffs in Deutschland pro Jahr knapp 400000 Grippeinfektionen verhindern könnte. RKI-Sprecher Remschmidt betont allerdings: „Der Schutz des viervalenten Impfstoffes ist nicht per se besser als der des dreivalenten Impfstoffes. Wenn jedoch 2 verschiedene B-Viren zirkulieren würden oder wenn das in dem dreivalenten Impfstoff enthaltene B-Virus nicht dem zirkulierenden B-Virus entspräche, hätte man mit dem viervalenten Impfstoff einen Vorteil.“

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Nach Ansicht einiger Experten sind die lange unterschätzten B-Viren inzwischen etwa für 30 Prozent der Influenzaerkrankungen verantwortlich.

Der „Tagesspiegel“ verweist auf eine Veröffentlichung des Virologen Peter Wutzler, derzufolge es in sechs der letzten elf Influenza-Saisonzeiten keine Übereinstimmung zwischen dem vorherrschenden und dem im Impfstoff enthaltenen B-Stamm gegeben hat. Daher sei es naheliegend gewesen, Vierfachimpfstoffe mit beiden B-Linien zu entwickeln.

Nur zu 27 Prozent effektiv

Die Nichtübereinstimmung von Impfstoffen und Virusstämmen wird auch als „Mismatch“ bezeichnet. Einen solchen „Mismatch“ hat es auch in der vergangenen Grippesaison gegeben: Nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts betrug die Impfeffektivität des rabattierten Impfstoffes in Deutschland gegen eine laborbestätigte Influenza in der Saison 2014/15 nur 27 Prozent – gegenüber 40 bis 60 Prozent in anderen Saisons. Schuld war damals ein Virustyp der A-Stämme: Das H3N2-Virus hatte sich, als es zu uns kam, so stark verändert, dass diese Komponente nicht mehr zum Impfstoff passte.

Verantwortlich für die Zusammensetzung des Grippeimpfstoffes ist die Weltgesundheitsorganisation. In nationalen Grippezentren sammelt sie ganzjährig die zirkulierenden Grippestämme ein und sucht sie nach genetischen Veränderungen ab. Mithilfe dieser Daten wird dann nach wirksamen Impfstoffen gegen die gemeldeten Varianten gesucht. Wegen des langwierigen Herstellungsprozesses entscheiden die Fachleute dann bereits im Februar über die Zusammensetzung des jeweiligen Impfstoffs für die nächste Grippesaison der Nordhalbkugel. Später eingehende Informationen können nur noch sehr begrenzt berücksichtigt werden.

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