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Klaps und Ohrfeige Warum Gewalt in der Erziehung immer falsch ist

Angst statt Autorität erzeigen: Seit dem Jahr 2000 ist es verboten, Kinder zu schlagen. Trotzdem kommt es immer noch vor, dass Eltern ihre Kinder hauen. Foto: ColourboxAngst statt Autorität erzeigen: Seit dem Jahr 2000 ist es verboten, Kinder zu schlagen. Trotzdem kommt es immer noch vor, dass Eltern ihre Kinder hauen. Foto: Colourbox

Osnabrück. Seit dem Jahr 2000 ist es verboten, Kinder physisch wie psychisch zu verletzen und zu erniedrigen. Trotzdem kommt es immer noch vor, dass Eltern ihre Kinder schlagen. Wie kann das sein?

Jede Woche sterben in Deutschland zwei Kinder aufgrund von Gewalt. Gewalt, die auch innerhalb von Familien passiert. Weitaus höher dürften die Anzahl der Kinder sein, die von ihren Eltern immer noch mit Klaps und Ohrfeige erzogen wird. Und das 15 Jahre, nachdem das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung vom Bundestag verabschiedet wurde. „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, heißt es dort. (Weiterlesen: Was tun bei der Wut aufs Kind?)

Dabei gelte bei den meisten Eltern eine gewaltfreie Erziehung als Ideal, sagt Cordula Lasner-Tietze, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der größte Teil der Eltern will, dass ihr Kind gut aufwächst, besser als sie selbst sogar.“

Bei vielen, die spontan hauen, seien oftmals alltägliche Stresssituationen der Auslöser: „Diesen Eltern tut es zumeist auch sehr leid.“ Sie seien auch die, die sich an Hilfestellen wie den Kinderschutzbund wenden, damit derlei nicht mehr passiere. „Ist bei Eltern ein Problembewusstsein und Empathie gegenüber dem Kind vorhanden, kann zukünftige Gewalt meist gut verhindert werden.“ (Weiterlesen: „Körperliche Bestrafung ist Gewalt“)

Es gibt keine „würdevolle“ Gewalt

Schwieriger sei der Umgang mit Eltern, die keinerlei Problembewusstsein hätten und es als normal betrachten, Kinder mit Gewalt zu erziehen. „Aber es ist nie harmlos, sein Kind mit körperlicher oder seelischer Gewalt zu erziehen“, so Lasner-Tietze. „Das Kind erlebt ein Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht und der Unterlegenheit. Es gibt keine würdevolle Gewalt“, sagt sie und widerspricht damit auch einer Aussage von Papst Franziskus, der einen Vater lobte, dass dieser seinen Sohn „würdevoll“ bestraft hätte, nämlich mit Schlägen auf den Po und nicht ins Gesicht. (Von wegen „Das schadet nicht“! Kinder zu schlagen ist immer falsch — die Elternkolumne zum Thema)

Die Auswirkungen von Gewalt in der Erziehung sind vielfältig: „Einige Kinder üben selbst Gewalt aus, andere wiederum ziehen sich zurück, wenden sich von Alltagssituationen ab und wieder andere neigen dazu, sich selbst zu verletzen.“ Fatal ist es, wenn Kinder das Vertrauen in Erwachsene verlieren und von diesen keine Hilfe und Unterstützung in ihrer Situation bekommen. Dann gibt es niemanden zum Reden über das Erlebte und später auch niemanden, bei dem man Rat holen kann, wenn man selbst Mutter oder Vater ist und Überforderungen erlebt. (Weiterlesen: Eine fatale Kombination: Erziehung und Prügel)

Lebenslange Loyalität zu den Eltern

Gewalt gegen Kinder führt oftmals auch dazu, dass bei ihnen Mitgefühl für andere und für sich selbst zerstört wird. Dadurch verlieren sie die Fähigkeit, sich einzufühlen und Empathie zu entwickeln. Fehlt ihnen schon als Kind die Empathie, kann es passieren, dass sie als Erwachsene ihre Kinder ähnlich erziehen werden. Ein Teufelskreis, der über Generationen weitervererbt werden kann. Ist dies der Fall, wird es schwer, diese Muster bei den Eltern zu durchbrechen.

Wenn diese Eltern Sätze sagen wie „Ich wurde auch gehauen und so schlimm war das nicht“, erkläre sich das aus einer immer noch bestehenden Loyalität zu den eigenen Eltern. „Kinder überhöhen ihre Eltern, auch, wenn sie selbst schon erwachsen sind“, so Lasner-Tietze.

Abwerten und Niederbrüllen

Nicht nur körperliche Gewalt ist ein Problem, so die Kinderschützerin: „Seelische kann ein Kind ebenso verletzten.“ Was kann man sich darunter vorstellen? „In einigen Familien ist der Leistungsdruck enorm hoch und Eltern setzen ihre Kinder mit allzu hohen Anforderungen unter Druck. Ähnlich ist es mit Abwertungen: Ein Satz wie „Das schaffst Du nie“ brennt sich in Kinderseelen ein.“ Und: Das Kind im Streit „Niederzubrüllen“ ist ebenfalls eine Art der Abwertung.

Du bist ok, wie Du bist

Wie kommt es dann, dass einige Kinder heil aus ihrem prügelnden und sie abwertenden Elternhaus herausfinden? „Zumeist gibt es bei diesen Kinder eine Person, auf die sie sich stützen konnten und die ihnen immer das Gefühl gegeben hat, dass sie ok sind, so wie sie sind“, sagt Lasner-Tietze. Ob diese Person nun Tante, Onkel, Großeltern, Nachbarin oder ein Lehrer ist, ist egal. „Ihr Handeln, ihr Dasein ist bedeutend für die Entwicklung des Kindes.“

Zuschauern von elterlicher Gewalt rät Lasner-Tietze zur Aktion, selbst wenn das Mut verlange: „Greifen Sie aktiv ein, sprechen Sie die Familie an und schreiten Sie ein, wenn es ganz schlimm wird. Ein Satz wie ,So geht das aber nicht!‘, laut ausgesprochen wirkt manchmal Wunder.“


Züchtigung war bis 2000 noch erlaubt

Während in Deutschland die Prügelstrafe 1973 in den Schulen verboten wurde, durften die Eltern zu Hause immer noch hauen, wie sie wollten. Das änderte sich erst im Juli 2000 mit dem Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung. „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, heißt es dort. Ein Verstoß gegen das Gesetz (§ 1631 II BGB) zieht jedoch nur selten Sanktionen nach sich. Erst wenn durch das Verhalten der Eltern das Kindeswohl gefährdet wird, sind weitere Maßnahmen möglich.

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