Angst statt Autorität Ob Klaps oder Ohrfeige: „Körperliche Bestrafung ist Gewalt“

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Wenn Eltern zu Gewalt greifen, um ihre Kinder zu erziehen, erzeugt das nur Angst, aber nicht die gewünschte Autorität. Sabine Pankofer, Professorin für Psychologie, erklärt im Interview, warum.

Sabine Pankofer ist Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Sie war vor ihrer Lehrtätigkeit jahrelang in der Jugendhilfe tätig. Dort war sie durch ihre Arbeit mit als besonders schwierig geltenden Jugendlichen mit den Folgen psychischer und körperlicher Gewalt konfrontiert. 2011 hat sie das Buch „Kindesmisshandlung. Körperliche Gewalt in der Familie“ mit herausgegeben.

Frau Professor Pankofer, sind Klaps oder Ohrfeige so harmlos, wie viele noch denken?

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Klaps und Prügeln. Doch bereits die berühmte Ohrfeige kann – je nachdem, wie alt das Kind ist, wie stark sie ist und an welcher Körperstelle sie auftrifft – neben der demütigenden Wirkung zu massiven Verletzungen führen. Das Problem ist für mich ein anderes.

Und welches?

Wenn Gewalt – ob leicht oder schwerer – als legitimes und übliches Erziehungsverhalten wahrgenommen wird, ist der Damm gebrochen. Das ist gerade in Krisensituationen, in denen beispielsweise Eltern unter Druck sind, gefährlich, da in diesen die eigene Einschätzung von leicht, mittel und schwer nicht wirklich gegeben ist, abgesehen davon, dass Kinder Schläge nicht nur körperlich, sondern auch emotional erleben, oft als Demütigung.

Da kann auch schon ein leichter Schlag schwere Folgen haben. Insofern ist die Entscheidung, gar keine Form des Schlagens zu benutzen, in herausfordernden Situationen definitiv die bessere und sollte die einzige Entscheidung ein.

Was halten Sie von dem Spruch „Das hat mir doch auch nicht geschadet“?

Gar nichts. Dieser Satz ist eine Pseudolegitimierung und ein Versuch der Bagatellisierung und Schuldabwehr. Er kann ja sogar subjektiv stimmen, als handlungsleitender Satz ist er aber gefährlich, da er eine scheinbare Logikkette aufbaut, der allerdings jede Grundlage fehlt, denn jeder Mensch erlebt solche Situationen anders.

Wann wird aus derlei Bestrafungen Prügel und gefährliche Gewalt?

Jede körperliche Bestrafung ist Gewalt. Wer kann denn entscheiden, ab wann Schläge Prügel sind oder gefährlich? Noch einmal: Es sollte nur in der pädagogischen Situation nur eine Entscheidung geben: Auf jegliche körperliche Bestrafungen und Gewalthandlungen zu verzichten. (Weiterlesen: Was tun bei der Wut aufs Kind?)

Wie wirkt sich Gewalt auf die Kinder aus – kurz und langfristig?

Das ist ein komplexes Thema und nicht so leicht oder allgemein zu beantworten. Kurzfristig scheinen ja solche Erziehungsmethoden zu wirken, indem beispielsweise ein Verhalten des Kindes oder des Jugendlichen aufhört. Das ist aber eine – wenn es überhaupt ‚Erfolg‘ hat - teuer erkaufte Ruhe. Damit wird eine Kette von schwierigen Beziehungserfahrungen und dem Erlernen von Gewalt als scheinbarer Lösung erzeugt – mit langfristigen Folgen.

Studien, wie z.B. von Christian Pfeiffer und Kollegen haben nachgewiesen, dass sich Gewalterfahrungen in die nächste Generation verschieben, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der selbst körperliche Gewalt als Erziehungsmittel erlebt hat, in Krisensituationen eher auf diese Reaktionsweise zurückgreift.

Geschlagene Kinder schlagen weiter?

Mittlerweile zeigt sich auch immer öfter das Phänomen, dass misshandelte Kinder bei ihren Eltern zurückschlagen und schon in jungen Jahren unkontrollierbar werden. Dies zeigen Biografien, beispielsweise die von sehr jungen sogenannten Intensivtätern.

Schläge wirken also lange nach…

Ja, Gewalterfahrungen, die oft als Demütigung erlebt werden, wirken lange nach und haben Auswirkungen darauf, wie Vertrauen oder Misstrauen zu anderen Menschen entwickelt wird. Diesen Teufelskreis zu durchtrennen, ist oft nur mit Unterstützung – ob durch Partner und Freunde oder mittels therapeutischer Arbeit – möglich.

Gibt es auch Auswirkungen auf die Eltern?

Viele, nicht alle, Eltern schämen sich, nachdem sie ihre Kinder geschlagen haben. Sie spüren, dass sie damit zwar kurzfristig eine Situation in den Griff bekommen haben, allerdings auch, wenn ihre Hilflosigkeit, wenn auch eher in Form von Schuldgefühlen. Es fällt ihnen oft schwer, im Nachhinein auszudrücken, dass es ihnen auch leid tut, nicht zuletzt deswegen, weil sie denken, dass ihre Autorität die sie eben durch Gewalt durchsetzen wollten dadurch angegriffen würde. Deswegen versuchen sie oft, ihre Handlungen zu bagatellisieren. (Weiterlesen: Warum Gewalt in der Erziehung immer falsch ist)

Führt Prügel nicht auch zu mehr Autorität?

Nein, der Effekt des Schlagens ist ja auch nicht, mehr Autorität zu haben, sondern mehr Angst auszulösen. Auch deswegen ist es besser, trotz heftiger Gefühle, keine Gewalt auszuüben, indem man die Situation verändert, indem die Eltern z.B. kurz den Raum verlassen oder den Kindern auch sehr deutlich ihr Missfallen ausdrücken, allerdings nur im Sinne von: Verhalten kritisieren, Person annehmen.

Letztlich ist es das Ziel, dass sich alle nach der Situation wieder gut ins Gesicht schauen und auch weiterstreiten können, allerdings ohne Gewaltandrohung. Gewalt beendet die Situationen nicht, sie verschiebt die Problematiken nur in die nächste Situation.

Gibt es Familien, in denen eher zu Prügel als Erziehungsmaßnahme gegriffen wird?

Diese Frage suggeriert, dass ein höherer Bildungsstand per se andere Reaktionen hervorruft. Den Unterschied macht eher der im Umfeld übliche Umgang mit Konflikten, das Wissen über psychische und körperliche Folgen von Gewalt und der Grad der Selbstreflexion. In sog. bürgerlichen Familien wird – vor allem öffentlich - vielleicht weniger auf körperliche Erziehungsversuche zurückgegriffen, Hilflosigkeit und Aggression gibt es allerdings auch dort. Studien verschiedener Forschungsinstitute (wie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bundesministerium für Justiz, Deutsches Jugendinstitut, Kriminologisches Institut Niedersachsen) zeigen aber deutlich auf, dass sich in Deutschland seit der Gesetzesänderung 1992 in Anwendung der UN – Kinderrechtskonvention von 1989 bzgl. der gewaltsamen Erziehung von Kindern die Zahl der erfassten Gewalthandlungen deutlich reduziert hat.

Gibt es Unterschiede zwischen deutschen Familien und solchen mit Migrationshintergrund?

Ja, es zeigt sich, dass in türkischen oder auch osteuropäischen Kulturen das Schlagen als übliches Erziehungsmittel gesehen und als normal wahrgenommen wird und dies auch in Deutschland. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig, denn in Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, ist Gewalt gegen Kinder in allen Formen schlichtweg verboten.

Mit welchen Argumenten rechtfertigen Eltern diese Art der Erziehung – oder derlei „Ausrutscher“?

Eltern bagatellisieren solche Handlungen häufig, indem sie sagen, dass das dem Kind nicht geschadet hat, dass es nicht anders ging, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen hätten und dass das Kind aktiv dazu beigetragen hat, dass ‚es‘ passiert.

Dass es wirklich sehr herausfordernde Situationen gibt, in denen man jemanden ‚am liebsten an die Wand klatschen wollte‘, ist unbestritten und passiert allen. Die Verantwortung, dass das nicht wirklich passiert und auch keine ‚leichtere‘ Form der Gewalt, liegt immer in den Erwachsenen.

Können Sie Eltern verstehen, die Ihre Kinder per Klaps und Ohrfeige erziehen?

Natürlich kann ich sie verstehen, denn viele Eltern sind sehr unter Druck und können sich nicht vorstellen, dass es auch in sehr heftigen Konflikten anders gehen kann. Das Verstehen ist sehr wichtig, denn darin liegen viele Ansatzpunkte, herauszufinden, wann und warum Eltern schlagen. Tolerieren kann ich es allerdings nicht, auch nicht die scheinbar leichten Formen. Auch im Hinblick auf professionelle Arbeit mit diesen Eltern gilt der gute pädagogische Grundsatz: Person annehmen und verstehen, Verhalten kritisieren – aber nur im Doppelpack! Erst wenn sich jemand angenommen fühlt, auch mit den Schwachstellen, ist es möglich, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen.

Hat Gewalt generell etwas in der Erziehung zu suchen?

Nein. Ganz einfach.


Unsere redaktionelle Serie „Familie mit allen fünf Sinnen erleben!“ findet vom 12. September bis Mitte Oktober 2015 statt. Auf dem Familienportal finden Sie weitere Artikel, Reportagen, Interviews, Videos und Bildergalerien, die sich mit dem Thema der Woche beschäftigen. Auch die kostenlosen Familienveranstaltungen werden dort aufgelistet.

Sie haben Fragen, Anregungen oder möchten uns Feedback zur Serie geben? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an familienwochen@noz.de . Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN