Gestresste Eltern, nölige Kinder Was tun bei der Wut aufs Kind?

Ausrasten, bis die Hand ausrutscht? Soweit darf es nie kommen. Foto: ColourboxAusrasten, bis die Hand ausrutscht? Soweit darf es nie kommen. Foto: Colourbox

Osnabrück. Was können Eltern tun, wenn die Wut auf das Kind derart hochkocht, dass sogar der Einsatz von Gewalt nicht mehr abwegig erscheint? Rainer Schütz, Leiter des „Elterntelefons“, gibt Tipps:

Ein dringender Termin, doch das Kind will sich nicht anziehen. Lieblingsessen des Kindes gekocht, und das mäkelt nur rum und wirft dann auch noch den Becher um. Schnell noch die nötigen Einkäufe erledigen, aber das Kind wirft sich in einem Trotzanfall auf den Boden und brüllt den Laden zusammen: Es sind oft diese normalen Alltagssituationen, die Eltern verzweifeln lassen.

Wer hier keine Nerven aus Drahtseil besitzt, kommt schnell an seine Grenzen. Bis zur Überschreitung: Trotz aller Vorsätze wird gebrüllt, man wird roh oder haut im schlimmsten Falle gar zu. (Weiterlesen: Warum Gewalt in der Erziehung immer falsch ist)

Doch wie können Eltern verhindern, dass die Wut auf das Kind eskaliert? „Dass Eltern auch einmal wütend auf ihr Kind sind, ist normal. Man kann nicht jeden Tag 24 Stunden lang nur freundlich zugewandt sein“, sagt Rainer Schütz, Geschäftsführer der Nummer gegen Kummer und Leiter des „Elterntelefons“. Dieses bietet Eltern kostenlos telefonische Beratung bei allen Erziehungsfragen. Worauf es ankomme, so Schütz, sei jedoch, wie Eltern mit dieser Wut umgehen. (Weiterlesen: „Körperliche Bestrafung ist Gewalt“)

Konkret gibt er drei Tipps, wie sie ihre Wut entschärfen können: „Zuerst einmal kann man aus dem Feld gehen, wie Psychologen das nennen, das heißt aus dem Raum gehen. Schon die räumliche Distanz kann einen ruhiger werden lassen. Dann zwei- bis dreimal tief durchatmen oder laut bis fünf zählen. Vielen Eltern hilft auch ein eigenes Mantra, dass sie sich vorsprechen, wenn sie sehr wütend werden. Beispielsweise: ,Ich war auch so, als ich klein war‘ oder ,Das ist nur eine Phase‘.“ (Weiterlesen: Was tun, wenn das Kind nervt? Die Elternkolumne)

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Wenn die Eltern sich beruhigt haben, hilft es auch, darüber nachzudenken, warum sie so wütend geworden sind. Liegt es wirklich am Kind? Oder stehen sie selbst unter Druck und lassen das dann am Kind aus? „Ich merke oft, dass Eltern sich selbst überfordern – und ihre Kinder auch: Zuviele Pflichttermine am Nachmittag beispielsweise machen nervös. Besser wäre es, den Kindern Raum zu lassen, sie laufen zu lassen.“

Zudem behandeln einige Eltern ihre Kinder wie kleine Erwachsene, übersehen dabei aber, dass diese bestimmte Dinge noch gar nicht verstehen können: „Warum Pünktlichkeit wichtig ist, können kleine Kinder noch nicht verstehen, für sie vergeht Zeit ganz anders.“ Ebenfalls nicht angemessen sind lange Vorträge, in denen Eltern sich erklären: „Kurz sagen, was Sache ist, alles andere kann Kinder schnell überfordern.“

Kleine Lektionen können helfen

Manchmal, so Schütz, kann auch eine kleine Lektion hilfreich sein: „Will das Kind sich partout nicht ankleiden lassen oder trotz Ermahnung trödelt, kommt es halt zu spät zu seinem Termin: „Natürlich soll keiner ein Kind im Winter ohne Hose rumlaufen lassen, aber wenn Kinder sehen, dass die Eltern konsequent bleiben, ohne handgreiflich oder grob zu werden, kann das lehrreich sein.“

Und wie sollten sich Eltern verhalten, die im Affekt ihr Kind gehauen haben? „In dem Fall ist es wichtig, dass die Eltern ihr Verhalten selbst reflektieren und daraus lernen. Gewalt in der Erziehung darf nie eine Lösung sein.“  (Weiterlesen: Eine fatale Kombination: Erziehung und Prügel)


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