70.000 Minderjährige betroffen Verwandtenpflege: Zu Oma statt ins Heim

Von Joachim Göres

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Immer häufiger kümmern sich die Großeltern um ihre Enkel, wenn die Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind. Foto: dpaImmer häufiger kümmern sich die Großeltern um ihre Enkel, wenn die Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind. Foto: dpa

Hannover. Rund 70.000 Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen, werden in Deutschland von Verwandten großgezogen. Rund 70 Prozent von ihnen leben bei ihren Großeltern, etwa 20 Prozent bei Onkeln und Tanten. Die Verwandtenpflege ist damit deutlich verbreiteter als die Heimerziehung (56.000 Minderjährige) und die Unterbringung in Pflegefamilien (51.000 Minderjährige).

Diese Zahlen wurden am Wochenende auf der Jahrestagung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Hannover vorgestellt. „Die Verwandtenpflege nimmt in den letzten Jahren zu. Wenn die leiblichen Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen, dann wollen sie in der Regel selbst bei schwierigen Familienbeziehungen, dass ein Verwandter sich um sie kümmert. Und die Jugendämter sind heute offener für eine Verwandtenpflege, denn die Kommunen sparen gegenüber einer Heimunterbringung Geld“, sagt Thomas Gerling-Nörenberg, Paar- und Familientherapeut aus Münster.

Neue Lebensplanung

Er betreut seit mehr als 20 Jahren erziehende Großeltern. „Die müssen ihre Lebensplanung im Alter durch die Aufnahme eines Enkelkindes komplett umstellen. Teilweise zerbrechen dadurch auch langjährige Freundschaften, wenn man immer wieder Einladungen zu Festen oder gemeinsamen Aktivitäten wegen des Kindes absagen muss. Doch fast alle Großeltern sagen, dass sie es wieder machen würden“, betont Gerling-Nörenberg.

Die meisten fühlen sich moralisch verpflichtet, ihr Enkelkind bei sich aufzunehmen – damit es in einem ihm vertrauten Umfeld bleiben kann. Abbrüche der Vollzeitpflege durch überforderte Großeltern gebe es nur sehr selten.

Vater nie gesehen

Laut Gerling-Nörenberg führen vor allem psychische Erkrankungen dazu, dass die Eltern sich nicht mehr um ihr Kind beziehungsweise ihre Kinder kümmern können, gefolgt von der Drogen- und Alkoholabhängigkeit der Eltern sowie der Überforderung von allein erziehenden jungen Müttern. Nicht selten haben betroffene Kinder ihren leiblichen Vater noch nie gesehen.

250 Euro monatlich

Neben dem Kindergeld stehen den erziehenden Verwandten mindestens 250 Euro monatlich zu – doch fast die Hälfte verzichtet auf dieses Geld, aus Unkenntnis oder auch aus Angst, dass durch einen Antrag das Jugendamt eingeschaltet wird und es die Verwandten als geeignete Pflegeeltern ablehnt. In einer Empfehlung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge von 2014 werden die noch zum Teil bestehenden Vorbehalte von Jugendämtern gegenüber der Verwandtenpflege aufgegriffen: „Allgemeine Zweifel hinsichtlich der Eignung von Verwandten oder der Familie Nahestehenden als Pflegeperson sind jedoch nicht angebracht. Sie haben sich empirisch nicht bestätigt.“

(Mehr zu Eltern, Kindern und Großeltern lesen Sie auf www.noz.de/familie)


Ein Verwandtenpflege-Ratgeber findet sich auf der Seite www.jugendamt.nuernberg.de unter Vollzeitpflege/Zum Nachlesen.

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