Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Ammenschlaf: Nur bei Müttern? Auch bei Vätern? – Die Hera-Konstante

Von Daniel Benedict

Ammenschlaf, ob nun beim Vater oer der Mutter, ist nur ein anderes Wort für Schlafentzug. Illustration: Lilith BenedictAmmenschlaf, ob nun beim Vater oer der Mutter, ist nur ein anderes Wort für Schlafentzug. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Ammenschlaf: Ist das eine Fähigkeit von Müttern oder auch von Vätern? Und ist es überhaupt eine Gabe? Oder ein Fluch?

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn ihren Brief an den Elternkolumnisten mit der Frage beendet: „Bei Euch ist ja wieder ein Baby im Haus. Wer hört in der Nacht sein Schreien zuerst? Du oder die stillende Mama?“ Dies ist Daniel Benedicts Antwort:

Liebe Corinna,

die Weckschwelle von Eltern fällt wissenschaftlich in die Sonderkategorie „Ammenschlaf“. Für den gilt laut Wikipedia:

„Beim Ammenschlaf handelt es sich um eine vorübergehende Veränderung im Schlafverhalten einer Bezugsperson eines Säuglings, bei dem vom Kind ausgehende Signale selbst schwacher Intensität zum Wecken der Bezugsperson führen, weitaus stärkere Reize anderer Herkunft hingegen noch nicht.“

Wir beherrschen den Ammenschlaf beide, und bei unserem ersten Kind war er ein Euphemismus für völlige Schlaflosigkeit. Unser Baby hat damals intensiv gekarchelt – ich hatte das ja schon in einem anderen Brief beschrieben. Und wir waren damals, eben weil es das erste Kind war, genauso intensiv besorgt. Sowohl das Schnarchen und Grunzen als auch sein Ausbleiben haben wir für akute Erstickungssignale gehalten und unserem Sohn deshalb rund um die Uhr feuchte Finger unter die Nase gehalten. Sicher ist sicher.

Der Begriff Ammenschlaf ist positiv besetzt. Zu Unrecht. Für Eltern karchelnder Kinder empfehle ich dringend, auf den sogenannten Müllerschlaf umzuschulen. Die Evolutionsgeschichte dieses Berufsstandes hat die Fähigkeit hervorgebracht, bei erwünschten Geräuschen zu dösen. (Wenn die Mühle klappert, hat der Müller Ruh.) Aufwachen müssen erfahrene Müller nur, wenn der Krawall plötzlich verstummt, denn dann gibt’s was zu reparieren. Der Vorteil gegenüber dem Ammenschlaf liegt auf der Hand: Man schnarcht, solange das Kind es auch tut, und wacht nur auf, wenn wirklich mal der Atem aussetzen sollte. Also nie, denn so verbreitet die Angst davor ist, so selten tritt auch der Ernstfall ein.

Gab es Tage, an denen ich als Erster auf das weinende Baby reagiert habe? Ja, zumindest beim ersten Kind, und zwar morgens. Da habe ich das Kind dann ins Tuch gepackt und bin spazieren gegangen, damit die Mutter nachschlafen kann. Denn auch wenn beide Elternteile aufwachen, gilt die von mir selbst entdeckte Hera-Konstante: Egal, wie müde der Vater ist, die stillende Mutter ist immer müder. (So ist die Milchstraße entstanden: Aus Verzweiflung über ihren Schlafmangel hat Hera sich Herakles von der Brust gerissen. Die Spritzer dieses Wutausbruchs sind jetzt unsere Heimatgalaxie. Deswegen Hera-Konstante.)

Bei einem zweiten Kind ist aber alles ganz anders. Eigentlich ist sogar deine Frage falsch gestellt. Seit wir zu viert schlafen, geht es überhaupt nicht mehr darum, wer das hungrige Baby zuerst hört, sondern nur noch darum, wer es – bitte, bitte – überhaupt nicht hört: der große Bruder nämlich! In Geschwisterfamilien kennt der Horror nächtlichen Geschreis schreckliche Steigerungsformen. Und in Katastrophensituationen sind getrennte Betten erforderlich. Das ist derzeit auch unsere Notlösung, die mich einmal mehr zum Profiteur der Biologie macht. Ich und der Erstgeborene schlafen seit Wochen wunderbar durch und hören Mutter und Baby eigentlich gar nicht mehr.

Mit übernächtigten Grüßen

Daniel

PS: Apropos Stillen: Direkt nach der Zeit, in der Kinder nichts als die Brust wollen, nehmen sie verrückterweise ja alles in den Mund. Was war bei Deinem Kind das Schlimmste?

Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Im deutschen Kinderzimmer herrscht Verunsicherung. Eltern aus unserer Redaktion schaffen Abhilfe! Corinna Berghahn ist seit mehr als drei Jahren Mutter, Daniel Benedict vor zwei Jahren Vater geworden – und jetzt gerade noch mal. Im wöchentlichen Briefwechsel widerlegen sie hier Mythen der Elternschaft.

Dies sind ihre lustigsten Texte:

Braucht mein Kind einen Dackel? Brauche ich einen?

Musik für Kinder ist die Höllehöllehölle! Eine Kampfansage an Rolf Zuckowski und seine Komplizen!

Sind Väter die besseren Mütter? Warum werden Teilzeit-Väter so gehätschtelt?