Interview zur Internet-Porno-Sucht Pornografie wirkt ähnlich wie Fast Food

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Über Alkohol-, Drogen- oder Medikamentensucht wird offen gesprochen, doch die Porno-Sucht bleibt in der Gesellschaft ein Tabuthema. Warum exzessives Pornoschauen mit dem Konsum von Drogen vergleichbar ist und wie das Internet die Sucht fördert, erklärt Bjørn Thorsten Leimbach, Sexualtherapeut und Männercoach, im Interview.

Herr Leimbach, wann wird das Schauen von Pornos zur Sucht?

Zunächst einmal gilt: Pornosucht ist eine Sucht wie andere Süchte – auch wenn die Weltgesundheitsorganisation das leider noch nicht akzeptiert. Gelegentlicher Konsum ist in allen Fällen nicht tragisch, vor allem, wenn man ein erfülltes Leben hat. Wer mit seiner Sexualität zufrieden ist und Pornos als Abwechslung sieht, hat kein Problem. Wer allerdings mehrmals die Woche, täglich oder im Extremfall mehrmals täglich im Internet Pornos sieht, ist wahrscheinlich süchtig.

Warum können Pornos süchtig machen?

Meistens liegt eine Situation vor, in der jemand unbefriedigt ist. Entweder als Single, der keine Sexualkontakte hat. Dann sind Pornos eine einfache Möglichkeit, sich zu befriedigen, ohne ein Risiko einzugehen, indem man eine Frau anspricht, aber Gefahr läuft, abgewiesen zu werden. Bei vielen langjährigen Paaren ist die Sexualität eingeschlafen. Pornos bedeuten für Männer eine Flucht aus der Partnerschaft, in der sie keine Befriedigung finden. Doch der Schein trügt: Es ist lediglich eine Instant-Befriedigung, die Auswirkungen auf das Gehirn hat. Die digitale Stimulation geht nur über Bilder und Töne, während man beim normalen Kontakt in der Erotik und Sexualität viele Ebenen hat – den Geruch, den Geschmack, den Körperkontakt, die emotionale Bindung. Echter Kontakt ist wie ein Gourmetessen, während Pornografie eine ähnliche Wirkung wie Fast Food hat. Man hat nicht direkt mehr Hunger, aber nach einer Stunde hat man schon wieder Appetit, anders als bei einem vernünftigen Essen. Oft hat das eine Negativ-Spirale für die Betroffenen zur Folge: Es werden immer härtere und perverse Sachen geschaut, weil sie von den normalen Bildern nicht mehr befriedigt werden. Es ist eine ähnliche Abwärtsspirale wie bei anderen Drogen.

Wir sprechen viel von Männern. Gibt es eigentlich auch Frauen, die süchtig nach Internet-Pornos sind?

Der Anteil ist sehr gering. Frauen sind in der Regel nicht so visuell. Das sieht man sehr gut an dem Beispiel „Fifty Shades of Grey“. Wir haben eine hohe Auflage von erotischer Literatur, und die wird meist von Frauen gelesen. Frauen machen das eher über das Lesen und die eigene Fantasie. Männer sind visuell geprägt und haben beim Schauen von Pornos wenig Raum für Eigenes. Diese rein visuelle und auch sehr direkte Stimulation in Pornos ist für Frauen wenig attraktiv.

Wie hat das Internet die Pornografie verändert?

Früher hat man mit viel Tricks eine Zeitschrift aufgetrieben und wusste, dass man etwas Verbotenes tat. Oder man hat sich sogenannte Soft-Sex-Pornos angeschaut. Das hat sich komplett geändert. Durch das Internet werden die Filme immer härter, und Pornografie ist jederzeit verfügbar. Wer ein Smartphone und eine gute Internetverbindung hat, ist schnell am Ziel. Genaue diese Instant-Befriedigung wird zur Gefahr.

Wie wirken Internet-Pornos auf Süchtige?

Pornos haben eine ähnliche Wirkung wie Drogenkonsum, was die Abhängigkeit angeht. Wenn ein Mann ein hübsches Mädel sieht, gibt ihm das einen gewissen Kick. Der Herzschlag geht hoch, er ist angeturnt. Wenn er sie küsst, wird es intensiver. Haben die beiden auch noch miteinander Sex, bekommt er einen Dopamin-Schub. Man fühlt sich glücklich, bestätigt und ist emotional dabei. Ähnliche Reaktionen bewirkt ein Porno. Auch hier bekommt er einen Dopamin-Schub und fühlt sich angeturnt. Nur im normalen Leben passiert es nicht so häufig, dass man eine fremde Frau verführt. Doch mit dem Porno passiert es mehrmals täglich. Dadurch befindet sich das Gehirn in einer Art Ausnahmezustand. Das führt zu einer gewissen Abstumpfung, sodass der Kick von früher nicht mehr wirkt. Hier brauchen Süchtige intensivere Reize, um den gleichen Effekt zu erzeugen. Also schauen sie häufiger und extremere Filme – genau das macht ihre Abhängigkeit aus.

Warum ist ein regelmäßiger Porno-Konsum problematisch?

Es ist vor allem problematisch, weil es die Sexualität prägt. In der Pornografie geht es sofort zur Sache. Aber wie im Porno funktioniert es im wahren Leben nicht. Mann und Frau müssen doch erst eine Verbindung aufbauen. Sie reden, werden körperlich und dann steigert es sich bis zum Sex. Das alles fällt beim Porno komplett weg. Viele Männer, die jahrelang Pornos schauen, verlieren das Interesse, eine Frau zu verführen. Sie haben nicht mehr die Geduld, auf eine Frau einzugehen. Denn in der wahren Welt ist sie nicht permanent verfügbar. Das berichten auch die Partnerinnen von Männern, die viele Pornos schauen. Ihnen fehlen Einfühlungsvermögen und Interesse. Wenn sie sich scharfe Dessous anzieht und für den Mann tanzt, gähnt er nur, weil er von den Hardcore-Pornos andere Sachen gewöhnt ist. Dabei ist die Erotik für eine Partnerschaft viel wichtiger als die Sexualität. Je mehr Männer aber Hardcore-Pornos schauen, umso weniger sind sie bereit dafür.

Wie können Frauen ihre Männer unterstützen?

Viele Frauen sind geschockt, wenn sie entdecken, dass ihr Mann Pornos schaut. Dabei sollten Betroffene nicht mit dem Finger auf den Partner zeigen und sagen: Du bist schuld. Vielmehr sollten sich die Frauen überlegen, wie ihre gelebte Sexualität ist. Was fehlt der Frau und warum zieht sich der Mann zurück? Häufig ist es so, dass die Frau sich auch aus der gemeinsamen Sexualität zurückzieht und es dem Mann schwer macht, sie zu verführen. Ebenso gibt es Frauen, die das Interesse an der Sexualität verloren haben und froh sind, dass der Mann sie in Ruhe lässt. Hier ist es wichtig, zu einer Annäherung zu kommen und Erotik neu zu erleben.

Wie können Betroffene den Ausstieg schaffen?

Es kommt darauf an, wie tief Süchtige verstrickt sind und wie viel sie an schöner Sexualität erlebt haben. Zu mir kommen oft junge Männer, die kaum oder nur schlechte Erfahrungen mit Mädchen gemacht haben und flüchten sich, weil es ihnen zu kompliziert ist, in die Internet-Welt. Sie brauchen Unterstützung, um Kontakte zu Mädels zu knüpfen. Da geht es nicht um Sex, sondern ums Reden und Flirten. Das müssen sie erst lernen. Für einen Mann, der schon Beziehungen hatte, der weiß, dass echter Sex schön, befriedigend und emotional sein kann, ist es leichter, alleine wieder rauszukommen.

Inwiefern beeinflusst die Masse an Pornos im Internet die junge Generation?

Viele Jungs und junge Männer sehen Mädchen nur noch als Sexualobjekt und sind aber unfähig, sie normal anzusprechen. Je mehr Pornos konsumiert werden, umso tiefer gleiten Jungs in eine virtuelle Ersatzwelt ab. Selbst wenn sie dann mit einem Mädchen intim werden, haben sie keine Geduld und werden nicht mehr richtig angeturnt. Diese Jungs werden dann impotent, weil sie die perfekte Pornoshow aus dem Netz von einem echten Mädel nicht geboten bekommen. Die stöhnt und schreit schließlich nicht sofort, wenn sie berührt wird. Für einen Pornosüchtigen ist das schnell uninteressant, weil dann seine Reize fehlen.

Auch „Sexting“ ist ein Problem. Wie können Eltern ihren Nachwuchs aufklären?

Für junge Menschen gehört es heute dazu, erotische Dinge zu posten oder zu versenden. Aber das Netz hat einen Nachteil: Es vergisst nicht. Im Netz ist das Foto für alle Ewigkeit da und man hat keine Kontrolle mehr, sobald es einmal online war. Die jungen Menschen machen sich nicht klar, was das bedeutet, wenn es nicht nur die ganze Schule, sondern die ganze Welt sieht. Da braucht es von Eltern und Lehrern eine Aufklärung und Medienkompetenz. Ich habe viele Fälle von Jugendlichen, die Probleme haben, weil sie schon als Kinder Hardcore-Pornos im Internet gesehen haben. Das ist schockierend und für sie genauso, wie wenn sie Gewaltvideos sehen. Sie können nachts nicht mehr schlafen und sind mit einer falschen und skurrilen Idee von Sexualität unterwegs. Eltern müssen klare Worte finden, dass das nichts mit echter Sexualität und Liebe zu tun hat. Sie sollten ihren Kindern auch etwas anderes vorleben und zeigen.

Können Eltern ihre Kinder vor Pornografie im Internet schützen?

Eigentlich gar nicht, sobald Kinder und Jugendliche ein Smartphone haben. Denn die ganzen Schutzmechanismen sind nicht wirklich sicher. Vielmehr sollten Kinder von ihren Eltern persönlich an das Internet rangeführt und auf Gefahren hingewiesen werden. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind weiß, was es macht, sollten sie sich darauf verlassen.

Wie sollte die Gesellschaft mit Porno-Sucht umgehen?

Pornografie sollte als Sucht anerkannt werden. Zudem brauchen wir mehr Aufklärung. Hier steht uns das Schamgefühl im Weg. Wir brauchen eine Kultur des Redens. Denn Internet-Pornografie prägt junge Menschen und darf auf keinen Fall totgeschwiegen werden.

Blicken wir in die Zukunft: Wie wird sich Internet-Pornografie entwickeln?

Im 3-D-Bereich gibt es schon ganz klare Entwicklungen. Auf der Gamescom wurden neue 3-D-Technologien vorgestellt, in denen Nutzer eine Brille tragen und sich durch eine dreidimensionale, virtuelle Welt bewegen. Das wird auch von der Pornoindustrie entdeckt. Auch hier steigen Nutzer tiefer in virtuellere Welten hinein. Nutzer sitzen nicht nur vor dem Bildschirm, sondern können mit einer virtuellen Figur selbst agieren. Doch dadurch wird die Gefahr der Abhängigkeit größer, weil es noch realer wird.


Bjørn Thorsten Leimbach

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Bjørn Thorsten Leimbach als Sexualtherapeut und Leiter von Männerseminaren. In seinem aktuellen Buch „Internet Porno: Die neue Sexsucht“ erklärt der Autor, wie sich Internet-Pornografie auf das Sexualleben, Beziehungs- und Sozialverhalten von Männern und Jungs auswirken kann. Darüber hinaus gibt der Experte Tipps, wie ein Ausstieg aus der Sucht gelingen kann. Dabei werden nicht nur die Betroffenen, sondern auch Partner und Eltern miteinbezogen. So geht es in Leimbachs Buch nicht nur darum, die Sucht nach Pornografie zu überwinden. Vielmehr möchte der Autor eine Hilfestellung bieten, damit Betroffene zu einer erfüllten Sexualität und einem glücklicheren Leben zurückfinden. Mehr Informationen zu der Arbeit von Bjørn Thorsten Leimbach finden Interessierte auch unter www.maennlichkeit.de.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN