Apple Watch Test Drei Monate mit der Apple Watch: Suche nach dem Sinn

Von Mark Otten


Osnabrück. Wofür braucht man die Apple Watch? Ich wollte es herausfinden – habe es nach drei Monaten aber noch nicht geschafft. Auf sie verzichten, will ich trotzdem nicht mehr. Ein Erfahrungsbericht.

Die Apple Watch – kaum ein technisches Gerät hat schon vor seinem Marktstart für derart kontroverse Diskussionen gesorgt wie die Apples Smartwatch. Die grundlegende Frage: Wofür braucht man überhaupt so eine Computeruhr? (Weiterlesen: Krankenkasse bezuschusst Apple Watch)

Uhr für 450 Euro

Bis auf kurze Ausnahmen habe ich seit Jahren keine Armbanduhr mehr getragen. Wenn ich die Uhrzeit wissen wollte, habe ich auf mein Handy oder Smartphone gesehen. Seit drei Monaten ist alles anders. Denn seit Mitte Mai trage ich täglich die teuerste Uhr, die ich je besessen habe: die 449 Euro teure Apple Watch Sport mit schwarzem Aluminiumgehäuse und schwarzem Gummiarmband.

Erst beim Ins-Bett-Gehen lege ich die Uhr ab und auf den Nachttisch. Dort lade ich sie auf – jede Nacht. Das wäre eigentlich nicht nötig, denn am Ende des Tages hat der Akku meist eine Restladung zwischen 45 und 65 Prozent. Aber sicher ist sicher. Der Akku der Apple Watch hält durchaus zwei Tage durch; damit hatte ich nach allem, was ich gelesen habe, nicht gerechnet. Einen Haken gibt es trotzdem.

Eng auf dem Nachttisch

Denn seitdem ich die Apple Watch habe, lade ich auch mein iPhone jede Nacht. Das habe ich vorher nicht getan, ist nun aber notwendig. Hintergrund: Die Apple Watch muss mit einem iPhone gekoppelt sein. Das Smartphone übernimmt den Großteil der Rechenarbeit für die Smartwatch, das nagt am Akku. Nacht für Nacht liegen also seit drei Monaten zwei Geräte auf meinem Nachtisch und ziehen Strom. (Weiterlesen: Das iPhone 6 im Test)

Außerdem ärgerlich: Während iPad und iPhone auf Reisen mit demselben Kabel geladen werden können, muss ich das spezielle Ladekabel für die Watch auch noch dabeihaben. Trotzdem mache ich das mit. Was zeigt: Ich will die Bindung zwischen iPhone und Apple Watch nicht durch mindestens einen schlappen Akku trennen. Und dafür gibt es Gründe.

Zuallererst die Fitnessfunktionen der Apple Watch. Das Gerät motiviert mich zum einen, mich mehr zu bewegen. Es ist ein tägliches Ziel, die drei bunten Ringe für die gemessene Stehzeit, die Trainingszeit und den vorgegebenen Kalorienverbrauch im Laufe des Tages zu schließen. Ich parke zum Beispiel beim Einkaufen auf weiter entfernten Parkplätzen, um noch ein paar Schritte extra zu gehen.

Aufstehen, fauler Kerl

Zum anderen macht mir die Uhr bewusst, wenn ich mich nicht bewege. Immer um zehn Minuten vor der vollen Stunde meldet sich die Apple Watch mit zwei kurzen Vibrationen. „Zeit aufzustehen!“, zeigt das Display an. Die stündlichen Erinnerungen bei Passivität erinnern mich auf unschöne Weise daran, dass schon wieder eine Stunde vergangen ist. Außerdem ist es erschreckend, aufgezeigt zu bekommen, wie oft ich im stressigen Arbeitsalltag stundenlang am PC sitze, ohne zwischendurch aufzustehen. (Weiterlesen: Alternativen zur Apple Watch)

Um dieses schlechte Gefühl loszuwerden, stehe ich spätestens nach der Erinnerung auf und gehe etwas auf und ab, bis die Apple Watch meldet: „Geschafft! Sie haben eine Stunde für ihr Stehziel erworben.“ Super, ich kann mich wieder setzen. Ärgerlich ist es, wenn der Bewegungschip nicht registriert, dass ich bereits seit Längerem stehe, mich aber nur wenig bewege – wie zum Beispiel beim Kochen. (Statt Apple Watch: Zehn Dinge für 11000 Euro)

Zugegeben: Apple hat die Latte zum Erreichen der Tagesziele nicht besonders hoch gelegt. Doch genau das ist gut. Denn nur im Alltag erreichbare Ziele motivieren auf Dauer; sie wirken realistisch und bieten Steigerungspotenzial. In der Aktivitäten-App auf dem iPhone gucke ich von Zeit zu Zeit durch die vergangenen Wochen und auf die Abzeichen, die ich schon für besondere Einzel- oder Dauerleistungen erreicht habe.

Mehr Watch im Alltag

Apropos iPhone: Das nehme ich deutlich seltener aus der Tasche, seitdem ich die Apple Watch habe. Im Bus steuere ich über die Apple Watch die Musik auf dem Smartphone , beim Kochen stelle ich einen Countdown ein, und ich sehe auf der Uhr nach, wie das Wetter aktuell ist und in den kommenden Stunden und Tagen werden soll. Bekomme ich eine Benachrichtigung, vibriert die Apple Watch. Das hat zwei Vorteile.

Erstens muss ich nicht mehr ständig auf mein Smartphone gucken, um nach verpassten Neuigkeiten zu sehen. Das stört vor allem in Gesellschaft. (Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass regelmäßige Blicke auf die Uhr im zwischenmenschlichen Miteinander auch nicht besonders gut ankommen.)

Zweitens haben mich die Handgelenktipps ermutigt, meine Benachrichtigungseinstellungen auf dem iPhone zu überarbeiten – und jede Menge Push-Nachrichten zu deaktivieren, die mich eigentlich genervt haben. Weniger ist in diesem Fall mehr. Obwohl ich ein zusätzliches Stück Technik mit und an mir trage, beschäftige ich mich weniger damit.

„O.K.“, „Ja“, „Mittwoch“

Kündigt eine Vibration am Handgelenk eine eingehende Benachrichtigung an, hebe ich den Arm, schaue auf den Bildschirm und treffe sofort eine Entscheidung: Ist es unwichtig, senke ich den Arm wieder und widme mich nach wenigen Sekunden wieder meiner aktuellen Aufgabe. Bekomme ich eine wichtige SMS, antworte ich in wenigen Sekunden mit einem Emoji oder einer der vorgeschlagenen Antwortmöglichkeiten über die Apple Watch. Es ist erstaunlich, wie oft als Antwort ein „O.K.“, „Ja“, oder „Mittwoch“ ausreicht. (Im Test: Das Apple iPad Air 2)

Für ausführlichere Antworten verschicke ich eine aufgezeichnete Sprachnachricht oder deren von Siri angefertigte Verschriftlichung als Nachricht – oder ich rufe mit der Apple Watch zurück. All das mache ich freilich nicht, wenn ich im Bus oder im Großraumbüro sitze. Wenn ich mit meiner Armbanduhr spreche, brauche ich Privatsphäre.

Ohne iPhone geht es nicht

Nur zum Lesen und Beantworten längerer E-Mails greife ich zum iPhone. Beim Thema Messaging hat die Apple Watch noch deutlich Luft nach oben. Das Senden selbst gezeichneter Blumen oder des Herzschlags hat schon nach wenigen Tagen den Reiz verloren. Letzteres finde ich ohnehin ziemlich merkwürdig. Umständlich: Whatsapp-Nachrichten kann ich lesen, aber nicht über die Uhr beantworten. Beim Facebook Messenger kann ich nur einen „Gefällt mir“-Daumen schicken. Allerdings soll ab Herbst alles besser werden. Dann lässt Apple native Apps von Drittanbietern zu, nicht nur die beschnittenen Verlängerungen der iPhone-Apps wie bisher. Das ist auch nötig: Von den mehr als 50 Apps auf meiner Apple Watch nutze ich nur wenige regelmäßig. Meist sind die Programme auf der Computeruhr im Funktionsumfang einfach zu limitiert.

Damit die Uhr für mich unverzichtbar würde, fehlt eine wichtige Funktion: kontaktloses Bezahlen per Apple Pay. Den Kaffee zum Mitnehmen durch ein Halten der Uhr an den Terminal zu zahlen – das hätte was. Bislang ist der Dienst aber nur in Amerika und Großbritannien verfügbar. Wann und ob Apple Pay nach Deutschland kommt, ist völlig offen. (Weiterlesen: Ist Bezahlen per Apple Pay sicher?)

Fazit

Braucht man die Apple Watch? Nein. Aber sie macht Spaß und erleichtert meinen Alltag in vielen kurzen Momenten. Das reicht mir, um sie zu behalten. Die Apple Watch ist ein typisches Gerät der ersten Generation: viele Möglichkeiten und Ideen, aber noch ohne richtigen Fokus und ausgereifte Mittel, diese umzusetzen. Spannend wird, was die Entwickler ab Herbst mit ihren Apps aus der Apple Watch holen.

Entscheidend werden jedoch die kommenden zwei Generationen der Apple Watch und der Konkurrenzprodukte: Sie müssen die wichtigen Funktionen einer Smartwatch herausfiltern, weiterentwickeln und gleichzeitig die momentan nicht immer intuitive Bedienung vereinfachen. Dann können Computeruhren so wichtig werden, wie es das Smartphone heute ist. Just in diesem Moment lese ich: „Zeit aufzustehen!“ Ich gehe dann mal.