Sie kommt durch die Hintertür Neue Volkskrankheit: Entzündung der Nebenhöhlen

Von Dr. Jörg Zittlau

Wenn Medikamente nicht mehr ausreichen, hilft nur noch eine Operation der Nasennebenhöhlen. Dabei werden seit einigen Jahren neue Verfahren eingesetzt. Der Eingriff erfolgt mittlerweile meist endoskopisch. Foto: imago/Stefan Noebel HeiseWenn Medikamente nicht mehr ausreichen, hilft nur noch eine Operation der Nasennebenhöhlen. Dabei werden seit einigen Jahren neue Verfahren eingesetzt. Der Eingriff erfolgt mittlerweile meist endoskopisch. Foto: imago/Stefan Noebel Heise

Bremen. Immer mehr Menschen leiden an Sinusitis, einer chronischen Entzündung der Nebenhöhlen. Der Grund: Sie wird oft unterschätzt und ignoriert. Dabei sollte sie möglichst früh therapiert werden, denn ansonsten drohen Hirnhautentzündungen und andere schwere Komplikationen.

Wie jetzt ein internationales Forscherteam unter Deniz Hastan von der Universität Amsterdam ermittelt hat, leiden knapp elf Prozent der europäischen Bevölkerung an chronischer Sinusitis. „In Duisburg fand man sogar eine Quote von 14,1 Prozent“, erklärt Achim Beule von der Universität Greifswald, während die befragten Ärzte lediglich von 8,4 Prozent ausgegangen waren. Die hohe Fallzahl im Ruhrgebiet habe vermutlich mit den dortigen Schadstoffbelastungen zu tun, vermutet der HNO-Mediziner.

Täuschung des Immunsystems

Hauptursache für die insgesamt hohe Erkrankungsquote ist jedoch eine Bakterie: Staphylococcus aureus. Er ist nämlich ein Meister im Täuschen des menschlichen Immunsystems. Sein Trick: Er produziert ein spezielles Enterotoxin, das vom Körper mit große Mengen an Immunglobulin E (IgE) beantwortet wird. Und dieser Antikörper ist eigentlich für Würmer und Pilze zuständig, nicht aber für Bakterien. Der Keim selbst bleibt also unbehelligt, und stattdessen wird der Organismus mit IgE geflutet – und das führt zu Reaktionen, die normalerweise bei Allergien der Atemwege auftreten.

Druckgefühl in der Stirn

So schwellen die Schleimhäute in den Nebenhöhlen, die Nasenlöcher verstopfen, und es entsteht ein Druckgefühl im Stirn- und Wangenbereich. Was zwar unangenehm und lästig ist, den Patienten aber nicht unbedingt zum Arztbesuch drängt. „Chronische Entzündungen der Nasennebenhöhlen schleichen sich oft durch die Hintertür in den Alltag“, warnt Beule. Dadurch gehen die Betroffenen weiter ihren privaten und beruflichen Pflichten nach, anstatt zurückzuschalten und die Erkrankung behandeln zu lassen. In der Folge sinken die Chancen auf ein spontanes Verschwinden der Erkrankung endgültig auf null.

Stattdessen steigt das Risiko, dass sich andere Erkrankungen andocken. Die Betroffenen leiden öfter an Asthma, außerdem können sich die Entzündungen aus den Nasennebenhöhlen leicht auf andere Gewebeteile übertragen, wie etwa auf die Augenhöhlen oder sogar das Gehirn. Insgesamt fehlen chronische Sinusitis-Patienten jährlich fast fünf Tage häufiger an ihrem Arbeitsplatz als andere Arbeitnehmer.

Gründe genug also, frühzeitig mit der Therapie einzusetzen. Denn oft lässt sich eine Sinusitis schon durch cortisonhaltige Nasensprays behandeln. „Sechs Prozent der Patienten entwickeln hier zwar ein Nasenbluten“, erklärt Beule, „doch ansonsten werden die Sprays in der Regel gut vertragen, da sie ja nur örtlich begrenzt im HNO-Bereich zum Einsatz kommen“. Nasenspülungen mit einer iso- oder hypertonen Kochsalz-Lösung verflüssigen den Nasenschleim und lindern dadurch die Symptome . Der Sinn von Antibiotika ist hingegen fragwürdiger denn je, insofern gerade Staphylococcus aureus in vielen Fällen resistent gegenüber diesen Mitteln geworden ist.

Wirkstoff Omalizumab macht Hoffnung

Mehr Hoffnung macht dagegen der Wirkstoff Omalizumab, der bisher vor allem bei schwerem, allergischem Asthma zum Einsatz kommt. Weil er das problematische IgE aus dem Verkehr ziehen kann, klingt es geradezu logisch, dass er auch bei Sinusitis helfen könnte. Doch das muss er erst noch in klinischen Studien beweisen, ganz zu schweigen davon, dass er sehr teuer ist.

Griff zum Skalpell

Ansonsten bleibt – vor allem, wenn sich die Entzündung bereits in „handfesten“ Wucherungen, den sogenannten Polypen, niedergeschlagen hat – nur noch der Griff zum Skalpell. Der Eingriff erfolgt mittlerweile meist endoskopisch, indem ein Schlauch mit den OP-Instrumenten durch die Nasenöffnung geführt wird. Dabei begradigen die Chirurgen die Nasenscheidewand, und sie entfernen die Polypen und entzündete Schleimhautpartien. Als neue Methode steht ihnen seit 2008 die sogenannte Ballon-Sinuplastie zur Verfügung. Dabei werden Ballonkatheter zu den Engstellen im Höhlensystem geschoben und kurz aufgepumpt, um die verengten Regionen auszuweiten und wieder Platz für die Luft und die ablaufenden Nasensekrete zu schaffen. Bei großen Polypen oder komplizierteren anatomischen Verhältnissen stößt das Verfahren jedoch an seine Grenzen.


Wozu eigentlich Nasennebenhöhlen?

Dass sie nicht, wie man früher vermutete, ein Nährstoffreservoir für die Zähne oder sogar Heimat der menschlichen Triebe sind, steht mittlerweile fest. Doch was genau eigentlich der biologische Sinn der Stirn-, Kiefer- und Keilbeinhöhlen sowie der Siebbeinzellen ist, steckt immer noch im Dunkeln.

Denn der Stimmbildung – wie viele HNO-Ärzte und Logopäden vermuten – dienen sie nicht, weil sie nur bei sehr hohen Frequenzen mitschwingen, und auch ihre Rolle als Atemluftbefeuchter und Airbag für den Aufprallschutz des Schädels ist keinesfalls bewiesen. Ihr Nutzen ist also fraglich, doch die von ihnen ausgehenden Krankheitsprobleme sind dafür erheblich.