Hobby-Fotografen an der Sandbank Jagd nach dem Bild: Seehund-Spotter im Wattenmeer


Friedrichskoog. Gejagt werden dürfen sie nicht - Seehunde im Wattenmeer. Seehund-Spotter sind dennoch auf der Jagd - mit der Fotokamera in der Hand.

Das Wattenmeer ist eine faszinierende Landschaft aus Wasser und Sand. Für Fotografen bietet es zahlreiche Motive. Besonders spannend ist es zurzeit für Seehund-Spotter. Sie können auf das perfekte Foto aus der wilden Kinderstube der Seehunde hoffen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht liegen sie auf der riesigen Sandbank im Wattenmeer und lassen sich die Sonne auf den Pelz brennen. Zwischen den Erwachsenen rekeln sich zahlreiche kleine Seehund-Babys. Einige von ihnen sind erst wenige Stunden alt. Langsam schippert das Boot an der Seehundbank entlang. Klack, Klack, Klack. Fast unentwegt lösen die Kameras der 15 Hobby-Fotografen an Bord der MS „Gebrüder“ aus. Das elf Meter lange Ausflugsboot hat die Seehund-Spotter mitten ins Herz des Nationalparks Wattenmeer an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste gebracht – die wilde Kinderstube der Seehunde.

Seehund-Safari im Wattenmeer

„Die Seehunde, die Weite, die Unberührtheit – das reizt mich“, sagt Gunnar Scheibe. Bereits zum vierten Mal nimmt der Hobby-Fotograf aus Gütersloh an der Seehund-Safari ins Wattenmeer teil. Ihn faszinieren die Raubtiere seit Jahren. „Wichtig ist aber, dass man die Tierwelt nicht massiv stört“, sagt er. An diesem Tag herrscht rund um Norderoogsand westlich der Insel Pellworm Kaiserwetter. Kein Wölkchen ist am Himmel, kein Wind weht. Nur das Stakkato der klickenden Kameras unterbricht die Stille immer wieder.

Mehr als 1500 Quadratkilometer ist die Schutzzone I des Nationalparks groß. Während an den Stränden der Tourismus-Zentren im Frühjahr regelmäßig Seehundwaisen eingesammelt und zur Station nach Friedrichskoog gebracht werden, sind Heuler hier sich selbst überlassen. „Dort kann die Natur noch Natur sein“, sagt Robbenexperte Armin Jeß von der Nationalparkverwaltung.

Seehund-Baby räkelt sich in der Sonne

Auf einer der Seehundbänke rekelt sich ein Seehund-Baby in der Sonne. Eine Möwe macht sich an der Nachgeburt zu schaffen. Die Mutter verharrt in Habacht-Stellung daneben. Offenbar hat sie erst kurz zuvor geworfen. 3000 Jungtiere werden dieser Tage allein an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste geboren, schätzen Experten. Etwa 40000 Tiere leben entlang der dänischen, deutschen und niederländischen Küste . „Das sind so viele wie zuletzt um das Jahr 1900 herum“, sagt Hendrik Brunckhorst vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN). Um die Gesundheit des Bestandes stehe es derzeit gut.

Eine der größten Sandbänke Europas

Viele der Jungtiere lümmeln sich derzeit auf den Seehundbänken in der Kernzone des Nationalparks. Nur das Boot von Andreas Hellmann hat eine Genehmigung, nach Norderoogsand zu fahren. „Rund um die Sandbank gibt es etwa 1000 Seehunde“, sagt der 49-Jährige. Sie zählt zu den größten Sandbänken Europas. Seit 32 Jahren führt er Menschen durch das Wattenmeer. „Norderoogsand ist einmalig. Es ist hier jeden Tag anders.“ Den ganzen Sommer über führt er Touristen hierher. Die meisten von ihnen wollen nach Bernstein suchen. „Dort gibt es eine der besten Bernstein-Buchten in Nordfriesland.“

Mögliche Gefahr gewittert

Unwirklich wirkt die Szenerie auf der riesigen Sandbank. Am Horizont ist eine Düne erkennbar, die sich langsam aus der Nordsee erhebt. Der Sand ist noch gekennzeichnet von den Spuren eines Sturms, der wenige Tage zuvor Wasser über die Sandbank spülte. Nach einigen Minuten Marsch kommen auch dort Seehunde in Sicht. Als sich den Tieren ein Fotograf mit gehörigem Abstand nähert, kommt plötzlich Bewegung in die Gruppe. Eines der Tiere hat eine mögliche Gefahr gewittert und tritt die Flucht an. Binnen weniger Augenblicke robbt ein ganzes Dutzend Seehunde hinterher – ab in die kühle Nordsee.

600 Fotos an einem einzigen Tag

Organisiert hat die 11. Safari wieder Wilfried Dunckel aus Oldenswort. Auch er ist immer auf der Suche nach dem Bild schlechthin. „Am Abend gehe ich wohl wieder mit 600 Fotos nach Hause“, sagt der 69-Jährige. Dort wird dann noch am Abend die Motive des Tages ausgewertet. „Davon bleiben aber unter 100 Aufnahmen.“ Für diesen Sommer plant er noch eine weitere Tour. Auch sie ist längst ausgebucht. „Die wollen alle wieder mit“, sagt er über die Hobby-Enthusiasten. Die meisten von ihnen kennen sich seit Jahren. „Wer aber schon drei-, viermal dabei war, der fällt dann auch mal raus.“ Denn Dunckels Warteliste ist lang. Zu fotografieren gibt es im vogelreichsten Gebiet Mitteleuropas genug Motive. Im Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer leben mehr als 3000 Tierarten, einige davon nur dort. Während die MS „Gebrüder“ ihre Fahrt von Norderoogsand zur nächsten Seehundbank fortsetzt, schaut ein junger Seehund dem Boot hinterher. Mit seinen Kulleraugen verfolgt er das Geschehen an Bord und posiert für die Teleobjektive. Dann taucht er schließlich ab.


Seehunde in der Nordsee

Von Peter Ehlers

Die Bezeichnung „Seehund“ hat ursprünglich mit See und Hund nichts zu tun, sondern ist vielmehr eine volksetymologische Umdeutung eines germanischen Wortes (Selha=Robbe, englisch seal). Seine Färbung ist regional unterschiedlich. In deutschen Gewässern ist er dunkelgrau gefärbt und hat am Körper verteilt schwarze Flecken. Der Seehund lebt auf der Nordhalbkugel im Atlantik und Pazifik und bevorzugt Küsten mit trockenfallenden Sandbänken. Zu den natürlichen Feinden gehören Raubwale, aber auch männliche Kegelrobben für die Heuler. Weltweit gibt es etwa 500000 Seehunde, von denen 90000 an europäischen Küsten leben. In der Ostsee ist der Seehund eine Seltenheit und wird auf 250 Tiere geschätzt, die Mehrheit davon an den Küsten von Dänemark und Schweden. Die Nordsee ist derzeit Lebensraum für etwa 28000 Tiere, davon 18000 an der deutschen Nordsee-Küste. Jährlich werden die Tiere mehrmals von Ehrenamtlichen – hauptsächlich Jäger, auch aus Osnabrück – bei Ebbe auf den Sandbänken aus Flugzeugen gezählt.

Entdecken Spaziergänger einen Heuler am Strand, so sind besondere Verhaltensregeln zu beachten:

Zeitraum Juni–August: Abstand halten und die Heuler nicht anfassen, weil dann die Mutter ihr Junges nicht mehr annimmt. Wenn die Mutter nicht erscheint, sollten Spaziergänger den Wattenjagdaufseher benachrichtigen. Dieser prüft, ob es sich wirklich um einen verlassenen Heuler handelt, der dann in die Seehund-Station verbracht wird.

Im Zeitraum zwischen September und Mai sollten Jungtiere nur gemeldet werden, wenn sie verletzt sind.