App Tinnitracks von Sonormed Neue Apps wollen mit Musik Tinnitus-Symptome vermindern

Von Sarah Engel


Osnabrück. Das Geräusch entsteht innerhalb einer Woche und kann ein Leben lang bleiben. Mehr als 3,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Tinnitus. Neue Apps, wie Tinnitracks aus Hamburg, versuchen mit Musik, die Störgeräusche im Ohr zu vermindern.

Piepen, Pfeifen, Rauschen, Knacksen, Klingeln – ein Tinnitus hat viele Facetten. Mehr als 3,2 Millionen Menschen in Deutschland kennen die störenden Geräusche im Ohr. Ärzte versuchen, das Leid zu mildern. Trotzdem werden die Fremdtöne für viele zur psychischen Belastung. Ein Teufelskreis. Denn Stress und Druck fördern den Tinnitus.

Überaktive Nervenzellen

Mit Lieblingsmusik verbinden jedoch die wenigsten ein negatives Gefühl. Sie macht gute Laune, lenkt ab. „Ein Teilgebiet des Klangs ist die Musik“, sagt Christo Pantev, Leiter des Instituts für Biomagnetismus und Biosignalanalyse an der Universität Münster. Seit Jahren forscht der Wissenschaftler zu dem Symptom, das im Gehirn entsteht. Denn der Tinnitus ist kein Problem der Ohren. Überaktive Nervenzellen im Gehirn führen dazu, dass Patienten ein Pfeifen oder Klingeln hören. Bereits die alten Griechen beschäftigten sich mit dem Tinnitus, sagt Pantev. Von der Antike bis heute wurden die verschiedenen Ansätze zur Behandlung diskutiert.

Musik wird angepasst

Für die Studien des Münsteraner Instituts wurde die Tinnitus-Frequenz jedes einzelnen Patienten bestimmt. Anschließend luden sie ihre Musik auf einen Server. Die Forscher veränderten das Frequenzspektrum der Titel und passten diese auf die Frequenz des Tinnitus an. Ihr Ansatz: Wenn die Betroffenen diese veränderte Musik hören, werden die überaktiven Nervenzellen durch das sogenannte Phänomen der seitlichen Hemmung beruhigt. Dabei werden gesunde Nervenzellen von der frequenzgefilterten Musik beeinflusst. Durch diese Stimulation wird die Aktivität der danebenliegenden, überreizten Nervenzellen ausgeglichen, und die Symptome des Tinnitus verändert. Nach längerer Anwendung der Therapie sollte sich so die Intensität und Lautstärke des Geräuschs vermindern.

Tinnitus wird reduziert

Tatsächlich zeigte die Studie, dass bei Betroffenen mit einem chronischen tonalen Tinnitus – dabei klingt der Tinnitus wie ein Pfeif- oder Piepton – die Beschwerden zwar nicht ganz verschwanden aber verringerten. Voraussetzung war jedoch eine längere Therapie. Die Probanden sollten für ein Jahr zwischen einer und zwei Stunden am Tag ihre individuell angepasste Musik hören. „Es ist ein Paradoxon der Wissenschaft“, sagt Pantev zu den Ergebnissen. „Der Tinnitus entsteht innerhalb einer Woche. Aber unsere Probanden mussten ein Jahr die bearbeitete Musik hören, damit sich das Störgeräusch um 25 Prozent reduziert.“

Tinnitracks nutzt Ergebnisse

Vor fünf Jahren veröffentlichten Christo Pantev und sein Team die ersten Ergebnisse ihrer Tinnitus-Forschung. Bewusst hätten sie sich ihre Idee nicht patentieren lassen, sagt der Institutsleiter. „Wir wollten unsere Ansätze bekannt machen.“ Von der Wissenschaft gelangte die Idee in die Wirtschaft und so 2012 zum Hamburger Unternehmen Sonormed. Ihre audiologischer Dienst Tinnitracks setzt an den Münsteraner Ergebnissen an.

Nutzer lassen durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder Hörgeräte-Akustiker ihre Tinnitus-Frequenz ermitteln. Anschließend tragen sie diese online ein und laden ihre Musik auf den Server. Ein Algorithmus prüft, ob diese für die Therapie geeignet ist, und wandelt die MP3-Dateien binnen weniger Sekunden um. Danach kann die eigene Therapie mit Tinnitracks starten.

Musik eigne sich vor allem aus zwei Gründen hervorragend für die Anwendung, sagt Sonormed-Geschäftsführer Jörg Land, der das Unternehmen gemeinsam mit Adrian Nötzel und Matthias Lanz gründete. Zum einen würden Menschen aufmerksam zuhören, zum anderen sei eine Therapietreue einfach. Denn ihre Lieblingstitel hören Nutzer sonst auch nebenbei in ihrem Alltag und nehmen sie so nicht aktiv als Therapiemittel wahr.

Zwei Stunden Musikhören

Auch Sonormed empfiehlt, Tinnitracks zwei Stunden pro Tag zu nutzen. Doch wann eignet sich die neuroakustische Stimulation? „Sie sollten schon zuhören“, sagt Betriebswirt Land. „Auf der Autobahn würde ich es nicht machen. Aber beim Kochen bietet es sich an.“ Eine Voraussetzung gibt es: Die Musik muss über Kopfhörer abgespielt werden. „Wir sind keine coole App“, sagt Land. „Wir sind ein zertifiziertes Medizinprodukt. Es ist eine Behandlung.“

Kooperation mit Sennheiser

So lief auch ihr Eintritt in den Markt langsam an. Für viele Betroffene, Mediziner oder Krankenkassen sei es am Anfang schwierig gewesen, Tinnitracks einzuordnen. Hilfe bot ihnen eine Kooperation mit dem Unternehmen Sennheiser, das als Experte im Bereich Audiologie gilt und neben Kopfhörern auch Hörhilfen produziert. Sennheiser habe Tinnitracks viele Türen geöffnet und dabei geholfen, ein Netzwerk aufzubauen. Dennoch gingen deutsche Vertreter zunächst vorsichtig an die Neuheit heran. „Der Hamburger sagt dazu: Das ist gar nicht mal schlecht. In Amerika jubeln Vertreter und rufen: Awesome!“, sagt Land.

Gründerpreis gewonnen

Eine Begeisterung, die ihm auch im Frühling entgegenschlug. Als erstes deutsches Unternehmen gewann Sonormed den Gründerpreis der Digitalkonferenz „South by Southwest“ in Texas und stieß damit auf internationales Interesse. Aktuell plant das Unternehmen den Markteinstieg in den Niederlanden, weitere Länder sollen folgen. „Wir müssen für die Digitalisierung offen sein“, sagt Jörg Land. Mit rund 200 Ärzten arbeitet Sonormed im Bundesgebiet zusammen. Als Nächstes soll eine Kooperation mit Krankenkassen gelingen. Im Juni ging die App des Unternehmens an den Start. Wie viele Menschen Tinnitracks tatsächlich nutzen, verrät Land nicht. Nur so viel: Die Upload-Zahlen der App würden bereits nach wenigen Wochen im vierstelligen Bereich liegen. Dabei hat die digitale Therapie ihren Preis: Während die App (Android und iOS) für 19 Euro im Monat nutzbar ist, kostet das komplette Tinnitracks-Paket mit einer Bindung von 24 Monaten einmalig 539 Euro. Eine Lightversion zum Ausprobieren gibt es kostenlos. Doch diese wandelt nur fünf Titel um.

Wissenschaftler ist skeptisch

Eine Preispolitik, die Christo Pantev von der Universität Münster skeptisch sieht. Er hat das Gefühl, dass viele Unternehmen mit den Tinnituspatienten nur Geld verdienen wollen. Der Profit, nicht die Heilung, stehe im Vordergrund. Deshalb arbeitet sein Team mit der internationalen „Tinnitus Research Initiatve“ an einer eigenen App für iOS, die Ende des Jahres auf den Markt kommt. Sie soll einmalig weniger als 30 Euro kosten und die Tinnitus-Daten zudem erheben. Bislang testete der Wissenschaftler die Auswirkungen der Musiktherapie mit einer kleinen Gruppe von 100 Personen. Die App soll es den Forschern ermöglichen, Daten Tausender Nutzer miteinander zu vergleichen. Nur so könnten Forschung und Therapie weiterentwickelt werden, sagt Christo Pantev. Denn der Tinnitus sei bis heute nicht voll verstanden.